SPU­REN­SU­CHE

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FEUILLETON - Jo­han schloemann

Die Welt ver­än­dert sich stän­dig, nicht aber die gro­ßen Fra­gen, die die Men­schen be­we­gen. Wir su­chen nach wie­der­keh­ren­den Mo­ti­ven. Aus der Ein­tei­lung von Zeit und Ar­beit ent­stan­den die Di­enst- und Ur­laubs­plä­ne

Die Frak­ti­on der SPD im Bun­des­tag hat in die­ser Wo­che, wie in der SZ be­rich­tet, das Kon­zept für ei­nen Di­enst­plan be­schlos­sen. Zur „Ver­bes­se­rung der Plenar­prä­senz“sol­len die so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Volks­ver­tre­ter in ei­nem Schicht­mo­dell „Prä­senz-Zeit­fens­ter“aus­fül­len, da­mit die Frak­ti­ons-Rei­hen nicht so leer aus­se­hen. Zwar wur­de be­tont, dass die Ab­ge­ord­ne­ten durch­aus auch ar­bei­ten, wenn sie ge­ra­de nicht im Plenar­saal sit­zen, aber um die de­mons­tra­ti­ve An­we­sen­heit der AfD-Frak­ti­on zu kon­tern, braucht es nun eben doch ei­nen Di­enst­plan.

Ein an­de­rer Be­reich, in dem Di­enst­plä­ne ge­ra­de ein sehr sen­si­bles The­ma sind, sind Be­trie­be und Bü­ros in der som­mer­li­chen Ur­laubs­zeit. Fi­li­gran muss man bei den Ur­laubs­wün­schen und der Be­set­zung der Schich­ten Ei­gen­nutz und Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ge­gen­über den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen mit­ein­an­der ab­wä­gen, wenn es nicht zu Ver­stim­mun­gen kom­men soll. Man­che Leu­te sind da­rin und im Jon­glie­ren mit den ent­spre­chen­den Ex­cel-Ta­bel­len noch viel vir­tuo­ser als mit ih­rer ei­gent­li­chen Ar­beit. Viel zu tun und zu be­ten zu den ver­schie­de­nen Zei­ten der Wo­che und des Ta­ges: Aus­schnitt aus ei­nem St­un­den­buch des Klos­ters Bes­se­lich (bei Ko­blenz) aus dem Jahr 1488.

Wo­her aber kommt das In­stru­ment des Di­enst­plans, das frü­her nicht im PC, son­dern am Schwar­zen Brett ver­wal­tet wur­de? Zu­nächst geht es zu­rück auf die mo­der­ne In­dus­trie- und Bü­ro-Or­ga­ni­sa­ti­on, wie sie im 19. Jahr­hun­dert ent­stand. Be­son­ders wich­tig sind Di­enst­plä­ne im Schicht­be­trieb, und da­rin war die Koh­le­indus­trie ein Vor­rei­ter, weil es un­ter Ta­ge im­mer dun­kel war und da­her der Rhyth­mus der Ta­ges­zei­ten nicht mehr al­lein maß­geb­lich für die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on. Zu­vor hat­ten auch die Han­dels- und Fi­nanz­kon­to­re der frü­hen Neu­zeit pe­ni­bel über al­les Buch ge­führt.

Die Auf­tei­lung des Ta­ges und der Wo­che aber wur­de schon in den Klös­tern des Mit­tel­al­ters erst­mals ef­fi­zi­ent durch­ge­tak­tet. Wer hat wann was zu be­ten? Wer macht wann den Gar­ten, die Kü­che, den Vor­le­se­dienst? St­un­den­bü­cher wie das hier ab­ge­bil­de­te und Klos­ter­re­geln leg­ten das fest. Das Klos­ter wur­de so, wie Mi­chel Fou­cault in „Über­wa­chen und Stra­fen“zeig­te, zum Vor­bild für Schu­len, Ka­ser­nen oder Kran­ken­häu­ser. Die Mön­che, schreibt Fou­cault, wa­ren die ers­ten „Spe­zia­lis­ten der Zeit, die gro­ßen Tech­ni­ker des Rhyth­mus und der re­gel­mä­ßi­gen Tä­tig­kei­ten“.

FO­TO: RHEINISCHE LANDESBIBLIOTHEK

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