„Bis sie mich zum Schwei­gen brin­gen“

Wäh­rend Ak­ti­vis­ten in Hong­kong we­gen des um­strit­te­nen Ge­set­zes um ih­re Si­cher­heit fürch­ten, be­schlie­ßen die USA Sank­tio­nen ge­gen chi­ne­si­sche Funk­tio­nä­re

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - Politik - Bröss­ler, lea deu­ber

Ber­lin/Pe­king – Noch be­vor klar war, was im neu­en Si­cher­heits­ge­setz in Hong­kong ste­hen wür­de, das der Stän­di­ge Aus­schuss des Volks­kon­gres­ses am Di­ens­tag be­schlos­sen hat, lösch­ten in der chi­ne­si­schen Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne Tau­sen­de ih­re Ac­counts in den so­zia­len Me­di­en. Zahl­rei­che Ak­ti­vis­ten hat­ten die Stadt im Vor­feld be­reits ver­las­sen. Meh­re­re Ak­ti­vis­ten, die im ver­gan­ge­nen Jahr als Mit­glie­der von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen an Pro­test­mär­sche teil­ge­nom­men hat­ten, be­stä­tig­ten im Ge­spräch mit der Süd­deut­schen Zei­tung, aus Hong­kong ge­flo­hen zu sein. Sie fürch­ten, dass die Be­hör­den das Ge­setz nut­zen könn­ten, um sie für ihr En­ga­ge­ment vor Ge­richt zu stel­len. „Wir wis­sen, wie Men­schen in Chi­na ver­folgt wer­den“, sag­te ein De­mons­trant, der sich eben­falls nicht mehr in Hong­kong auf­hält.

Aus Angst vor Ver­fol­gung er­klär­ten auch der be­kann­te Ak­ti­vist Jos­hua Wong so­wie sei­ne Par­tei­mit­glie­der Ag­nes Chow und Nat­han Law den Rück­zug aus ih­rer Par­tei De­mo­sis­to. Die­se wur­de an­schlie­ßend auf­ge­löst. Mit dem Si­cher­heits­ge­setz, das am Mitt­woch in Kraft tre­ten soll, müss­ten sich An­hän­ger der De­mo­kra­tie­be­we­gung um ih­re Si­cher­heit sor­gen, sag­te Wong. Er wol­le aber in Hong­kong blei­ben, „bis sie mich zum Schwei­gen brin­gen und aus­lö­schen“. Das na­tio­na­le Si­cher­heits­ge­setz sei de­fi­ni­tiv das „To­ten­ge­läut für Hong­kong“, sagt der be­kann­te Ver­le­ger Jim­my Lai der Deut­schen Wel­le. Auch in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen be­rich­ten von Un­si­cher­heit vor Ort, wel­che Aus­wir­kun­gen das Ge­setz auf ih­re zu­künf­ti­ge Ar­beit in Hong­kong ha­ben könn­te. Vie­le Stif­tun­gen ha­ben ih­ren Sitz in Hong­kong, weil sie in Fest­land­chi­na ent­we­der kei­ne Ge­schäfts­ge­neh­mi­gung er­hal­ten oder sich dort nicht si­cher füh­len. Re­por­ter oh­ne Gren­zen warn­te vor den Fol­gen für die Pres­se­frei­heit. Hong­kong ist seit 2002 im welt­wei­ten Ran­king der Pres­se­frei­heit von Platz 18 auf Platz 80 ab­ge­stürzt. In ei­ner Um­fra­ge ga­ben 98 Pro­zent der Jour­na­lis­ten an, dass sie da­von aus­ge­hen, auf­grund ih­rer Ar­beit vom Ge­setz be­trof­fen zu sein.

In­ter­na­tio­nal gab es hef­ti­ge Kri­tik an der Ent­schei­dung aus Pe­king. Die Spit­zen der EU und der Na­to äu­ßer­ten sich be­sorgt. „Die­se neue Ge­setz­ge­bung steht we­der mit dem Grund­ge­setz Hong­kongs noch mit Chi­nas in­ter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen im Ein­klang“, sag­te EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en am Di­ens­tag

Chi­na müs­se mit „sehr ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen“rech­nen, sagt die EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin

in Brüs­sel. Chi­na müs­se mit „sehr ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen“rech­nen. So dürf­ten bei­spiels­wei­se das Ver­trau­en von Un­ter­neh­men und Chi­nas Re­pu­ta­ti­on sin­ken. Das Si­cher­heits­ge­setz un­ter­gra­be die Au­to­no­mie Hong­kongs und wer­de sich nach­tei­lig auf die Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz und der Rechts­staat­lich­keit aus­wir­ken. „Die be­ste­hen­den Rech­te und Frei­hei­ten der Bür­ger Hong­kongs müs­sen ge­schützt wer­den“, sag­te von der Ley­en.

Als Re­ak­ti­on stopp­ten die USA den Ex­port von Rüs­tungs­gü­tern nach Hong­kong. Die Aus­fuhr von Tech­no­lo­gi­en, die dem Mi­li­tär dien­lich sein könn­ten, un­ter­liegt künf­tig den glei­chen Be­schrän­kun­gen wie Ex­por­te nach Chi­na. „Wir kön­nen nicht mehr un­ter­schei­den zwi­schen dem Ex­port kon­trol­lier­ter Wa­ren nach Hong­kong oder auf das chi­ne­si­sche Fest­land“, sag­te US-Au­ßen­mi­nis­ter Mi­ke Pom­peo. Die USA könn­ten nicht ris­kie­ren, dass sol­che Gü­ter dem chi­ne­si­schen Mi­li­tär in die Hän­de fie­len, des­sen wich­tigs­te Auf­ga­be es sei, „die Dik­ta­tur“der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei auf­recht­zu­er­hal­ten. Die US-Re­gie­rung hat­te schon En­de Mai an­ge­kün­digt, der Son­der­ver­wal­tungs­re­gi­on we­gen Pe­kings Ein­mi­schung den vor­teil­haf­ten Rechts­sta­tus strei­chen zu wol­len. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag teil­te Pom­peo mit, Vi­sa-Ein­schrän­kun­gen für der­zei­ti­ge und frü­he­re Funk­tio­nä­re der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas zu be­schlie­ßen, die da­für mit­ver­ant­wort­lich sei­en, dass die Au­to­no­mie der Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne un­ter­gra­ben wer­de. Auch Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge

die­ser Funk­tio­nä­re könn­ten den Ein­schrän­kun­gen un­ter­lie­gen.

Das Mo­dell „Ein Land, zwei Sys­te­me“exis­tie­re nicht län­ger, schrieb der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Bun­des­tag, Nor­bert Rött­gen (CDU), auf Twit­ter. Das Si­cher­heits­ge­setz sei in ei­nem Akt „kom­plet­ter In­trans­pa­renz“ver­ab­schie­det wor­den. „Es wird im­mer deut­li­cher, dass das neue Ge­setz ein Blan­ko­scheck für Pe­king ist, um sämt­li­che Kri­ti­ker mund­tot zu ma­chen“, klag­te die Vor­sit­zen­de des Men­schen­rechts­aus­schus­ses im Bun­des­tag, Gy­de Jen­sen (FDP). Da­mit sei das Prin­zip „Ein Land, zwei Sys­te­me“end­gül­tig Ge­schich­te. Hong­kong er­war­te nun ei­ne „un­be­re­chen­ba­re Will­kür­herr­schaft“. Deutsch­land und die EU hät­ten ein „star­kes In­ter­es­se am Er­halt der Au­to­no­mie Hong­kongs, der Frei­hei­ten sei­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und an sei­ner wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Sta­bi­li­tät“, heißt es in ei­nem Po­si­ti­ons­pa­pier, das die SPD-Frak­ti­on am Di­ens­tag ver­ab­schie­de­te.

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