Karl ReMarks

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FEUILLETON - Son­ja ze­kri

Ein­mal er­wischt es je­den Nah­os­tBe­ob­ach­ter: Die ara­bi­sche Welt er­scheint ihm plötz­lich von Krie­gen zer­ris­sen, von Fa­na­tis­mus auf­ge­peitscht, kurz, ir­gend­wie un­er­freu­lich. Aber dann er­leuch­tet ein Tweet von Karl ReMarks den Him­mel über der Wüs­te, und al­les, al­les fällt wie­der in die rich­ti­ge his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve. Der Tweet lau­tet viel­leicht so: „Die Re­li­gi­on stammt aus Pa­läs­ti­na, das Al­pha­bet aus Irak und Li­ba­non und das Mo­dell der Stadt aus Sy­ri­en, aber nen­nen wir es ru­hig ,west­li­che‘ Zi­vi­li­sa­ti­on“. Oder so: „Im­mer wie­der wun­der­bar, wenn die Re­de vom Ers­ten und Zwei­ten ,Welt­krieg‘ ist. Da­rin zeigt sich die eu­ro­päi­sche Vor­stel­lung von In­klu­si­on: Wir dür­fen den Ver­dienst für ih­re Krie­ge tei­len.“Karl ReMarks ist der li­ba­ne­sisch­bri­ti­sche Ar­chi­tekt Karl Shar­ro, der im Li­ba­non stu­diert und ge­lehrt hat, heu­te in Lon­don lebt und mit sei­nen Apho­ris­men mehr zum Ver­ständ­nis für die Re­gi­on bei­ge­tra­gen hat als ein Jah­res­abo der Zei­tung As­harq al-Aw­sat. So­eben sind sei­ne Tweets als Büch­lein mit dem Ti­tel „And then God crea­ted the Midd­le East and said ,Let the­re be Brea­king News‘“er­schie­nen (Saqi Books, Lon­don), wo­mit der re­gi­ons­ty­pi­sche Zu­sam­men­hang zwi­schen Glau­ben und Gel­tungs­be­dürf­nis an­klingt. Sein Buch ist ein Glücks­fall, ver­gleich­bar nur noch mit ei­nem über­ra­schen­den En­de der is­rae­li­schen Sied­lungs­po­li­tik. Zwei Sei­ten nimmt et­wa die Er­klä­rung für die Ent­ste­hung des IS ein, 100 Jah­re ara­bi­scher Ge­schich­te kom­pri­miert auf Bouil­lon­wür­fel­dich­te in ei­nem Satz. Als Stak­ka­toC­lip auf­ge­nom­men wur­de er 1,6 Mil­lio­nen Ma­le ab­ge­ru­fen. Shar­ros ent­wirft auf­schluss­rei­che Gra­fi­ken, ein Mo­no­po­ly-Spiel über den ägyp­ti­schen Po­li­zei­staat (sie­he Ab­bil­dung) oder – sehr frei nach den Nah­ost-Sor­tie­rern Sy­kes und Pi­cot – al­ter­na­ti­ve Land­kar­ten, dies­mal nicht nach Völ­kern oder Ein­fluss­sphä­ren ge­ord­net, son­dern nach Ka­te­go­ri­en wie „Oli­ven­öl – Öl“, „Kö­ni­ge – Ge­ne­rä­le – An­de­re“, „Sun­ni­tisch – Nicht-sun­ni­tisch – Sehr sun­ni­tisch“. Und dann gibt es wun­der­ba­re Bar-Wit­ze, die die Gren­zen Ara­bi­ens hin­ter sich las­sen und in die Ge­gen­wart pas­sen wie ei­ne fri­sche Fal­sch­mel­dung: „Kom­men drei Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker in ei­ne Bar. Glaubst du et­wa, das ist Zu­fall?“

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