Wolf im Schafs­pelz

Man­che Chefs hal­ten sich selbst für die bes­ten – aber sie las­sen sich ma­ni­pu­lie­ren

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - La­ris­sa holz­ki

Mün­chen – Dass der Chef ap­plau­diert, wenn sie ei­ne Idee vor­tra­gen, er­le­ben Mit­ar­bei­ter sel­ten. Das ist mensch­lich. Was wir uns nicht selbst aus­ge­dacht ha­ben, macht uns skep­tisch. Wenn die Idee gut wä­re, hät­ten wir sie selbst ge­habt, so lau­tet oft die De­vi­se von Füh­rungs­kräf­ten und in Un­ter­neh­men, des­sen Mit­ar­bei­ter ab­schät­zig auf Wett­be­wer­ber schau­en. „Not-in­ven­ted­he­re-Syn­drom“wird die­ses Phä­no­men ge­nannt. Vie­le Füh­rungs­kräf­te glau­ben, qua Amt die bes­ten Ide­en ha­ben zu müs­sen. Das kann für Mit­ar­bei­ter frus­trie­rend sein – vor al­lem wenn sie an der Ge­nia­li­tät der Füh­rungs­kraft zwei­feln.

Die Er­kennt­nis, dass der Chef oder die Che­fin nur Vor­ha­ben um­set­zen, die sie selbst in­iti­iert ha­ben, kann je­doch der ers­te Schritt sein, die ei­ge­ne Idee doch noch durch­zu­bo­xen – et­wa weil man von ih­rem Nut­zen für das Un­ter­neh­men über­zeugt ist. Ob das ge­lingt, ist ei­ne Fra­ge von Be­schei­den­heit und Tak­tik. „Wenn mir die Rea­li­sie­rung ei­ner Idee wich­ti­ger ist als die An­er­ken­nung da­für, ist es stra­te­gisch klug, nicht zu be­to­nen, dass die­se von mir ist“, sagt Achim Mich­al­ke, Pro­fes­sor für Tech­ni­sche Un­ter­neh­mens­füh­rung an der Ost­fa­lia Hoch­schu­le in Wol­fen­büt­tel: „Wer sei­ne Ur­he­ber­schaft an ei­ner Idee ver­schlei­ert oder gar so weit geht, sie dem Chef un­ter­zu­schie­ben, kann das Un­ter­neh­men von un­ten füh­ren.“

Die Vor­stel­lung klingt ab­surd. Wie soll man je­man­den da­von über­zeu­gen, er oder sie ha­be ei­ne Idee selbst ge­habt? Tat­säch­lich er­in­nern sich Men­schen nicht so ge­nau an Ver­gan­ge­nes. „Je­des Mal, wenn wir et­was im Kopf wie­der auf­ru­fen, ver­än­dert es sich, und schließ­lich er­in­nern wir ei­ne Si­tua­ti­on viel­leicht ganz an­ders, als sie ur­sprüng­lich war“, sagt Mich­al­ke – bei ei­ner Füh­rungs­kraft sei das be­son­ders leicht ma­ni­pu­lier­bar. Men­schen, die ei­ne Fir­ma oder ei­ne Ab­tei­lung lei­ten, führ­ten so vie­le Ge­sprä­che und müss­ten so viel be­den­ken,

Be­für­wor­ter von Re­fe­ren­den füh­ren die Schweiz an, um zu be­le­gen, wie um­sich­tig Bür­ger ih­re Stim­me ab­ge­ben. Neu­lich zum Bei­spiel ha­ben die Schwei­zer die so­ge­nann­te Voll­geld-Initia­ti­ve ab­ge­schmet­tert. Be­deu­ten­de aus­wär­ti­ge Kom­men­ta­to­ren plä­dier­ten für das Schwei­zer Voll­geld: Das glo­ba­le Fi­nanz­sys­tem müs­se drin­gend re­for­miert wer­den; in der Schweiz kön­ne man das tes­ten: Mög­li­cher­wei­se kön­ne Ru­he in das ris­kan­te Trei­ben der Fi­nanz­märk­te ge­bracht wer­den, wenn künf­tig al­le Kre­di­te durch die No­ten­bank ab­ge­si­chert sei­en, wenn Pri­vat­ban­ken nicht mehr oh­ne Wei­te­res Geld schöp­fen dürf­ten, in­dem sie Kre­di­te ver­ge­ben. Aber die ei­gen­sin­ni­gen Schwei­zer sag­ten: nichts da! Sie woll­ten nicht als Meer­schwein­chen zur Ver­fü­gung ste­hen. Ver­ständ­li­cher­wei­se.

War­um sind die Schwei­zer so klug? Nun, sie sind nicht klü­ger als die Bay­ern. Der ers­te baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent, der So­zi­al­de­mo­krat Wil­helm Ho­eg­ner, ver­brach­te die NS-Zeit im Schwei­zer Exil. Nach sei­ner Rück­kehr in die Hei­mat pflanz­te er dort ein schö­nes Sou­ve­nir: Er sorg­te da­für, dass die Ver­fas­sung des Frei­staats von 1946 Ple­bis­zi­te vor­sieht. Die Bay­ern sind da­rin al­so ge­übt. Die baye­ri­sche Ver­ei­ni­gung Mehr De­mo­kra­tie hat da­zu ei­ne Stu­die ver­öf­fent­licht, die er­freu­li­cher­wei­se so­gar in kla­rem Deutsch ge­schrie­ben ist (https://www.mehr-de­mo­kra­tie.de/fi­lead­min/pdf/bb-be­rich­t_bay­ern2015.pdf).

Wor­um geht es bei den Bür­ger­ent­schei­den? Wirt­schafts­pro­jek­te ste­hen an der Spit­ze, ge­folgt von Ver­kehrs­pro­jek­ten, In­fra­struk­turund Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen, dass sie ver­ges­sen kön­nen, wie ei­ne Idee ent­stan­den ist und wel­chen Bei­trag sie da­zu ge­leis­tet ha­ben. „Wenn Sie dem Chef sa­gen, er selbst hät­te doch mal vor­ge­schla­gen, das Pro­blem so und so zu lö­sen und die­se Idee kön­ne man wie­der auf­grei­fen, wird er viel­leicht erst mal stut­zen“, sagt Mich­al­ke. Aber schon beim nächs­ten Mal wer­de sich bei ihm ver­fes­tigt ha­ben, dass das sei­ne Idee war: „In­so­fern fin­det er das auch ent­spre­chend gut.“Et­was be­hut­sa­mer ist die Wolf-im-Schafs­pelz-Me­tho­de, bei der An­re­gun­gen in Ge­dan­ken des Vor­ge­setz­ten ver­packt wer­den: „Ich in­ter­pre­tie­re Ih­re Aus­sa­ge so, dass Sie fol­gen­de Lö­sung vor­schla­gen. Das hal­te ich für ei­ne gu­te Her­an­ge­hens­wei­se“, er­läu­tert Mich­al­ke.

Oft geht es ja auch um so ba­na­le Din­ge wie ei­ne neue Kaf­fee­ma­schi­ne, von der man Chefs gern über­zeu­gen wür­de. Mit die­ser Idee könn­te man es mal aus­pro­bie­ren – und den Er­folg dann still und schlür­fend ge­nie­ßen. da­nach kom­men So­zi­al- und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen. „In die­sen Kern­be­rei­chen der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung“, heißt es in der Stu­die, „war das größ­te In­ter­es­se und Mit­sprache­be­dürf­nis zu er­ken­nen.“Vor ih­rer Haus­tür keh­ren die Bay­ern ins­ge­samt sehr gut. Da weiß ein je­der, wor­um es geht. Das gilt so­gar für die Münch­ner, die vor ei­ni­ger Zeit dar­über ab­stimm­ten, ob ein Koh­le­kraft­werk wei­ter be­trie­ben wer­den dür­fe. Die Münch­ner wa­ren da­ge­gen. Weil es sich um ein ein­zi­ges Kraft­werk han­del­te, konn­te die Stadt den Ent­scheid ver­kraf­ten.

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