Hei­te­re Mi­nis­te­rin

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Fran­zis­ka augstein

Je klei­ner ei­ne Ge­mein­de ist, des­to mehr Bür­ger be­tei­li­gen sich an Volks­ent­schei­den

Es mag nun so aus­se­hen, als ob Ple­bis­zi­te nö­tig sei­en. Schließ­lich geht es dar­um, die Leu­te bei der de­mo­kra­ti­schen Stan­ge zu hal­ten. Vie­le Men­schen ha­ben sich dar­an ge­wöhnt, hem­mungs­los ih­re Mei­nung kund­zu­tun. Per Kat­zen­bil­der und Auf­nah­men von ih­rem Es­sen zei­gen sie, dass sie exis­tie­ren. Sie „li­ken“oh­ne Un­ter­lass, sie ma­chen mit bei „Shits­torms“, oh­ne ge­nau zu wis­sen, wor­um es geht. Di­rek­te De­mo­kra­tie scheint an­ge­sagt, da­mit die De­mo­kra­tie über­lebt. Im Netz ist das al­les gut und mehr oder we­ni­ger schön. In der po­li­ti­schen Pra­xis aber ist Vor­sicht ge­bo­ten.

Der Aus­gang von Ple­bis­zi­ten ist oft­mals vor­her­seh­bar. Wenn es dar­um geht, abs­trak­tes Geld zu spa­ren, sind die Wäh­ler da­für. Wenn es gilt, das Hei­mi­sche zu be­wah­ren, Fran­zis­ka Gif­fey, 40, Bun­des­frau­en­mi­nis­te­rin, hat Er­fah­rung mit dem be­rühm­ten Ra­ben­müt­ter-Vor­wurf. „Mir hat mal ei­ne Mut­ter ge­sagt“, be­rich­te­te Gif­fey am Don­ners­tag beim Frau­en­fo­rum des Be­am­ten­bun­des, „für das, was Du machst, ha­be ich mei­ne Kin­der zu lieb.“Da ha­be sie erst mal ge­schluckt, sag­te Gif­fey um dann dem über­wie­gend weib­li­chen Pu­bli­kum gut ge­launt zu­zu­ru­fen: „Aber mein Sohn wird neun, und der fin­det cool, was ich ma­che.“Über­haupt ist die Mi­nis­te­rin, die vor rund 100 Ta­gen noch Bür­ger­meis­te­rin des Ber­li­ner Be­zirks Neu­kölln war, in bei­na­he aus­ge­las­se­ner Stim­mung. „Das emp­find­lichs­te Kör­per­teil des Man­nes?“, frag­te sie das er­hei­ter­te Au­di­to­ri­um. „Das Porte­mon­naie!“Ge­nau des­halb müs­se der Er­zie­her­be­ruf bes­ser be­zahlt wer­den, sonst krie­ge man kei­ne Män­ner. Ganz grund­sätz­lich gab sie den Frau­en dann noch den Rat­schlag mit: „Wer nichts will, kriegt auch nichts.“ sind die Wäh­ler da­für. Wenn es dar­um geht, Frem­de aus­zu­gren­zen, sind die Wäh­ler da­für. Letz­te­res führ­te 2009 zu der lä­cher­li­chen Schwei­zer Ent­schei­dung, den Bau von Mi­na­ret­ten zu un­ter­sa­gen.

Die Stu­die von Mehr De­mo­kra­tie of­fen­bart, wo Bür­ger­ent­schei­de sinn­voll sind: Je klei­ner die Ge­mein­de, des­to grö­ßer die Be­tei­li­gung. Han­delt es sich um Ab­stim­mun­gen in Ge­mein­den mit bis zu 2000 Ein­woh­nern, ge­ben im Schnitt 65,7 Pro­zent der Stimm­be­rech­tig­ten ihr Vo­tum ab. In Städ­ten mit mehr als ei­ner hal­ben Mil­li­on Ein­woh­nern sind es bloß 28,4 Pro­zent. In klei­nen Ge­mein­den geht es um kon­kre­te Fra­gen: Ge­wer­be­ge­biet, ja oder nein; Schwimm­bad, ja oder nein. Sol­che Ab­stim­mun­gen sind wich­tig.

Ver­hee­rend hin­ge­gen wä­re es, die Bür­ger auf­zu­ru­fen, über Fra­gen zu ent­schei­den, die das gro­ße Gan­ze be­tref­fen. Die Volks­be­fra­gung über Bri­tan­ni­ens Ver­bleib in der EU war so ein Fall. Da konn­ten die meis­ten nicht ah­nen, was sie sich ein­han­deln. Vie­le sind sau­er auf die ab­ge­ho­be­ne Po­li­teli­te in Lon­don und auf „Brüs­sel“so­wie­so, je­den­falls auf das, was sie sich dar­un­ter vor­stel­len. An­de­re sind sch­licht aus­län­der­feind­lich.

Die Schrift­stel­le­rin No­ra Boss­ong hat in der taz ge­schrie­ben: „Die De­mo­kra­tie ver­kommt im­mer mehr zum in­ter­ak­ti­ven Mit­mach­spiel.“Recht hat sie. Von Volks­ab­stim­mun­gen im gro­ßen Stil ist ab­zu­ra­ten. An die­ser Stel­le schrei­ben je­den Frei­tag Fran­zis­ka Augstein und Ni­ko­laus Pi­per im Wech­sel.

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