Das gro­ße Ver­ber­gen

In den Ver­lags­pro­gram­men wim­melt es von Bü­chern über die idyl­li­sche Na­tur. Das ist genau das Pro­blem, schreibt der in­di­sche Schrift­stel­ler Ami­tav Ghosh

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR 18 FEUILLETON - Von fe­lix ste­phan

Wenn die Ka­ta­lo­ge der deut­schen Ver­la­ge tat­säch­lich ein Früh­in­di­ka­tor sein soll­ten, sind die Bie­nen wahr­schein­lich über den Berg. Al­lein in die­ser Sai­son er­schei­nen im Ro­wohlt Ver­lag Ul­la Lach­au­ers „Von Bie­nen und Men­schen“, ei­ne Art Eu­ro­pa­rei­se in Im­ker­be­su­chen; bei In­sel Olaf Nils Du­bes „Bie­nen und Men­schen. Ei­ne Freund­schaft“, die Au­to­bio­gra­fie ei­nes ge­stress­ten Ma­na­gers, der al­les hin­wirft und sein Glück fort­an in der Im­ke­rei und der An­spruchs­lo­sig­keit sucht; und bei Du­mont He­len Ju­kes „Das Herz ei­ner Ho­nig­bie­ne hat fünf Öff­nun­gen“, ein Buch mit ei­nem et­was ver­wir­ren­den Ti­tel. Seit dem welt­wei­ten Er­folg der nor­we­gi­schen Au­to­rin Ma­ja Lun­de mit ih­rem Best­sel­ler „Die Ge­schich­te der Bie­nen“ist die Bie­ne zum Zen­tral­mo­tiv der li­te­ra­ri­schen Mo­der­ne­kri­tik avan­ciert. Das hat un­ter an­de­rem zur Fol­ge, dass in den Ver­lags­ka­ta­lo­gen heu­te mehr In­sek­ten zu fin­den sind als au­ßer­halb.

Ei­ne Welt, die für Bie­nen un­be­wohn­bar ist, könn­te das bald auch für Men­schen sein

Das ist auch des­halb in­ter­es­sant, weil Bie­nen und an­de­re In­sek­ten auch in der Kli­ma­for­schung als Früh­in­di­ka­tor gel­ten und sich in ih­rem ra­san­ten Schwund, der seit ei­ni­ger Zeit an je­der Wind­schutz­schei­be zu be­ob­ach­ten ist, des­halb ganz re­al ei­ni­ges Un­heil an­deu­tet. Ei­ne Welt, die schon heu­te für Bie­nen nicht mehr be­wohn­bar ist, könn­te viel­leicht bald auch für Men­schen nicht mehr be­wohn­bar sein. Die Ten­denz, statt­des­sen so vie­le In­sek­ten wie mög­lich in Bü­chern un­ter­zu­brin­gen, hat da­her si­cher auch et­was Kom­pen­sa­to­ri­sches.

An­de­rer­seits schließt sich hier viel­leicht auch ein­fach ein Kreis: In sei­nem Buch „Die gro­ße Ver­blen­dung“aus dem Jahr 2016 ar­gu­men­tiert der in­di­sche Schrift­stel­ler Ami­tav Ghosh, dass die Ge­schich­te von der har­mo­ni­schen, aus­ba­lan­cier­ten Na­tur, die ge­ra­de in den eu­ro­päi­schen Ver­lags­ka­ta­lo­gen an­kommt, dort über­haupt erst be­gon­nen hat. Das eu­ro­päi­sche Na­tur­ver­ständ­nis, das dem in­ner­lich zer­ris­se­nen In­di­vi­du­um ei­ne har­mo­ni­sche, aus­ba­lan­cier­te Na­tur ge­gen­über­stellt, ge­he, schreibt Ghosh, auf das Welt­bild des rea­lis­ti­schen Ro­mans im bür­ger­li­chen Zeit­al­ter zu­rück.

Wäh­rend die vor­mo­der­ne Li­te­ra­tur wie „Die Er­zäh­lun­gen aus 1001 Nacht“oder das „De­ca­me­ro­ne“noch vor al­lem von sen­sa­tio­nel­len Er­eig­nis­sen Be­richt er­stat­te­te – Erd­be­ben, Flu­ten, Dra­chen, Pest –, zeich­ne­te sich der bür­ger­li­che Ro­man ge­ra­de da­durch aus, dass das Be­son­de­re und Er­zäh­lens­wer­te im All­tag der Prot­ago­nis­ten be­stand. Das Sen­sa­tio­nel­le trat in den Hin­ter­grund und die mo­ra­li­schen Nuan­cen des fak­tisch eher er­eig­nis­lo­sen Le­bens der eu­ro­päi­schen Bour­geoi­sie wur­de zum The­ma der Ro­man­kunst, zum er­zäh­lens­wer­ten Spe­zi­al­fall.

Aus die­sen Grund, hat der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Fran­co Mo­ret­ti ein­mal ge­schrie­ben, gibt es in bür­ger­li­chen Ro­ma­nen Das Wap­pen­tier der li­te­ra­ri­schen Mo­der­ne­kri­tik: In den Ver­lags­ka­ta­lo­gen gibt es zur­zeit mehr Bie­nen als au­ßer­halb. auch so häu­fig wahn­wit­zig lan­ge Pas­sa­gen, in de­nen nichts pas­siert, was au­ßer­ge­wöhn­lich oder we­nigs­tens hand­lungs­trei­bend wä­re: Der mo­der­ne Ro­man zeich­ne sich da­durch aus, dass er sei­nen nar­ra­ti­ven Cha­rak­ter ver­schleie­re, in­dem er „das Nie­ge­hör­te in den Hin­ter­grund ver­la­gert (...) und das All­täg­li­che in den Vor­der­grund rückt.“

Des­halb tau­schen sich die Fi­gu­ren bei Ja­ne Aus­ten end­los über Lap­pa­li­en aus, wäh­rend sie an lan­gen Ta­feln sit­zen, des­halb ge­hen sie bei Fon­ta­ne rund um die Uhr spa­zie­ren, des­halb be­su­chen sie sich bei Flau­bert un­ent­wegt ge­gen­sei­tig in ih­ren un­ter­schied­lich aus­ge­stat­te­ten Woh­nun­gen, um dann sei­ten­lang über die Not­wen­dig­keit ei­nes Ge­gen­be­su­ches zu re­flek­tie­ren. Statt sei­nem Pu­bli­kum Mär­chen auf­zu­ti­schen, er­zähl­te der mo­der­ne Ro­man vom Le­ben sei­ner Le­ser und weil die eben in den neu­en, gut si­tu­ier­ten, bür­ger­li­chen Mit­tel­schich­ten zu fin­den wa­ren, spiel­ten Spa­zier­gän­ge ei­ne grö­ße­re Rol­le als Na­tur­ka­ta­stro­phen. Im bür­ger­li­chen Ro­man, schreibt wie­der­um Ghosh, spie­ge­le sich das, „was Max We­ber die ,Ra­tio­na­li­sie­rung‘ des mo­der­nen Le­bens nann­te – ein Pro­zess, ,der aus­ge­hend von Wirt­schaft und Ver­wal­tung‘ auf die Frei­zeit, das Pri­vat­le­ben, das Ver­gnü­gen, die Ge­füh­le über­greift“.

Das Pro­blem ist nun, dass die­se äs­the­ti­sche Kon­ven­ti­on, die im kli­ma­tisch re­la­tiv mil­den Eu­ro­pa ent­stan­den war, nach fast ei­nem Jahr­hun­dert bri­ti­scher Ko­lo­ni­al­herr­schaft zwar auch an in­di­schen Uni­ver­si­tä­ten un­ter­rich­tet wur­de, mit den dor­ti­gen kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­sen aber nicht be­son­ders viel zu tun hat­te. Das fiel Ami­tav Ghosh zum ers­ten Mal im Jahr 1978 auf die Fü­ße, als er noch ein Stu­dent war und in De­lhi in ei­nen Tor­na­do ge­riet. Es war der ers­te Tor­na­do in die­ser Ge­gend seit Jahr­zehn­ten, und dass es sich über­haupt um ei­nen Tor­na­do han­del­te, stell­te Gosh erst Jah­re spä­ter fest. Doch ob­wohl die­ses Na­tur­er­eig­nis ei­nes der zen­tra­len Schock­erleb­nis­se sei­nes Le­bens war und ob­wohl es in der Li­te­ra­tur doch dar­um ge­hen soll­te, von der Wirk­lich­keit zu er­zäh­len, in der man lebt, kam Ghosh lan­ge nicht auf die Idee, dar­über zu schrei­ben. In­ner­halb der äs­the­ti­schen Kon­ven­tio­nen der eu­ro­päi­schen

Wenn man ernst ge­nom­men wer­den will, darf man nicht über Erd­be­ben schrei­ben

Hoch­kul­tur galt ein Tor­na­do nicht als Er­eig­nis, das sich in ei­nem Ro­man sinn­voll er­zäh­len lie­ße. Wenn man in den Zen­tren der Welt­li­te­ra­tur, in New York, Lon­don und Pa­ris, ernst ge­nom­men wer­den woll­te, so Ghosh, müs­se man ex­tre­me Wet­ter­phä­no­me­ne in sei­nen Ro­ma­nen un­be­dingt ver­mei­den. Eis­zei­ten, Tor­na­dos und Über­schwem­mun­gen kä­men auch heu­te noch nur in Sci­ence-Fic­tion-Ro­ma­nen vor und bei Ro­land Em­me­rich. Gosh aber woll­te ein se­riö­ser Schrift­stel­ler wer­den, wes­halb er sich in sei­nen Bü­chern auf wahr­schein­li­che Be­ge­ben­hei­ten kon­zen­trier­te und den Tor­na­do lan­ge aus­ließ: „Da­mit sind wir bei der Iro­nie des ,rea­lis­ti­schen‘ Ro­mans an­ge­langt. Der Ges­tus, mit dem er Rea­li­tät her­vor­zau­bert, dient in Wirk­lich­keit dem Ver­ber­gen des Rea­len.“

Ami­tav Ghosh lässt in sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on ei­ni­ges bei­sei­te: den Dschun­gel in Jo­seph Con­rads „Herz der Fins­ter­nis“, das Meer bei „Ro­bin­son Cru­soe“und „Mo­by Dick“. Ganz oh­ne Reiz ist der Ge­dan­ke aber nicht. Dass die eu­ro­päi­sche Mo­der­ne ver­lernt hat, sich vor der Na­tur in Acht zu neh­men,

Die Ko­lo­nia­lis­ten fürch­te­ten die Na­tur nicht und bau­ten ih­re Städ­te di­rekt am Meer

zeigt sich für Ghosh un­ter an­de­rem an der ko­lo­nia­lis­ti­schen Stadt­pla­nung: Die eu­ro­päi­schen Ko­lo­nia­lis­ten er­rich­te­ten nicht nur ih­re Ba­de­or­te und Som­mer­häu­ser di­rekt am Meer, son­dern gan­ze Städ­te. Na­he­zu al­le Mil­lio­nen­me­tro­po­len, die we­gen der an­stei­gen­den Mee­res­spie­gel in Zu­kunft noch häu­fi­ger mit Na­tur­ka­ta­stro­phen rech­nen müs­sen als oh­ne­hin schon, wur­den von Eu­ro­pä­ern auf ko­lo­nia­ler Mis­si­on zu gro­ßen Han­dels­zen­tren aus­ge­baut: Hong Kong, Mum­bai und New York.

Das Ar­gu­ment, dass die Küs­ten­la­ge die­ser Städ­te vor al­lem da­mit zu­sam­men­hängt, dass sie den Han­del er­leich­te­re, greift nur zum Teil. Ih­re ei­ge­nen ma­ri­ti­men Han­dels­städ­te ha­ben die Eu­ro­pä­er im Mit­tel­al­ter noch in ge­büh­ren­der Ent­fer­nung zum Meer ge­grün­det. Die Hä­fen von Ham­burg, Rot­ter­dam, Lon­don lie­gen je­weils tief im Lan­des­in­ne­ren. Und auch in Asi­en wa­ren die vor­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten schon ein­mal wei­ter. An der Stel­le, an der das mo­der­ne Ja­pan das Atom­kraft­werk Fu­kus­hi­ma bau­te, wur­den im Mit­tel­al­ter Find­lin­ge mit ein­gra­vier­ten Tsu­na­mi­war­nun­gen auf­ge­stellt, die sich an künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen rich­te­ten: „Baut nicht un­ter­halb die­ses Punk­tes.“

Wis­sen­schaft­ler der Har­vard Uni­ver­si­ty ha­ben nun vor Kur­zem den Be­griff der „Kli­ma­gen­tri­fi­zie­rung“lan­ciert. Der Be­griff be­schreibt den Zu­sam­men­hang zwi­schen schmel­zen­den Pol­kap­pen in der Ark­tis und der Ent­wick­lung der Kauf­prei­se für Woh­nun­gen in Mia­mi. Kurz ge­sagt, ver­hält es sich dort so, dass der stei­gen­de Mee­res­spie­gel zu hö­he­ren Kauf­prei­sen in hö­he­ren La­gen führt, wäh­rend die Kauf­prei­se am Strand kon­ti­nu­ier­lich sin­ken. Weil aber die Re­pa­ra­tur- und Ver­si­che­rungs­kos­ten für Strand­häu­ser gleich­zei­tig kon­ti­nu­ier­lich stei­gen, kön­nen sich die Ar­men dort trotz­dem kei­ne Häu­ser leis­ten. Für Ami­tav Ghosh be­steht hier ein di­rek­ter Zu­sam­men­hang: Die är­me­ren Schich­ten in Mia­mi be­kom­men jetzt die Fol­gen des bür­ger­li­chen Rea­lis­mus zu spü­ren, selbst wenn sie die Ro­ma­ne nicht ein­mal ge­le­sen ha­ben. Müs­sen sie viel­leicht auch nicht: Die Rück­ab­wick­lung der Mo­der­ne, die der post­ko­lo­nia­len Theo­rie bis heu­te nicht ge­lun­gen ist, über­nimmt jetzt die Na­tur.

FO­TO: PLAINPICTURE

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