„Eu­re Pro­ble­me sind un­se­re Pro­ble­me“

Ame­ri­ka­ner und Bri­ten ver­bin­det viel: ge­mein­sam ge­führ­te Krie­ge, ge­mein­sa­me Spio­na­ge und ei­ne lan­ge Ge­schich­te der Po­li­ti­ker-Freund­schaf­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 2 THEMA DER WOCHE - Rey­mer klü­ver

Ei­gent­lich hät­te al­les so sein sol­len wie frü­her. Wie im Ja­nu­ar ver­gan­ge­nen Jah­res. Da eil­te Bri­tan­ni­ens Pre­mier­mi­nis­te­rin nur we­ni­ge Ta­ge nach dem Amts­an­tritt Do­nald Trumps ins Wei­ße Haus. Die sonst eher sprö­de Frau ließ sich strah­lend, gar händ­chen­hal­tend mit dem neu­en US-Prä­si­den­ten fo­to­gra­fie­ren. Und kurz­zei­tig sah es so aus, als könn­te wie­der­her­ge­stellt wer­den, was in den Jah­ren zu­vor ein we­nig in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten zu sein schien: die viel be­schwo­re­ne „be­son­de­re Be­zie­hung“zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und dem Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich, das en­ge Band zwi­schen der zur Welt­macht auf­ge­stie­ge­nen frü­he­ren Ko­lo­nie und dem eins­ti­gen Mut­ter­land, ein See­len­bund, der die Freund­schaft ver­bün­de­ter Na­tio­nen bei Wei­tem über­steigt. Spon­tan bat The­re­sa May den neu­en Freund zum Tee bei der Queen. Ei­ne Ein­la­dung, die sie mitt­ler­wei­le si­cher­lich mehr als ein­mal ger­ne rück­gän­gig ge­macht hät­te (sie­he Be­richt oben).

Denn be­son­ders an der Be­zie­hung ist im Mo­ment eher der Um­stand, dass Ame­ri­kas Prä­si­dent sie als Li­zenz be­greift, sich un­ge­niert in die bri­ti­sche Po­li­tik ein­zu­mi­schen. So for­der­te er die Pre­mier­mi­nis­te­rin ver­gan­ge­nen Herbst per Tweet auf, sich ge­fäl­ligst mehr auf den Kampf ge­gen den Ter­ror zu kon­zen­trie­ren. So dürf­te sich May die von ihr so­ge­nann­te neue be­son­de­re Be­zie­hung kaum vor­ge­stellt ha­ben.

Tat­säch­lich ist die en­ge Li­ai­son zwi­schen Lon­don und Wa­shing­ton ein Pro­dukt des Zwei­ten Welt­kriegs. Der da­ma­li­ge US-Prä­si­dent Fran­klin D. Roo­se­velt such­te das Bünd­nis mit den Bri­ten, weil er glaub­te, nur so die de­mo­kra­ti­sche Ord­nung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­gen ein dro­hen­des Bünd­nis au­to­ri­tä­rer Re­gimes rund um den Glo­bus, von Hit­ler-Deutsch­land über die So­wjet­uni­on bis hin nach Ja­pan, ver­tei­di­gen zu kön­nen. Hin­zu kam, dass er sich mit dem bri­ti­schen Kriegs­pre­mier Wins­ton Chur­chill bei dem ein oder an­de­ren Drink auch per­sön­lich bes­tens ver­stand. Sie tra­fen sich zwi­schen 1939 und 1945 elf Mal und schrie­ben ein­an­der nicht we­ni­ger als 1700 Brie­fe und Te­le­gram­me. An­geb­lich über­rasch­te Roo­se­velt sei­nen Gast Chur­chill bei ei­nem der Be­su­che im Wei­ßen Haus un­ter der Du­sche.

Das Ver­hält­nis kühl­te sich ab, als Lon­don kei­ne Sol­da­ten nach Viet­nam schi­cken woll­te

Pein­lich be­rührt woll­te der Ame­ri­ka­ner sich zu­rück­zie­hen, wor­auf der schlag­fer­ti­ge Chur­chill sag­te, dass ein bri­ti­scher Pre­mier vor dem US-Prä­si­den­ten nichts zu ver­heim­li­chen ha­be.

Es war auch Chur­chill, der den Be­griff von der „spe­cial re­la­ti­ons­hip“, der be­son­de­ren Be­zie­hung bei­der Län­der, so nach­hal­tig präg­te, dass er Jahr­zehn­te spä­ter noch als po­li­ti­scher Schlacht­ruf re­ak­ti­viert wer­den konn­te. Denn kei­nes­wegs blie­ben die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Chefs in Dow­ning Street und Wei­ßem Haus im­mer so eng. Dwight Ei­senhow­er et­wa, der die Bri­ten als Ober­be­fehls­ha­ber der al­li­ier­ten Streit­kräf­te im Kampf ge­gen Na­ziDeutsch­land ken­nen­lern­te, hat­te spä­ter als Prä­si­dent ein eher dis­tan­zier­tes Ver­hält­nis zu sei­nen Lon­do­ner Ge­gen­parts. Auch als Ha­rold Wil­son trotz Bit­ten der Ame­ri­ka­ner in den 1960er-Jah­ren kei­ne bri­ti­schen Sol­da­ten nach Viet­nam schick­te, war das Ver­hält­nis un­ter­kühlt. Und Ed­ward He­ath, Pre­mier in den 1970er-Jah­ren, sprach da­von, dass das Wort von der be­son­de­ren Be­zie­hung nicht zu sei­nem Vo­ka­bu­lar zäh­le.

Erst Ro­nald Rea­gan und Mar­ga­ret That­cher ent­deck­ten wie­der die anglo-ame­ri­ka­ni­sche See­len­ver­wandt­schaft – ein Bünd­nis kon­ser­va­ti­ver Geis­ter. Selbst wenn die als „Ei­ser­ne La­dy“be­kann­te Pre­mier­mi­nis­te­rin Die kon­ser­va­ti­ven Po­li­ti­ker Mar­ga­ret That­cher und Ro­nald Rea­gan ver­stan­den sich präch­tig – und ze­le­brier­ten dies auch. Hier 1987 in Wa­shing­ton. den Prä­si­den­ten am Te­le­fon we­gen an­geb­li­cher po­li­ti­scher Feh­ler rüg­te, raun­te Rea­gan sei­nen Be­ra­tern au­gen­zwin­kernd zu: „Ist sie nicht wun­der­bar?“That­cher sag­te bei ih­rem ers­ten Be­such Rea­gans: „Eu­re Pro­ble­me sind un­se­re Pro­ble­me, und wenn ihr nach Freun­den Aus­schau hal­tet, wer­den wir da sein.“Es wa­ren dann eher die Bri­ten, die Un­ter­stüt­zung such­ten, 1982 im Krieg ge­gen die Ar­gen­ti­ni­er um die Fal­k­land­in­seln – und die sie auch be­ka­men. Die In­for­ma­tio­nen der USGe­heim­diens­te dürf­ten ent­schei­dend zum Sieg der Bri­ten bei­ge­tra­gen ha­ben.

Tat­säch­lich ru­hen die en­gen Be­zie­hun­gen bei­der Län­der auf ei­nem Fun­da­ment, wie es sonst kaum zu fin­den ist im Ver­hält­nis zwei­er Na­tio­nen. So be­trei­ben Ame­ri­ka­ner und Bri­ten ge­mein­sam Stütz­punk­te in Die­go Gar­cia im In­di­schen Oze­an und auf As­cen­si­on Is­land im At­lan­tik. Die Ge­heim­diens­te bei­der Län­der bil­den (zu­sam­men mit den Di­ens­ten Aus­tra­li­ens, Neu­see­lands und Ka­na­das) den ex­klu­si­ven Spio­na­ge-Klub der so­ge­nann­ten Fi­ve Eyes: Die Agen­ten ar­bei­ten so eng zu­sam­men wie mit kei­nen an­de­ren Kol­le­gen ver­bün­de­ter Staa­ten. Selbst wirt­schaft­lich sind die Ver­flech­tun­gen be­deu­tend. Bri­ti­sche Un­ter­neh­men sind noch im­mer mit Ab­stand die größ­ten aus­län­di­schen In­ves­to­ren in den USA, und um­ge­kehrt sind es auch ame­ri­ka­ni­sche Kon­zer­ne in Groß­bri­tan­ni­en.

Doch am En­de war es im­mer die per­sön­li­che Nä­he, die die Be­zie­hun­gen bei­der Län­der be­son­ders mach­te – und es wa­ren Krie­ge. Zu­letzt war es so bei Ge­or­ge W. Bush und To­ny Blair, nach den Ter­ror­at­ta­cken vom 11. Sep­tem­ber 2001. Blair flog so­fort nach Wa­shing­ton und sag­te, dass Bri­ten und Ame­ri­ka­ner fort­an „Schul­ter an Schul­ter“stän­den; und Bush er­klär­te ge­rührt, dass die USA „kei­nen bes­se­ren Freund als Groß­bri­tan­ni­en“hät­ten. Blair stand auch zu sei­nem Kum­pel, als der sei­ne Trup­pen in den Irak ein­mar­schie­ren ließ – was dem Pre­mier den zwei­fel­haf­ten Ruf ein­brach­te, der „Pu­del“des Prä­si­den­ten zu sein. So et­was, im­mer­hin, ist The­re­sa May bis­her er­spart ge­blie­ben.

FO­TO: MI­KE SARGENT / AFP

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