Flücht­lings­hel­fer und der Staat

Oh­ne die Idea­lis­ten geht es nicht. Aber ob Po­li­ti­ker und Be­am­te das be­grei­fen?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 6 POLITIK -

Ge­wiss, auch ihn är­ge­re vie­les, aber er ver­su­che, die Po­li­tik zu igno­rie­ren: „Sol­len die da oben in der Po­li­tik doch ma­chen, was sie wol­len, wir ma­chen un­se­ren Job.“Er und sei­ne Leu­te kon­zen­trier­ten sich auf den Un­ter­richt, und wenn we­ni­ger Flücht­lin­ge in die Deutsch­stun­den kom­men, küm­me­re er sich mehr um ein­zel­ne, um zum Bei­spiel zu ver­hin­dern, dass bes­tens In­te­grier­te ab­ge­scho­ben wer­den. Al­so ist auch er Teil der An­tiab­schie­be-In­dus­trie? „Mit gro­ßer Freu­de.“

Uwe Glau­bitz, 63, lacht nicht mehr, die Wut hat sich zu tief in ihn hin­ein­ge­fres­sen. Er ist So­zi­al­päd­ago­ge, er lebt in Bay­ern, er ist in Ra­ge. Für ihn ist der Rechts­staat zum „Rechts-Staat“ge­wor­den, und des­halb be­gehrt er auf: Er ver­ste­cke kei­nen Flücht­ling vor dro­hen­der Ab­schie­bung, das nicht, aber er ra­te man­chem, sich nicht mehr an sei­ner Mel­deadres­se auf­zu­hal­ten und das Han­dy aus­zu­schal­ten. Das ist ei­ne Art po­li­ti­scher Not­wehr, und so klingt auch, was aus ei­ner ost­deut­schen Groß­stadt zu hö­ren ist. Es ge­be da ei­ne Rich­te­rin, die über den Schutz für Flücht­lin­ge ent­schei­det. Die Frau sei AfD-Mit­glied. Ei­ne Ak­ti­vis­ten­grup­pe über­le­ge, so be­rich­tet ein Ak­ti­ver, die­se Rich­te­rin zu ou­ten.

„Der Frust hat zu ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung und Zu­spit­zung ge­führt, und das in der bür­ger­li­chen Mit­te des Lan­des“, sagt Wer­ner Schif­fau­er, der lan­ge an der Uni in Frank­furt (Oder) Kul­tur­an­thro­po­lo­gie ge­lehrt hat. Wäh­rend sich die ei­nen Hel­fer ent­kräf­tet zu­rück­zö­gen, ge­be es auch vie­le, die sich po­li­ti­sie­ren. Genau das ist auch Schif­fau­ers Ap­pell: Po­si­ti­on zu be­zie­hen für ei­nen mensch­li­chen Um­gang mit Schutz­su­chen­den, das sei „bit­ter not­wen­dig“.

Ei­ne Al­lens­bach-Um­fra­ge von 2017 kam auf neun Mil­lio­nen Hel­fer

Kürz­lich be­kam er von ei­nem ehe­ma­li­gen Stu­den­ten ei­nen flam­men­den Ap­pell zu le­sen. Ans­gar Ru­dolf hat ihn ge­schrie­ben, er ist 29 und ar­bei­tet in der Nä­he von Bonn in der Asyl­be­ra­tung der Dia­ko­nie. „Es sind so vie­le Men­schen, die die­se Hys­te­rie trifft und da­für ei­nen ho­hen Preis zah­len“, sagt er, sie zahl­ten ihn in Form von Ras­sis­mus oder Fa­mi­li­en­tren­nung. Es sei wich­tig, hat er ge­schrie­ben, „jetzt die Stim­me zu er­he­ben, da wir den Nie­der­gang von mo­ra­li­schen und recht­li­chen Nor­men, von Grund- und Men­schen­rech­ten, von li­be­ra­len De­mo­kra­ti­en be­reits in Po­len, Un­garn, Ös­ter­reich und Ita­li­en be­ob­ach­ten kön­nen.“

Drei Jah­re nach dem Will­kom­mens­som­mer hat die Un­ter­stüt­zung für Flücht­lin­ge zwar nach­ge­las­sen, sie ist aber nicht ero­diert. Und es gibt viel mehr Ak­ti­ve, als man ob der De­bat­te mei­nen könn­te, das ist aus ei­ner Al­lens­bach-Stu­die ab­zu­le­sen, die das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um im Fe­bru­ar ver­öf­fent­lich­te. Seit 2015 ha­ben dem­nach 55 Pro­zent der Be­völ­ke­rung Hil­fe für Flücht­lin­ge ge­leis­tet, der­zeit sei­en es noch im­mer 19 Pro­zent. Ein­ge­rech­net sind da­rin auch Spen­der und „Un­ter­stüt­zer“. Je­ne, die ak­ti­ve Hil­fe leis­ten, al­so Flücht­lin­ge zum Arzt be­glei­ten oder Sprach­un­ter­richt ge­ben, mach­ten elf Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus, um die neun Mil­lio­nen. Die Um­fra­gen zur Stu­die stam­men von 2017, und selbst wenn es heu­te „nur“noch halb so vie­le wä­re, es sind im­mer noch Mil­lio­nen.

Auch die Hel­fer aus die­sem Re­port ge­ben nicht auf. Ans­gar Ru­dolf or­ga­ni­siert So­li-Par­tys in Ber­lin und Köln für die See­notret­ter von Sea-Watch. El­vi­ra Bitt­ner be­rei­tet ei­ne Groß­de­mo in Mün­chen mit vor, das Mot­to lau­tet: „Aus­ge­hetzt“. Clau­dia Kuss hilft meh­re­ren Af­gha­nen bei der Woh­nungs­su­che. Jens Wi­en­tap­per lehrt in Es­sen deut­sche Gram­ma­tik. Ste­phan Rei­chel sucht Pa­ten für die „An­ker­zen­tren“. Uwe Glau­bitz be­glei­tet Flücht­lin­ge auf Be­hör­den und zu An­wäl­ten. Und Bernd Schef­fer, der The­ra­peut, sagt: „Ich ma­che wei­ter. Ach­sel­zu­ckend.“

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