Der Tod der vir­tu­el­len bes­ten Freun­din

Ei­ne jun­ge rus­si­sche In­flu­en­ce­rin stirbt bei ei­nem Un­fall, ih­re Fans sind tief ge­trof­fen. War­um hin­ter­lässt je­mand ei­ne so gro­ße Lü­cke in ih­rem Le­ben, den sie doch nur aus dem In­ter­net kann­ten?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - Panorama - Von ma­ri­ja ba­rišić und frank nien­huy­sen

Das Le­ben auf Ba­li ist leicht, Ana­st­a­sia Tro­pitsel ließ es sich an­se­hen. Auf ei­nem Foto liegt die jun­ge Rus­sin träu­mend in der Hän­ge­mat­te am Strand, auf ei­nem an­de­ren am Pool vor hübsch dra­pier­ten Tro­pen­früch­ten. Dass auf dem Be­cken­rand ein auf­ge­klapp­ter Lap­top steht, auf dem als Mar­ken­lo­go eben­falls ein Stück Obst zu se­hen ist, liegt ver­mut­lich dar­an, dass dies als sub­ti­ler Wer­be­spot ar­ran­giert ist. Als er­folg­rei­che In­flu­en­ce­rin rückt man erst sich selbst ins Bild – und wie bei­läu­fig ein Pro­dukt.

Be­klem­mend ist ein an­de­res Mo­tiv aus dem in­do­ne­si­schen Idyll. Ana­st­a­sia Tro­pitsel po­siert auf ei­nem ro­ten Mo­tor­rad, das sie vor ein paar Wo­chen ge­kauft hat. „Lost In Pa­ra­di­se – Cang­gu“steht im Hin­ter­grund über ein dschun­gel­haf­tes Fas­sa­den­ge­mäl­de ge­schrie­ben. Da war die Welt noch schön und Tro­pitsel am Le­ben. Vor ei­ner Wo­che war das ro­te Mo­tor­rad auf Un­fall­fo­tos zu se­hen. Bei ei­ner Fahrt auf der In­sel ver­lor Tro­pitsel die Kon­trol­le und prall­te ge­gen ei­nen Bord­stein. Ihr Freund, der ne­ben ihr fuhr, über­leb­te. Ana­st­a­sia Tro­pitsel starb an der Un­fall­stel­le. Sie wur­de 18 Jah­re alt. Und hin­ter­ließ ge­bro­che­ne See­len, nicht nur die ih­rer Fa­mi­lie und Freun­de, son­dern auch von vie­len ih­rer 1,3 Mil­lio­nen Abon­nen­ten: die Frau war in Russ­land ein Ins­ta­gram-Star.

Es gibt so­gar ein Fach­wort für die­ses Phä­no­men: pa­ra­so­zia­le Be­zie­hung

„Ich ge­he stun­den­lang her­um, heu­lend, und füh­le ei­ne völ­li­ge Lee­re“, pos­te­te ei­ne Fol­lo­we­r­in. „Ich kann es ein­fach nicht glau­ben. Bis zu­letzt dach­te ich, es sei ir­gend­ein Feh­ler, ein schlech­ter Scherz.“Fas­sungs­los wir­ken nun all je­ne, die Tro­pitsel im so­zia­len Netz­werk ge­folgt sind auf ih­ren Rei­sen durch die Welt, nach Ame­ri­ka, Ita­li­en, In­do­ne­si­en. Es gibt kei­nen Ort in Russ­land, an dem sie Blu­men zu Ber­gen tür­men könn­ten. Im In­ter­net wer­den da­für per Klick tau­send­fach trau­ri­ge Ge­sich­ter hin­ter­las­sen. Da­bei ist Tro­pitsel kei­ne Schau­spie­le­rin ge­we­sen, kei­ne Li­te­ra­tin, kein Pops­tern, des­sen Lie­der die rus­si­sche See­le tref­fen, son­dern „nur“ei­ne In­flu­en­ce­rin. Könn­te man mei­nen. Ihr Tod und die Re­ak­tio­nen dar­auf zei­gen aber: Ganz so ist das nicht.

Denn die Be­trof­fen­heit ih­rer ju­gend­li­chen Fans, die Tro­pitsel nie per­sön­lich ge­se­hen, nie mit ihr ge­re­det ha­ben, die ist ehr­lich. Sie lässt sich nicht bloß als über­stei­ger­tes, pu­ber­tä­res Pa­thos ab­tun. „Das muss man ernst neh­men, weil das ein Ver­lust ei­ner Per­son ist, die man lieb ge­won­nen hat in ei­ner Le­bens­pha­se, die von Un­si­cher­heit ge­prägt ist“, sagt Clau­dia We­ge­ner, Pro­fes­so­rin an der Hoch­schu­le für Film und Fern­se­hen in Pots­dam-Ba­bels­berg. Vor Jah­ren schon hat die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin ein Buch über die Rol­le von Me­dien­stars im All­tag ih­rer ju­gend­li­chen Fans ge­schrie­ben. Heu­te ist We­ge­ner Ex­per­tin für Me­dien­so­zia­li­sa­ti­on und Re­zep­ti­ons­for­schung und weiß als sol­che, dass es in der Wis­sen­schaft längst schon ei­nen ei­ge­nen Be­griff gibt für die Be­zie­hung zwi­schen Fans und ih­ren In­flu­en­cern: die pa­ra­so­zia­le Be­zie­hung.

„Sie ent­steht dann, wenn ei­ne Per­son, die ich nur aus den Me­di­en ken­ne, be­ginnt, auch in mei­nem All­tag ei­ne Rol­le zu spie­len. Wenn ich al­so an sie den­ke, sie ver­mis­se, mir ei­ne Be­zie­hung mit ihr er­träu­me“, er­klärt We­ge­ner. Was die pa­ra­so­zia­le Be­zie­hung von je­ner zu den klas­si­schen Stars wie Micha­el Jackson oder Kurt Co­bain un­ter­schei­de? „Ih­re Ver­läss­lich­keit und Kon­ti­nui­tät. Die ver­stärkt sich durch die so­zia­len Me­di­en. Frü­her muss­te man auf die

Kon­zer­te sei­ner Lieb­lings­stars war­ten, war auf Me­dien­be­richt­er­stat­tung an­ge­wie­sen. Heu­te neh­men uns In­flu­en­cer mit ih­rer Han­dy­ka­me­ra ein­fach selbst in ih­re Wohn­zim­mer mit, er­zäh­len uns vom Kü­chen­tisch aus, was sie ges­tern ge­macht ha­ben, was sie heu­te ma­chen wer­den, und stel­len so ei­ne gro­ße, in­ti­me Nä­he her“, sagt die Wis­sen­schaft­le­rin. Und zwar täg­lich.

Gera­de Ju­gend­li­che, de­ren Smart­pho­ne meist nur ei­nen Hand­griff weit ent­fernt liegt, wis­sen: Ganz egal, wo ich bin, ob in der Schu­le oder im Bus: Auf das neue Bild, die neue Sto­ry mei­ner Lieb­lings­in­flu­en­ce­rin

kann ich mich ver­las­sen, und zwar im­mer. So wer­den die On­li­ne­stars schnell zu all­täg­li­chen, ver­läss­li­chen Be­glei­tern, ih­re per­sön­li­chen Bei­trä­ge zu ei­ner „ge­mein­sa­men Ge­schich­te“, wie We­ge­ner sagt.

Bei kaum ei­ner an­de­ren Blog­ge­rin lässt sich das Phä­no­men die­ser „ge­mein­sa­men Ge­schich­te“wohl bes­ser be­ob­ach­ten als bei Bi­an­ca „Bi­bi“Cla­ßen, der deut­schen Mo­de- und Li­fe­style-In­flu­en­ce­rin, die mit ih­rem Youtube-Ka­nal „Bi­bisBe­au­ty­Pa­lace“und fast sechs Mil­lio­nen Abon­nen­ten seit Jah­ren zu den be­kann­tes­ten Youtube­rin­nen im deutsch­spra­chi­gen Raum ge­hört. „Sie hat ih­re Fol­lo­wer voll­stän­dig in die ei­ge­ne Ge­schich­te ein­ge­bun­den. Erst ha­ben sie ih­ren Mann ken­nen­ge­lernt, dann hat sie das ers­te Kind be­kom­men, dann das zwei­te. Das kann ei­ne un­glaub­lich en­ge Bin­dung schaf­fen“, sagt We­ge­ner. Ir­gend­wann ha­be man das Ge­fühl zu wis­sen, wie die Per­son, die ei­nen je­den Tag hin­ter die Ku­lis­sen ih­res All­tags mit­nimmt, denkt, lebt und liebt, wer sie ist.

Und doch bleibt es letzt­lich im­mer nur ein Ge­fühl, das vor al­lem ei­nes ist: näm­lich ein­sei­tig. Denn im Ge­gen­satz zu ei­ner rea­len Freund­schaft wis­sen In­flu­en­cer oft we­nig bis gar nichts über die Men­schen, die sie täg­lich auf ih­ren Rei­sen oder ein­fach nur am Weg ins Ba­de­zim­mer be­glei­ten. We­ge­ner sieht in die­ser Ein­sei­tig­keit kein Pro­blem, son­dern viel eher ei­nen „rea­lis­ti­schen Lern­pro­zess“, ja so­gar „auch ei­ne Chan­ce für Ju­gend­li­che, die ei­ge­nen un­er­füll­ten Träu­me ge­mein­sam mit den In­flu­en­ce­rin­nen aus­zu­le­ben“.

Auch Tro­pitsel könn­te für ih­re über­wie­gend weib­li­che Fol­lo­werschaft ge­nau die­se an­ge­neh­me Flucht in die Fan­ta­sie ge­we­sen sein: Mit 15 reis­te sie mit ei­ner Freun­din nach Ber­lin, mit 16 zog sie aus dem Sankt Pe­ters­bur­ger El­tern­haus aus und nahm sich in Mos­kau ei­ne ei­ge­ne Woh­nung. Aus­bre­chen, für sich sel­ber le­ben, sich ver­wirk­li­chen und da­bei Geld ver­die­nen. Es ist ein Traum, den vie­le Te­enager in den rus­si­schen Pro­vin­zen träu­men und den Tro­pitsel ih­nen vor­ge­lebt hat.

Was hilft ge­gen die Trau­er um ei­ne In­ter­net-Freun­din? Das In­ter­net!

Was al­so, wenn die­se vir­tu­el­le bes­te Freun­din, das Vor­bild plötz­lich stirbt? Wenn die pa­ra­so­zia­le Be­zie­hung von heu­te auf mor­gen aus­ge­löscht wird?

Tat­säch­lich, da­von ist We­ge­ner über­zeugt, kön­ne sich der Tod Tro­pitsels für ei­ni­ge ih­rer Fans gera­de wie der Tod ei­nes na­hen Ver­wand­ten an­füh­len. Dar­auf las­sen zu­min­dest Stu­di­en in der Ver­gan­gen­heit schlie­ßen, die sich mit den Aus­wir­kun­gen des To­des be­kann­ter Pop­stars wie Micha­el Jackson oder Kurt Co­bain auf die je­wei­li­gen Fan­ge­mein­schaf­ten be­schäf­tig­ten. Da­bei hat die emp­fun­de­ne An­teil­nah­me nicht un­be­dingt et­was mit dem Be­kannt­heits­grad der ge­stor­be­nen Per­son zu tun, son­dern viel eher da­mit, wie na­he man sich ihr fühl­te, als sie noch leb­te. So gibt es in der Wis­sen­schaft so­gar ei­nen ei­ge­nen Be­griff für die Trau­er über den Tod ei­nes be­lieb­ten Se­ri­en­cha­rak­ters: „Pa­ra­so­ci­al Break­up Dis­t­ress.“Nur, was hilft da­ge­gen?

„Das In­ter­net!“, sagt We­ge­ner. Und tat­säch­lich, al­lein un­ter dem letz­ten Post von Tro­pitsel fin­den sich mitt­ler­wei­le mehr als 60 000 Kom­men­ta­re, in de­nen die Fans ih­re tie­fe Be­trof­fen­heit über den Tod der 18-Jäh­ri­gen kund­tun. „Sich zu­sam­men­zu­tun und als Com­mu­ni­ty ge­mein­schaft­lich zu trau­ern, kann da­bei hel­fen, den Tod bes­ser zu ver­ar­bei­ten“, glaubt die Wis­sen­schaft­le­rin. Die Sor­gen der jun­gen Fans als un­wich­tig ab­zu­tun, sei hin­ge­gen kon­tra­pro­duk­tiv: „Das ist für die Be­trof­fe­nen ei­ne hoch emo­tio­na­le Pha­se, und so soll sie auch be­han­delt wer­den.“

FOTO: ANA­ST­A­SIA TROPIZEL / INS­TA­GRAM

Sie leb­te den Traum, den vie­le rus­si­sche Te­enager träu­men: aus­bre­chen, sich selbst ver­wirk­li­chen und da­bei Geld ver­die­nen. Die In­flu­en­ce­rin Ana­st­a­sia Tro­pitsel auf dem Mo­tor­rad, mit dem sie auf Ba­li töd­lich ver­un­glück­te. Sie wur­de 18 Jah­re alt.

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