Wo der Staat hel­fen kann

Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - Wirtschaft - Von be­ne­dikt mül­ler-ar­nold

Wenn sich der Staat nicht bald am Stahl­ge­schäft von Thys­sen­krupp be­tei­li­ge, so die Bot­schaft der IG Me­tall, dann sei­en Zehn­tau­sen­de gut bezahlte Stel­len in Ge­fahr, neu­er­dings droht so­gar ein Ver­kauf an die bri­ti­sche Li­ber­ty Steel. Zu ho­he Ver­lus­te häu­fe Thys­sen­krupp an, nach­dem er im Früh­jahr vor lau­ter Schul­den sei­ne pro­fi­ta­ble Auf­zugs­spar­te ver­kauft hat. Und wenn der Mut­ter­kon­zern nicht mehr kann, so hieß es in der Kund­ge­bung, dann müs­se eben Va­ter Staat ran.

Auf den ers­ten Blick klingt das fast un­ver­schämt. Thys­sen­krupp hat in vo­ri­gen Jah­ren Mil­li­ar­den ver­senkt, Be­frei­ungs­schlä­ge ver­passt, Feh­ler ge­macht. In der Co­ro­na-Kri­se hält der Bund nun Mil­li­ar­den be­reit, um zur Not bei Fir­men wie Luft­han­sa ein­zu­stei­gen. Doch taugt das auch für Thys­sen­krupp? Schließ­lich soll­ten Be­tei­li­gun­gen im Sin­ne al­ler Steu­er­zah­len­den lang­fris­tig Wert ver­spre­chen, Wohl­stand in der Zu­kunft schaf­fen oder zu­min­dest gro­ße Schä­den ab­wen­den.

Nur ein­stei­gen, um zu be­wah­ren, das wird bei Thys­sen­krupp kaum funk­tio­nie­ren. Ka­pi­tal ge­ben, um et­wa um­welt­scho­nen­de Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en im Land an­zu­trei­ben: Das er­gibt schon eher Sinn.

Ge­gen Staats­be­tei­li­gun­gen spricht oft, dass sie den Wett­be­werb ver­zer­ren: War­um soll­te die All­ge­mein­heit ein­zel­nen Fir­men ei­nen Vor­teil ein­räu­men und an­de­ren nicht? In der Stahl­bran­che ist das an­ders. Die öf­fent­li­che Hand ist vie­ler­orts an Her­stel­lern be­tei­ligt, nicht nur Nie­der­sach­sen an Salz­git­ter; man den­ke auch an chi­ne­si­sche Staats­kon­zer­ne, die mit hie­si­gen Pro­du­zen­ten kon­kur­rie­ren.

Klar ist aber auch: Selbst wenn der Staat in die Thys­sen­krupp-Spar­te ein­stie­ge, blie­be der Druck auf die Fa­b­ri­ken hoch. Al­le Stahl­wer­ke die­ser Welt könn­ten zu­sam­men­ge­rech­net viel mehr pro­du­zie­ren, als die Mensch­heit wirk­lich braucht. Das ist seit Jah­ren ein Pro­blem. Auch die welt­wei­te Au­to­pro­duk­ti­on ging schon vor Aus­bruch der Pan­de­mie zu­rück; das trifft klas­si­sche Zu­lie­fe­rer wie Thys­sen­krupp be­son­ders. Die Kri­se hat die La­ge nur ver­schärft.

Wer es ernst meint mit grü­ner Mo­bi­li­tät, soll­te auch auf grü­nen Stahl ach­ten

In dem Zu­sam­men­hang steht auch die neue Of­fer­te von Li­ber­ty Steel, die Stahl­wer­ke von Thys­sen­krupp zu über­neh­men. Der Ruhr­kon­zern hat selbst ge­sagt, dass er Part­ner­schaf­ten oder gar ei­nen Ver­kauf er­wägt. Nach prak­tisch je­der Fu­si­on in der Bran­che fal­len nicht nur Ver­wal­tungs­stel­len weg; es geht auch dar­um, schlecht aus­ge­las­te­te An­la­gen zu schlie­ßen. Ob Um­brü­che hu­ma­ner aus­fal­len, wenn der Staat be­tei­ligt ist, taugt viel­leicht als Hoff­nung. Si­cher ist es nicht.

Doch der Bran­che, die et­wa sie­ben Pro­zent al­ler CO2-Emis­sio­nen welt­weit ver­ur­sacht, steht ein noch grö­ße­rer Wan­del be­vor: Um kli­ma­neu­tral zu wer­den, muss die Stahl­in­dus­trie künf­tig ent­we­der Koh­le durch Was­ser­stoff er­set­zen, der vor­her mit viel Ökostrom ge­won­nen wird. Oder sie muss ih­re Hüt­ten­ga­se ab­fan­gen und wei­ter­ver­ar­bei­ten.

Her­stel­ler in Eu­ro­pa bau­en zwar Test­an­la­gen für „grü­nen“Stahl. Doch sie müss­ten Mil­li­ar­den in­ves­tie­ren, um die Pro­duk­ti­on zu ska­lie­ren. Hier könn­te der Staat als Ka­pi­tal­ge­ber sinn­voll sein: Er könn­te sich et­wa an mög­li­chen Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men für kli­ma­neu­tra­le Vor­pro­duk­te be­tei­li­gen. Dann gin­ge es nicht nur dar­um, Wert­schöp­fung im Land zu hal­ten. Son­dern ein Pro­blem zu lö­sen, vor dem die gan­ze Welt steht, wenn sie künf­tig end­lich kli­ma­neu­tral wirt­schaf­ten will. Denn wer es ernst meint et­wa mit grü­ner Mo­bi­li­tät, der soll­te nicht nur mit treib­haus­gas­neu­tra­lem An­trieb un­ter­wegs sein. Sein Fahr­zeug soll­te auch aus grü­nen Werk­stof­fen sein.

Den Wett­be­werb um Mas­sen­stahl hat Eu­ro­pa in vie­len Fäl­len ver­lo­ren. Auf der Su­che nach grü­nem Stahl kann der Kon­ti­nent noch viel ge­win­nen. Da­bei zu hel­fen, kann sich auch für den Staat ren­tie­ren.

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