Das war doch mei­ne Idee!

Mit­ar­bei­ter, die Vor­schlä­ge ein­brin­gen, ste­hen hoch im Kurs. Was aber, wenn es nicht ih­re ei­ge­nen Ge­dan­ken sind?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von la­ris­sa holz­ki

Den Bild­schirm im Bü­ro zu sper­ren, wä­re Si­mon nicht in den Sinn ge­kom­men. Und wer schließt schon sei­ne No­ti­zen in die Schreib­tisch­schub­la­de ein, be­vor er aufs Klo geht? Doch seit Kur­zem denkt Si­mon, der sich nicht un­ter sei­nem rich­ti­gen Na­men über Kol­le­gen be­schwe­ren will, dar­über nach: Wer klu­ge Ge­dan­ken hat und sie gut ver­kau­fen kann, macht in sei­nem Be­ruf Kar­rie­re. Be­son­ders Be­rufs­ein­stei­ger wie er müs­sen sich pro­fi­lie­ren. Da schielt je­der ein biss­chen dar­auf, was die an­de­ren tun. Als Si­mon aber das ers­te Mal er­leb­te, wie ein Bü­ro­nach­bar im Mee­ting dem Chef Über­le­gun­gen er­läu­ter­te, die er – Si­mon – Ta­ge zu­vor auf ein paar Zet­tel ge­krit­zelt und of­fen lie­gen ge­las­sen hat­te, konn­te er es trotz­dem kaum fas­sen: Ein Kol­le­ge klaut Ide­en und prä­sen­tiert sie als sei­ne ei­ge­nen.

Be­ra­ter, Wer­be­leu­te, Ent­wick­ler und vie­le an­de­re Be­rufs­grup­pen le­ben buch­stäb­lich von ih­ren Ein­fäl­len. Ide­en­klau kommt al­ler­dings qu­er durch al­le Branchen vor, beim Au­to­kon­zern wie in der Ver­wal­tung, in Re­dak­tio­nen wie in der Wis­sen­schaft. Da sagt et­wa ein Steu­er­be­ra­ter in der Kaf­fee­kü­che ei­ner Groß­kanz­lei, man könn­te doch mal ein Man­dan­ten-Event or­ga­ni­sie­ren, um die Kli­en­ten zu bin­den – und der an­de­re klap­pert nur mit dem Löf­fel in der

Wenn Kol­le­gen nicht mehr mit­ein­an­der re­den, dann scha­det das dem Be­trieb

Tas­se her­um. Aber bei der nächs­ten Ge­le­gen­heit schlägt er dem Vor­ge­setz­ten ge­ra­de­zu en­thu­si­as­tisch eben solch ei­ne Ver­an­stal­tung vor, oh­ne den Ide­en­ge­ber auch nur zu er­wäh­nen. Cor­ne­lia Topf fal­len vie­le sol­cher Bei­spie­le ein. Die Ökonomin ar­bei­tet als Me­dia­to­rin mit vie­len Un­ter­neh­men zu­sam­men und sagt: „Ide­en­klau ist über­all auf­find­bar.“

Ei­ne wett­be­werbs­ori­en­tier­te Fir­men­kul­tur för­de­re die­ses un­mo­ra­li­sche Ver­hal­ten noch, sagt der Or­ga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­ge Alex­an­der Zill von der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Chem­nitz. „Wenn es ei­ne Rang­fol­ge gibt, die zeigt, wer in der Ar­beits­grup­pe die höchs­te Leis­tung er­bringt, und von der die Ver­gü­tung ab­hän­gig ge­macht wird, dann kann das an­spor­nen, aber auch da­zu füh­ren, dass Mit­ar­bei­ter zu un­fai­ren Mit­teln grei­fen.“Weil Un­ter­neh­men sich heu­te schnell ver­än­dern müss­ten, wür­den Ide­en im­mer wich­ti­ger und un­ter Um­stän­den auch ent­spre­chend ho­no­riert.

Wenn das da­zu führt, dass Kol­le­gen nicht mehr of­fen mit­ein­an­der re­den und Ide­en in der Schub­la­de ver­ste­cken, bis sie ein Kon­zept da­zu aus­ge­ar­bei­tet ha­ben, pro­fi­tiert al­ler­dings nie­mand da­von. Das lässt sich am Da­hin­sie­chen des be­trieb­li­chen Vor­schlags­we­sens in vie­len Kon­zer­nen be­ob­ach­ten. Das ist ge­nau­so um­ständ­lich, wie der Be­griff ver­mu­ten lässt: Ein Sys­tem, in das Mit­ar­bei­ter aus­for­mu­lier­te Vor­schlä­ge ein­spei­sen, da­mit die­se von ei­nem Ver­bes­se­rungs­gre­mi­um be­se­hen, be­wer­tet und schließ­lich – oft nach Mo­na­ten, so dass der Ide­en­ge­ber sein Kon­zept schon fast ver­ges­sen hat – ent­we­der ab­ge­lehnt oder an die Chefs wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Das Gre­mi­um kann bes­ten­falls Ja sa­gen und ei­ne Be­loh­nung aus­schüt­ten. Da­bei wä­re die bes­te Ant­wort auf ei­ne Idee ei­gent­lich: Nicht so, aber an­ders.

Die bes­ten Ide­en hat sel­ten ein Mensch al­lein. Und sie ent­ste­hen oft erst dann, wenn schlech­te­re Ide­en ver­wor­fen wer­den, ha­ben US-ame­ri­ka­ni­sche For­scher

Die Schweiz ist ein herr­li­ches Land. Die meis­ten Schwei­zer se­hen das ge­nau­so. Al­le Län­der ha­ben ih­re Ei­gen­hei­ten, die sich aus dem täg­li­chen Mit­ein­an­der er­ge­ben. Die Deut­schen sind welt­weit be­rühmt fürs ak­ku­ra­te Müll­tren­nen, die Ita­lie­ner fürs lau­te Te­le­fo­nie­ren mit der Ma­ma, die Hol­län­der für ei­nen Hang zu Au­to­rei­sen mit Wohn­an­hän­ger. Die Schwei­zer be­trach­ten sich als be­son­de­rer denn be­son­ders. Au­ßer­dem sind sie in ih­ren Kan­to­nen fest ver­wur­zelt, fest wie der Baum, vor dem Tells Sohn stand, als Pa­pa ihm den Ap­fel vom Kopf schoss. Der Schwei­zer Ger­ma­nist Pe­ter von Matt hat das so be­schrie­ben: „Das Be­ha­gen im Fö­de­ra­lis­mus be­darf kei­ner wei­te­ren Be­wei­se. Es gibt Kan­to­ne, die möch­ten nicht nur ihr ei­ge­nes Ei­sen­bahn­netz und kan­ton­spe­zi­fi­sche Herz­ver­pflan­zun­gen, son­dern am liebs­ten auch noch ihr ei­ge­nes Ozon­loch.“

Vie­le Schwei­zer fühl­ten sich un­wohl, als sie im 19. Jahr­hun­dert in ei­nem Na­tio­nal­staat zu­sam­men­ge­bracht wur­den. Pe­ter von Matt spricht von der Furcht, die Städ­ter könn­ten al­les Ei­ge­ne, al­les Ech­te zer­stö­ren. Jo­han­na Spy­ris her­zi­ge „Hei­di“-Ro­ma­ne wa­ren da­mals hoch­po­li­tisch. Land stand ge­gen Stadt. Auch we­gen der im­po­san­ten Ver­kehrs­hin­der­nis­se mit ih­ren be­schnei­ten Gip­feln ka­men die Land­leu­te nicht zu­sam­men, son­dern wa­ren in je­der Re­gi­on für sich auf „dä So­ckä“auf­ge­bracht. Die Schwei­zer Po­li­ti­ker nah­men Luft aus dem Kes­sel, sie ge­währ­ten den Kan­to­nen viel Ei­gen­stän­dig­keit und dem Volk viel Mit­spra­che. So kam es zu den heu­ti­gen Schwei­zer Volks­ab­stim­mun­gen.

Ein­fach ge­ni­al

Wie sich In­no­va­tio­nen im Be­trieb durch­set­zen – oder eben nicht her­aus­ge­fun­den. Sie hat­ten un­ter­sucht, was er­folg­rei­che Un­ter­neh­men im Si­li­con Val­ley aus­macht. Das Er­geb­nis: Start-ups, die mehr­fach ihr Pro­dukt oder Ge­schäfts­mo­dell ge­än­dert ha­ben, set­zen sich eher durch als sol­che, die sich an ih­re Grün­dungs­idee klam­mern. Grün­der be­kom­men vor al­lem von In­ves­to­ren und Kun­den Feed­back, ob ih­re Idee et­was taugt. Für den Mit­ar­bei­ter im Bü­ro gibt es kei­nen kri­ti­sche­ren Prü­fer als den Kol­le­gen, der die Fir­ma, de­ren Mit­ar­bei­ter, Kun­den und Pro­duk­te eben­so gut kennt wie er.

Soll­te al­so je­de noch so un­rei­fe Idee gleich aus­ge­spro­chen wer­den? Und müs­sen Men­schen wie Si­mon ak­zep­tie­ren, dass Kol­le­gen ih­re Ide­en schnel­ler vor­tra­gen, wenn sie da­mit zö­gern? Nein, sagt Cor­ne­lia Topf: „Je­der Mit­ar­bei­ter ei­nes Teams muss da­für sor­gen, dass er mit sei­nen Ide­en ge­se­hen wird.“Wenn an­de­re auf­stei­gen, weil sie frem­de Ide­en als ih­re ver­kau­fen, wer­de das Ge­rech­tig­keits­ge­fühl ge­stört, auch bei Men­schen oh­ne gro­ße Kar­rie­ream­bi­tio­nen. Zu­min­dest die An­er­ken­nung hät­ten sie gern. Das Pro­blem: Die meis­ten Men­schen scheu­en den Kon­flikt. Lie­ber tut man so, als hät­te man den Ide­en­dieb­stahl nicht be­merkt, als mit dem Kol­le­gen zu strei­ten und an­schlie­ßend feind­se­lig ne­ben­ein­an­der­zu­sit­zen. Doch da­zu muss es gar nicht kom­men.

Häu­fi­ger als an­ge­nom­men han­del­ten Kol­le­gen eher blau­äu­gig als ab­sicht­lich, sagt Cor­ne­lia Topf. So oder so sei es aber wich­tig, dar­auf zu re­agie­ren: „Du, das war mei­ne Idee, die du da eben im Mee­ting so groß­ar­tig ver­kauft hast.“Oft wer­de man dann er­le­ben, dass der oder die an­de­re sagt: „Ach, stimmt, dar­über ha­be ich gar nicht nach­ge­dacht.“Trotz­dem er­mu­tigt die Men­to­rin da­zu, auch nach ei­ner Ent­schul­di­gung die Gren­zen zu mar­kie­ren: „Es wä­re fair, wenn du das nächs­te Mal al­le Be­tei­lig­ten nen­nen wür­dest.“Vor al­lem wenn der Ein­druck be­steht, dass doch ein ge­wis­ses Kal­kül da­hin­ter­steck­te, soll­ten Be­trof­fe­ne noch ein Stück wei­ter ge­hen – bes­ser hu­mor­voll als dra­ma­tisch, emp­fiehlt die Men­to­rin: „Über­nimm für mich die Aus­wer­tung der Ta­bel­le XY, dann sind wir quitt“, wä­re ein denk­ba­res An­ge­bot. „Wenn Sie Glück ha­ben, macht er es tat­säch­lich. Wich­ti­ger ist aber klar­zu­stel­len, wel­chen Wert die Idee hat und dass das bes­ser nicht wie­der vor­kommt“, sagt Topf.

Schwie­ri­ger wird es, wenn der oder die Vor­ge­setz­te Ide­en klaut und bei­spiels­wei­se Lö­sun­gen, die im Team ent­wi­ckelt wur­den, als sei­ne al­lei­ni­gen nach oben oder au­ßen wei­ter­trägt. Ihn da­für bei den Chefs an­zu­schwär­zen, ist schon des­halb kei­ne Op­ti­on, weil er sich rä­chen könn­te. Ein ers­ter Schritt kann sein, im per­sön­li­chen Ge­spräch auf den ei­ge­nen Bei­trag hin­zu­wei­sen. „Es freut mich, dass Sie mei­ne Ide­en auf­grei­fen“, schlägt Cor­ne­lia Topf ei­ne For­mu­lie­rung vor. Je nach Ver­hält­nis zum Team­lei­ter kön­ne der Mit­ar­bei­ter fra­gen, ob er sei­ne Ide­en auch mal selbst in ei­nem be­stimm­ten Gre­mi­um vor­stel­len kön­ne. Wich­tig sei, dass ein An­spruch an­ge­mel­det, aber kein An­griff an­ge­deu­tet wer­de. Er­zwin­gen kann der Mit­ar­bei­ter so­wie­so nichts. Wer schweigt, um den Vor­ge­setz­ten zu stra­fen, kommt selbst nicht wei­ter.

Letzt­lich lei­det das Un­ter­neh­men ins­ge­samt dar­un­ter, wenn nicht klu­ge Köp­fe, son­dern Blen­der be­för­dert wer­den. Die Un­ter­neh­mens­lei­tung kann dem Ide­en­klau ent­ge­gen­wir­ken, in­dem sie Team­ar­beit för­dert. „Ein An­satz kann sein, Be­loh­nun­gen an Grup­pen aus­zu­schüt­ten“, sagt Or­ga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­ge Zill. Es ist sinn­los ge­gen­ein­an­der an­zu­tre­ten, wenn nur das Ge­samt­er­geb­nis ge­wür­digt wird.

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