Ben La­Mar Gay

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FEUILLETON - Jens-chris­ti­an ra­be

Es gibt Pop­mu­sik, al­so zum Bei­spiel das Al­bum „Down­town Cast­les Can Ne­ver Block The Sun“(In­ter­na­tio­nal An­them) von Ben La­Mar Gay, über die kann man ei­gent­lich nur Din­ge schrei­ben, die mit höchs­ter Wahr­schein­lich­keit ex­akt das Ge­gen­teil von dem er­rei­chen, was sie im Sinn ha­ben. Oft be­geg­net ei­nem dann so­fort das grau­si­ge Wort „hy­brid“und man sitzt nicht mehr im Kon­zert, son­dern in ei­nem Bo­ta­nik-Se­mi­nar oder ei­nem Au­to­haus. Um ei­ne so wahn­wit­zig wie groß­ar­tig zu­sam­men­ge­puz­zel­te Mu­sik wie die des Ame­ri­ka­ners Ben La Mar Gay er­folg­reich un­ter die Leu­te zu brin­gen, wä­re es viel bes­ser, man wür­de mit ei­nem Kopf­hö­rer durch die Fuß­gän­ger­zo­ne flit­zen und ihn ein­fach mal dem nächs­ten freund­li­chen Men­schen auf den Kopf set­zen. In al­ler Zärt­lich­keit na­tür­lich. Es müss­te dann zum Bei­spiel der Song „Miss Nea­lie Burns“lau­fen, der als un­wi­der­steh­lich ei­li­ger Ban­jo-Gyp­sy-Big-Ban­dSwing be­ginnt, mit ganz gro­ßem Blä­ser-Trö­ten, be­vor sich un­merk­lich – aber völ­lig zwin­gend – die­se hauch­zart-ele­gi­schen Tro­picá­li­aGe­sän­ge un­ter das Spek­ta­kel schie­ben. Als ob sich Lou­is Arm­strong, Djan­go Rein­hardt und Gil­ber­to Gil zum Tanz­tee ge­trof­fen hät­ten. Wer da­bei nicht min­des­tens glück­lich grinst, dem ist auf die­ser Welt nicht mehr zu hel­fen. „Swim Swim“könn­te eben­falls ganz gut funk­tio­nie­ren: Voll­gas-Ba­l­a­lai­ka mit kno­chen­tro­cke­nem Break-Beat-Trom­meln und Spo­ken-Word-Rau­nen und Tro­picá­lia-Chö­ren. Der Sound­track für ei­nen re­tro­fu­tu­ris­ti­schen Block­bus­ter, in dem sich Afri­ka und Süd­ame­ri­ka um die Welt­herr­schaft strei­ten – und des­halb ei­nen Stell­ver­tre­ter­krieg in Russ­land füh­ren. Und selbst da, wo auf Ben La­Mar Gays Al­bum die Kol­li­sio­nen eher skiz­zen­haft blei­ben, beim hyp­no­tisch-dröh­nen­den „18 Hair­dres­ser: Braids & Frac­tals“et­wa oder dem mäch­tig boun­cen­den Club-Rump­ler „A Sea­so­n­ing Cal­les Pri­ma­ve­ra“, hat man im­mer noch den Ein­druck, Ma­te­ri­al und Ide­en vor sich zu ha­ben, aus de­nen an­de­re Mu­si­ker ei­ne gan­ze Kar­rie­re bas­teln wür­den. Oder vier oder fünf. Mu­sik zu ei­ner Zeit, von der wir der­einst in un­se­ren kühns­ten Träu­men hof­fen wer­den, es hät­te sie wirk­lich ein­mal ge­ge­ben.

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