Na­me: Un­be­kannt Un­be­kannt

Ein Jog­ger bricht zu­sam­men und fällt ins Ko­ma. Doch wer ist er? Über ei­ne Meis­ter­leis­tung po­li­zei­li­cher Puz­zle­ar­beit

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 PANORAMA - Ti­tus ar­nu

Ber­lin – Se­nio­rin­nen kla­ckern mit Nor­dicWal­king-Stö­cken, ein Hund jagt ei­nem Fris­bee nach. Im Hin­ter­grund hört man den Ver­kehr auf der sechs­spu­ri­gen Bun­des­al­lee rau­schen, aber hier, im Volks­park Wil­mers­dorf, geht es idyl­lisch zu. Zwei Män­ner sit­zen un­ter ei­ner Trau­er­wei­de und spie­len stumm Schach, ein Jog­ger zieht sei­ne Bah­nen. Es ist ein ver­gleichs­wei­se klei­ner und ver­win­kel­ter Park, aber wenn man zwei, drei Run­den dreht, kommt man auf aus­rei­chend vie­le Lauf­ki­lo­me­ter.

Am 13. März, ei­nem küh­len Di­ens­tag, fan­den Spa­zier­gän­ger ei­nen leb­lo­sen Mann im Park. Er war of­fen­bar beim Jog­gen ge­stürzt, hat­te sich am Kopf ver­letzt und war nicht an­sprech­bar. Ein Kran­ken­wa­gen brach­te ihn in die Cha­rité. Die Sa­ni­tä­ter fan­den kei­nen Aus­weis, kei­nen Geld­beu­tel, kein Han­dy. Nur zwei Schlüs­sel an ei­nem Ring und 15 Eu­ro in ei­nem Bauch­gür­tel. Die Ärz­te ver­setz­ten den Schwer­ver­letz­ten ins künst­li­che Ko­ma, in die Kran­ken­ak­te schrie­ben sie „Un­be­kannt Un­be­kannt“. Für Vor- und Nach­na­me.

Vier Mo­na­te lang hat die Po­li­zei ge­braucht, um den Mann zu iden­ti­fi­zie­ren. Und die Be­am­ten hat­ten fast schon ge­glaubt, dass sie nie her­aus­fin­den wür­den, wer er ist, weil ein­fach nie­mand ihn zu ken­nen schien. Sie fo­to­gra­fier­ten den Ko­maPa­ti­en­ten und stell­ten ei­ne Be­schrei­bung ins Netz: 60 bis 70 Jah­re alt, et­wa 1,70 Me­ter groß. Wei­ße Haa­re, Zahn­pro­the­sen, auf­fal­lend gut trai­niert für sein Al­ter. Er trug ei­ne oran­ge­far­be­ne Jog­ging ja­cke (Grö­ße L), ein schwarz­blau­es Laufs­hirt (Grö­ße L), ei­ne schwarz-blau-ro­sa­far­be­ne Jog­ging­ho­se (Grö­ße L) und wei­ße „Ree­bok“-Lauf­schu­he (Grö­ße 44,5). Ei­ne pas­sen­de Ver­miss­ten­mel­dung gab es bun­des­weit nicht. Ein Ab­gleich der DNA mit ver­schie­de­nen Da­ten­ban­ken brach­te kei­ne Er­geb­nis­se. Die Be­am­ten wa­ren rat­los. „Das ist auch für un­se­re Ver­miss­ten­stel­le ei­ne ganz neue Si­tua­ti­on,“sagt ei­ne Po­li­zei­spre­che­rin. Sie ha­be es zum ers­ten Mal er­lebt, dass es nicht den kleins­ten Hin­weis ge­be.

Pro Jahr be­schäf­tigt sich die Ber­li­ner Po­li­zei mit 60 bis 80 Men­schen, de­ren Iden­ti­tät nicht klar ist. In den meis­ten Fäl­len han­delt es sich um to­te Ob­dach­lo­se, vie­le aus Ost­eu­ro­pa. Bis auf ei­nen konn­ten al­le er­mit­telt wer­den. „Un­be­kannt Un­be­kannt“aber war ein rät­sel­haf­ter Fall. Che­f­er­mitt­ler Uwe Dzi­uba und sein Team gin­gen bald da­von aus, dass er in Ber­lin wohnt, da er Haus­schlüs­sel da­bei hat­te. Mel­dun­gen von Ho­tels über nicht be­zahl­te Rech­nun­gen wa­ren nicht ein­ge­gan­gen. Auch ei­ne An­fra­ge beim Zim­mer­ver­mie­ter Airb­nb brach­te kei­ne Er­kennt­nis­se.

Ähn­li­che Fäl­le sind sel­ten, aber es gibt sie. 2005 wur­de in En­g­land ein jun­ger Mann nach ei­nem Sui­zid­ver­such auf­ge­fun­den, er re­de­te nicht, spiel­te aber gut Kla­vier. Die Ver­su­che, ihn zu iden­ti­fi­zie­ren, lös­ten ei­nen welt­wei­ten Me­di­en­hype aus, ei­ne Al­ge­rie­rin er­kann­te in dem stum­men Blon­den ih­ren ver­schwun­de­nen Ehe­mann, an­de­re sa­hen ei­nen tsche­chi­schen Pia­nis­ten oder ei­nen skan­di­na­vi­schen Stu­den­ten in ihm. Bei ei­ner Hot­line gin­gen mehr als 1000 Hin­wei­se ein, aber sie brach­ten die Er­mitt­lun­gen kein Stück vor­an. Bis sich der Pia­no-Mann den Ärz­ten of­fen­bar­te: Er hei­ße An­dre­as Grassl, kom­me aus Bay­ern und ha­be psy­chi­sche Pro­ble­me. Der Schlüs­sel zur Lö­sung: Die Ver­miss­ten­stel­le schick­te Po­li­zei­schü­ler los, sie soll­ten al­le Haus­tü­ren in ei­nem Um­kreis von 200 Me­tern durch­pro­bie­ren.

Ob der Ber­li­ner Jog­ger je­mals wie­der spre­chen kann, ist un­ge­wiss. Al­so such­ten die Er­mitt­ler wei­ter nach Hin­wei­sen. „Un­be­kannt Un­be­kannt“hat­te zwar ei­ne Puls­uhr an, die noch lief, als er ge­fun­den wur­de. Sie zeig­te zwölf Mi­nu­ten an, aber da sie nicht über ei­ne GPS-Funk­ti­on ver­füg­te, konn­te man nicht nach­voll­zie­hen, wo er ge­star­tet war. Je­den­falls hielt es die Po­li­zei für wahr­schein­lich, dass der Mann in der Um­ge­bung des Parks wohnt. Al­so klap­per­ten die Er­mitt­ler Wohn­blocks ab, be­frag­ten Ver­mie­ter und Müll­män­ner, die für 4500 Ton­nen rund um den Park zu­stän­dig sind. Oh­ne Er­folg. Die­se Wo­che wur­den Po­li­zei­schü­ler los­ge­schickt mit Ko­pi­en der ge­fun­de­nen Schlüs­sel, mit dem Auf­trag, al­le Haus­tü­ren in ei­nem Ra­di­us von 200 Me­tern aus­zu­pro­bie­ren. Wie­der oh­ne Er­folg.

Als die Po­li­zei nach die­ser Ak­ti­on noch­mals ein Fo­to der Schlüs­sel ver­öf­fent­lich­te und die Be­völ­ke­rung per Twit­ter um Hil­fe bat, mel­de­te sich ein Mann, der glaub­te, den Schlüs­sel zu er­ken­nen. Er wohnt in ei­nem Haus in der Bran­den­bur­gi­schen Stra­ße, nicht weit vom Park ent­fernt, und gab an, auch das Ge­sicht des Un­be­kann­ten kom­me ihm be­kannt vor. Tat­säch­lich pass­te ei­ner der Schlüs­sel in die Ein­gangs­tür des sechs­stö­cki­gen Hau­ses. We­nig spä­ter stand Dzi­uba vor der rich­ti­gen Woh­nungs­tür. Drin­nen schien die Zeit ste­hen ge­blie­ben zu sein: „Da stan­den die Win­ter­schu­he, da hing die Win­ter­ja­cke.“Er fand den Aus­weis und die Kran­ken­kas­sen­kar­te des Man­nes. Es han­delt sich um ei­nen al­lein­le­ben­den 74-Jäh­ri­gen. Sei­ne Woh­nung liegt 200 Me­ter au­ßer­halb des Über­prü­fungs­be­reichs. Der Mann lief al­so schnel­ler als von der Po­li­zei an­ge­nom­men. In der Cha­rité ha­ben sie jetzt sei­nen rich­ti­gen Na­men in die Ak­te ge­schrie­ben.

FO­TO: KRIS­TIN BE­TH­GE/DPA

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