Tes­ten, tes­ten, tes­ten

Mi­nis­ter­prä­si­dent Sö­der bleibt bei sei­ner Stra­te­gie der Vor­sicht und führt trotz al­ler Kri­tik Co­ro­na-Tests für al­le ein. Die Kos­ten von 200 Mil­lio­nen Eu­ro dürf­ten kein Hin­der­nis sein. Für die Kul­tur gibt es ei­ne lang er­sehn­te Lo­cke­rung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - München · Bayern - Von an­na gün­ther

Mün­chen – Tests für al­le sind – ne­ben der Vor­sicht – das neue Leit­mo­tiv für Bay­erns An­ti-Co­ro­na-Stra­te­gie. Von die­sem Mitt­woch an kön­nen sich al­le Be­woh­ner des Frei­staats auf Sars-CoV-2 kos­ten­los tes­ten las­sen, auch wenn sie kei­ne Sym­pto­me ha­ben und kei­nen Kon­takt zu Co­vid-19-Er­krank­ten hat­ten. Tes­ten sei Prä­ven­ti­on und die ein­zi­ge Maß­nah­me des Staa­tes, auf das Co­ro­na­vi­rus zu re­agie­ren oder In­fek­ti­ons­ket­ten zu un­ter­bre­chen, sag­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der (CSU) am Di­ens­tag nach der Ka­bi­netts­sit­zung in Mün­chen. Hy­gie­ne- und Ab­stands­re­geln lä­gen in der Ver­ant­wor­tung der Bür­ger. Auf de­ren Ver­nunft al­lein will Sö­der sich of­fen­sicht­lich nicht ver­las­sen. Er warn­te er­neut da­vor, dass das Co­ro­na­vi­rus noch nicht be­siegt sei, so­lan­ge kein Impf­stoff oder Me­di­ka­men­te vor­han­den sind. Die Si­tua­ti­on sei nach wie vor „sehr zer­brech­lich und je­der­zeit ent­flamm­bar“, sag­te Sö­der. Statt zu lo­ckern und dann wie­der her­un­ter­zu­fah­ren, blei­be die Staats­re­gie­rung vor­sich­tig und set­ze auf das „Früh­warn­sys­tem“weit­ge­hen­der Te­s­tun­gen. „Wer mehr lo­ckert, muss auch mehr tes­ten.“

Für die Mas­sen­tests sol­len die Ka­pa­zi­tä­ten der La­bo­re von der­zeit 20 000 auf 30 000 Tests täg­lich er­höht wer­den und schnel­ler Re­sul­ta­te lie­fern. Mo­men­tan wer­den nur 10 000 Pro­ben pro Tag ana­ly­siert. Bis­her wur­den Co­ro­na-Tests nur Men­schen mit Sym­pto­men an­ge­bo­ten oder je­nen, die Kon­takt zu In­fi­zier­ten hat­ten. Au­ßer­dem füh­ren die Ge­sund­heits­äm­ter Rei­hen­tests durch, wenn ein aku­tes In­fek­ti­ons­ge­sche­hen zu be­kämp­fen ist oder be­son­ders ge­fähr­de­te Per­so­nen zu schüt­zen sind, et­wa in Al­ten­hei­men. Die­se Grup­pe soll nun bin­nen 24 St­un­den ih­re Tes­t­er­geb­nis­se be­kom­men. In der Ver­gan­gen­heit muss­ten Pa­ti­en­ten oft län­ger ban­gen. Die aku­ten Fäl­le ha­ben nach wie vor Prio­ri­tät.

Mit der neu­en Stra­te­gie kön­nen sich un­ter dem Mot­to „schnel­ler, kos­ten­los und für je­der­mann“nun auch al­le tes­ten las­sen, die kei­ne Sym­pto­me ha­ben, aber Sor­ge, das Vi­rus in sich zu tra­gen. Das An­ge­bot gilt auch für je­ne, die Sym­pto­me ver­mu­ten, aber kei­nen Kon­takt zu nach­weis­lich In­fi­zier­ten hat­ten. Bis­her durf­ten sie sich nicht tes­ten las­sen oder muss­ten pri­va­te Kon­tak­te spie­len las­sen. Tests sol­len von nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten durch­ge­führt wer­den, ei­ne Ober­gren­ze pro Per­son gibt es nicht. Ne­ben die­sen Test­mög­lich­kei­ten für al­le, sol­len un­ter an­de­rem die Po­li­zei­be­am­ten

und An­ge­hö­ri­ge des Jus­tiz- so­wie Maß­re­gel­voll­zugs ge­zielt ge­tes­tet wer­den. Er­zie­her und Leh­rer kön­nen frei­wil­lig an Rei­hen­tests teil­neh­men.

Weil die 9800 Ki­tas im Frei­staat an die­sem Mitt­woch wie­der den Re­gel­be­trieb auf­neh­men und bei der Be­treu­ung klei­ner Kin­der Ab­stand kaum ein­zu­hal­ten ist, fin­det die ers­te Mas­sen­te­s­tung in den Ki­tas statt. Ei­ne zwei­te soll nach den Som­mer­fe­ri­en fol­gen. Die 120 000 Leh­rer kön­nen sich in den ers­ten vier Wo­chen des neu­en Schul­jahrs tes­ten las­sen. So sol­len In­fek­tio­nen nach den Fe­ri­en ver­hin­dert wer­den. Die ers­te Wel­le war nach den Fa­schings­fe­ri­en aus­ge­bro­chen. Die Schu­len sol­len erst nach den Som­mer­fe­ri­en wie­der in den Re­gel­be­trieb ge­hen, der­zeit gel­ten noch Hy­gie­ne­so­wie Ab­stands­re­geln und Un­ter­richt in klei­nen, fes­ten Grup­pen.

Die drit­te Säu­le der Test­stra­te­gie ist die Prä­ven­ti­on in be­son­ders ge­fähr­de­ten Be­rei­chen wie Al­ten­hei­men, Be­hin­der­ten­ein­rich­tun­gen oder Kran­ken­häu­sern. Dort soll das Per­so­nal re­gel­mä­ßig und Pa­ti­en­ten oder Be­woh­ner stich­pro­ben­ar­tig so­wie bei Ver­le­gung ge­tes­tet wer­den. Da­zu kom­men Tests bei Per­so­nen, die sich in Ri­si­ko­ge­bie­ten auf­ge­hal­ten ha­ben, und an­lass­be­zo­ge­ne Rei­hen­tests, et­wa in Schlacht­hö­fen. Or­ga­ni­sie­ren sol­len die­se Pro­ben in Kran­ken­häu­sern, Schu­len oder Ki­tas die je­wei­li­gen Trä­ger oder Schul­lei­ter. Die Abrech­nung über­nimmt die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung (KVB). Der Frei­staat be­zahlt al­les, bis auf je­ne Tests, die oh­ne­hin von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men wer­den. So ha­be man dies mit der KVB ver­ein­bart, sag­te Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Me­la­nie Huml (CSU). Man kön­ne aber kei­nen Arzt zwin­gen, die Tests an­zu­bie­ten. Soll­te es Pro­ble­me ge­ben, wer­de man ei­ne Lis­te von Ärz­ten zu­sam­men­stel­len, die Tests durch­füh­ren. Sie ge­he aber da­von aus, „dass die Ärz­te das An­ge­bot auch gut an­neh­men“. Für das Test­kon­zept sind bis En­de des Jah­res 200 Mil­lio­nen Eu­ro vor­ge­se­hen. Mit der Op­ti­on auf Er­hö­hung im nächs­ten Jahr.

Die Kri­tik am er­neu­ten Al­lein­gang Bay­erns ließ Sö­der an sich ab­per­len und sieht sei­ne Re­gie­rung wie­der als Vor­rei­ter in Deutsch­land. Auch bei der Test­pflicht für Ur­lau­ber aus Ri­si­ko­ge­bie­ten sei­en die an­de­ren Län­der dem baye­ri­schen Vor­stoß ge­folgt. Die Kos­ten könn­ten kein Ar­gu­ment ge­gen Tests sein, sag­te Sö­der, bei der Si­cher­heit der Bür­ger dür­fe nicht ge­spart

Die Mas­ken­pflicht wird in Thea­tern, Kon­zert­häu­sern und Ki­nos ge­lo­ckert

wer­den. „Je­der han­delt in sei­ner Ver­ant­wor­tung und will das Bes­te er­rei­chen. Wir ha­ben uns ent­schie­den, ei­nen sehr gro­ßen Bür­ger­ser­vice zu eta­blie­ren.“Un­ter an­de­rem hat­te Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) das Vor­ha­ben mas­siv kri­ti­siert und vor ei­nem trü­ge­ri­schen Si­cher­heits­ge­fühl ge­warnt. „Der letz­te, der Tests hin­ter­fragt hat, war Do­nald Trump“, ent­geg­ne­te Sö­der. Ei­ne Si­tua­ti­on wie in den USA wol­le er nicht ha­ben.

Ei­ne Neue­rung ver­kün­de­te Sö­der au­ßer­dem, die von Kul­tur­schaf­fen­den schon sehn­süch­tig er­war­tet wur­de: Die Mas­ken­pflicht wird in Thea­tern, Kon­zert­häu­sern und Ki­nos ge­lo­ckert. Vom 1. Ju­li an müs­sen Be­su­cher kei­ne Mas­ke mehr tra­gen, so­bald sie auf ih­rem Platz sit­zen. Für „Mit­wir­ken­de“bleibt es bei der Mas­ken­pflicht, so­fern es die künst­le­ri­sche Dar­bie­tung nicht be­ein­träch­tigt.

FOTO: S. HOPPE/DPA

Mar­kus Sö­der eilt nach der Ka­bi­netts­sit­zung zur Pres­se­kon­fe­renz, um Co­ro­natests für al­le zu ver­kün­den.

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