Junckers Lei­den

Sein Auf­tritt in Brüs­sel wirft Fra­gen auf: Ist der EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent fit fürs Amt?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK - Alex­an­der mühlau­er

Brüs­sel – Nach al­lem, was pas­siert ist, konn­te Je­an-Clau­de Juncker nicht so tun, als sei nichts ge­we­sen. Und so ließ er am Frei­tag über sei­nen Spre­cher aus­rich­ten, dass er sich bei Mark Rut­te und An­tó­nio Cos­ta be­dan­ken wol­le, ihm wäh­rend die­ses „schmerz­haf­ten Mo­ments“ge­hol­fen zu ha­ben. Der nie­der­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent und der por­tu­gie­si­sche Pre­mier hat­ten Juncker am Mitt­woch­abend vor dem Ga­la-Din­ner des Na­to-Gip­fels im Brüs­se­ler Ju­bel­park ge­stützt, als es ihm sicht­lich schlecht ging. Auf Vi­deo­auf­nah­men sieht man den Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten mi­nu­ten­lang schwan­kend, meh­re­re Staats- und Re­gie­rungs­chefs grif­fen ihm un­ter die Ar­me. Spä­ter muss­te er in ei­nem Roll­stuhl ge­scho­ben wer­den.

Zu­nächst woll­te die EU-Kom­mis­si­on sich nicht nä­her da­zu äu­ßern. Nur so viel: „Es wä­re nicht an­ge­mes­sen, ir­gend­wel­che ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­me öf­fent­lich zu dis­ku­tie­ren.“Doch als die Auf­nah­men des wan­ken­den Prä­si­den­ten in den so­zia­len Netz­wer­ken im­mer häu­fi­ger ge­teilt und teils hä­misch kom­men­tiert wur­den, re­agier­te die Kom­mis­si­on und er­klär­te das Auf­tre­ten ih­res Chefs. Juncker selbst ha­be schon häu­fi­ger auf sei­ne Rü­cken­pro­ble­me ver­wie­sen, die ihm das Ge­hen er­schwer­ten, hieß es von Sei­ten der Be­hör­de. Rund um das Abend­es­sen des Na­to-Gip­fels sei er von ei­ner „be­son­ders schmerz­haf­ten Is­chi­as-Atta­cke“ge­plagt wor­den. Am Tag da­nach sei es wie­der bes­ser ge­we­sen, der Prä­si­dent ha­be sein vol­les Pro­gramm ab­sol­viert. „Er wird wei­ter hart ar­bei­ten“, sag­te sein Spre­cher.

Wo­mit man bei der ent­schei­den­den Fra­ge wä­re: Ist der 63-Jäh­ri­ge an­ge­sichts sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands in der La­ge, sein Amt aus­zu­üben? Sei­ne Be­hör­de gab sich am Frei­tag al­le Mü­he, dies mit ei­nem kla­ren Ja zu be­ant­wor­ten. Nächs­te Wo­che rei­se Juncker nach Pe­king, dann wei­ter nach To­kio und Ma­drid. Am 25. Ju­li wer­de er von Do­nald Trump im Wei­ßen Haus er­war­tet. Dem US-Prä­si­den­ten dürf­ten Junckers Lei­den nicht ent­gan­gen sein. Er war ja beim Din­ner in Brüs­sel da­bei. Auf Hil­fe an­ge­wie­sen: EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Juncker in Brüs­sel.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass Junckers ge­sund­heit­li­che Schwä­che zum The­ma wird. Zu­letzt be­kann­te der Prä­si­dent vor gut drei Wo­chen im iri­schen Par­la­ment, was für je­den of­fen­sicht­lich war, als er dort zum Red­ner­pult schritt: „Ich ha­be Schwie­rig­kei­ten beim Ge­hen.“Und füg­te hin­zu: „Ich bin nicht be­trun­ken. Ich ha­be Is­chi­as. Ich wür­de es vor­zie­hen, be­trun­ken zu sein.“Auf die Fra­ge, ob Juncker am Abend des Na­to-Din­ners be­trun­ken ge­we­sen sei, wie man­che spe­ku­lier­ten, sag­te sein Spre­cher, dass er es für „mehr als ge­schmack­los“hal­te, wie ei­ni­ge Me­di­en jetzt mit her­ab­set­zen­den Über­schrif­ten die Schmer­zen des Prä­si­den­ten aus­nutz­ten. Juncker neh­me Me­di­ka­men­te und ge­he zu ei­ner Phy­sio­the­ra­peu­tin, hieß es aus der Kom­mis­si­on.

Wie stark sein Lei­den Juncker bei der Ar­beit be­ein­träch­tigt, zeig­te sich im April, als er den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­doğan im bul­ga­ri­schen War­na traf. Bei der Pres­se­kon­fe­renz er­klär­te Juncker: „Ich muss Ih­nen sa­gen, dass ich ein Pro­blem ha­be: Is­chi­as. Es ist sehr schmerz­haft.“Und er­zähl­te dann frei­mü­tig: „Ich muss­te auf­ste­hen, den Raum ver­las­sen, her­um­lau­fen. So ha­be ich wahr­schein­lich den wich­tigs­ten Teil des Tref­fens ver­passt.“Es war ei­ner die­ser sich in­zwi­schen häu­fen­den Mo­men­te, in de­nen der Kom­mis­si­ons­prä­si­dent dem Pu­bli­kum ge­ra­de­zu un­ter die Na­se rieb, dass ihn sein Steh­ver­mö­gen zu ver­las­sen scheint. In wel­chem Aus­maß, das konn­te man nun beim Na­to-Din­ner in Brüs­sel se­hen.

FO­TO: AP

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