Die Sa­che mit Bier­mann

Bio­gra­fie schil­dert Le­ben und Werk des Dra­ma­ti­kers Pe­ter Hacks. Au­tor Ro­nald We­ber und Ver­le­ger Mat­thi­as Oeh­me stell­ten sie in Wei­mar vor

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - Kultur & Freizeit - Von Han­no Mül­ler

Wei­mar.

Ei­ne An­ek­do­te, einst noch mit dem Wis­sen von Pe­ter Hacks (1928–2003) ge­druckt, be­schreibt die Hal­tung des Dich­ters in der DDR be­son­ders ein­drück­lich. Nach dem Raus­wurf des Lie­der­ma­chers Wolf Bier­mann im No­vem­ber 1976 wur­de Hacks von der Schau­spie­le­rin Eva­Ma­ria Ha­gen am Te­le­fon ge­fragt, was er ge­gen die „Schei­ße“zu un­ter­neh­men ge­den­ke und ob man mit ihm rech­nen kön­ne? „Ich bin doch nicht ver­rückt“, soll Hacks ge­ant­wor­tet ha­ben, was die An­ru­fe­rin zu den Wor­ten „Bist du im­po­tent ge­wor­den oder was?“ver­an­lass­te, be­vor sie den Hö­rer auf die Ga­bel knall­te.

Wie in Hacks‘ Le­ben ist die Bier­mann-Aus­bür­ge­rung auch ei­ner der Schlüs­sel­mo­men­te in der Hacks-Bio­gra­fie des Ber­li­ners Ro­nald We­ber. Ex­per­ti­se er­warb sich der 1980 im Wes­ten Ge­bo­re­ne be­reits mit sei­ner Dis­ser­ta­ti­on zur Dra­me­n­äs­the­tik bei Pe­ter Hacks und Hei­ner Mül­ler. Ver­legt wur­de sein 600-sei­ti­ges Buch im Eu­len­spie­gel-Ver­lag von Mat­thi­as Oeh­me, dem Hacks nach der Wen­de die Rech­te zur Her­aus­ga­be sei­ner Ge­sam­mel­ten Wer­ke über­ließ. Au­tor und Ver­le­ger stell­ten die Bio­gra­fie am Mitt­woch auf Ein­la­dung der Freun­de des Goe­the­hau­ses vor.

Aus­führ­lich er­in­nert We­ber dar­an, dass es 1976 nicht bei Hacks‘ Ab­leh­nung blieb, sich an den Pro­tes­ten ge­gen die Bier­mann-Aus­bür­ge­rung zu be­tei­li­gen. In der „Welt­büh­ne“leg­te der Dra­ma­ti­ker nach. Un­ter der Über­schrift „Neu­es von Bier­mann“sprach er vom Kn­a­ben Bier­mann, der „auf sei­nem Wun­der­horn da­her­schwatz­te, was ihm so an Klei­nig­kei­ten durch den Kopf ging“. Sei­ne Rei­me sei­en schlecht, die Ver­se holp­rig und die Ge­dan­ken kraus. Hein­rich Böll, der Bier­mann nach dem Raus­wurf bei sich auf­nahm, wur­de von Hacks mit dem „Hund von Thur­ber“ver­gli­chen, der staun­te, „dass Kon­ter­re­vo­lu­ti­on in so­zia­lis­ti­schen Län­dern ver­bo­ten ist“. Und auch die pro­tes­tie­ren­den Schrift­stel­ler­kol­le­gen be­ka­men ihr Fett weg.

Doch wie­so täusch­ten sich die DDR-Kol­le­gen in ihm? Als Dra­ma­ti­ker, wie auch als Mensch, sei Hacks schwer zu fas­sen, sein Ver­hält­nis zur DDR wi­der­sprüch­lich und miss­ver­ständ­lich ge­we­sen. Ob er staats­treu, ein Dis­si­dent oder ein rei­ner Iro­ni­ker war, hät­te sich den Zeit­ge­nos­sen nicht ein­deu­tig zu er­ken­nen ge­ge­ben, sagt Mat­thi­as Oeh­me. Die Bio­gra­fie zeich­net den Weg nach, der den 1928 in Bres­lau (Wro­claw) ge­bo­re­nen Sohn ei­nes No­tars nach Krieg, Ver­wun­dung, Ge­fan­gen­schaft so­wie vor­läu­fi­ger An­sied­lung in Wup­per­tal schließ­lich 1955 in die DDR führt. Den re­stau­ra­ti­ven Wes­ten be­zeich­ne­te Hacks als „Na­zis­tan“. Im Os­ten sei­en die Tu­gen­den „nicht so ide­al und die Nach­tei­le nicht ganz so schröck­lich, es ist im Grun­de so läp­pisch wie an­der­wärts auch“. Hacks ent­deck­te und ver­ehr­te Ber­tolt Brecht, wur­de sein Schü­ler, ließ sich aber we­nig sa­gen und wen­de­te sich schließ­lich wie­der von ihm ab. Sei­nen Wech­sel in die DDR ha­be er al­ler­dings noch im ho­hen Al­ter als al­ter­na­tiv­los be­zeich­net.

Im Os­ten avan­cier­te Hacks vor der Bier­mann-Aus­bür­ge­rung zum meist ge­spiel­ten Thea­ter­au­tor, der in sei­nen frü­hen Stü­cken an­geb­lich so­gar den Bit­ter­fel­der Weg vor­weg­nahm. Er ar­bei­te­te in der Braun­koh­le, schrieb sich mit Ar­bei­tern. Trotz­dem wur­den Stü­cke wie „Die Sor­gen und die Macht“(1962) oder „Mo­ritz Tas­so“(1965) we­gen „Verun­glimp­fung der füh­ren­den Rol­le der Ar­bei­ter­klas­se“ oder „rü­pel­haf­te Obszö­ni­tät“ver­bo­ten und der Dich­ter ab­ge­straft.

Auf der an­de­ren Sei­te stand der in­tel­lek­tu­el­le Aris­to­krat, dem man ge­le­gent­lich Sa­tu­riert­heit nach­sag­te, der in der mit An­ti­qui­tä­ten ge­spick­ten Sechs-Zim­mer-Woh­nung in der Ber­li­ner Schön­hau­ser 129 Hof hielt, Kol­le­gen und Freun­de zu eli­tä­ren Krei­sen bat und das schon bald auch im Wes­ten ver­dien­te Geld mit vol­len Hän­den aus­gab. „Geld ist Frei­heit“, sag­te er ein­mal, es sei amü­sant es zu ha­ben, wenn man et­was will.

Nach dem Bier­mann-Ar­ti­kel in der Welt­büh­ne war al­les an­ders. Im Wes­ten sei Hacks‘ Abrech­nung ein­ge­schla­gen wie ei­ne Bom­be, schreibt We­ber. In­tel­lek­tu­el­le wa­ren em­pört, Zei­tun­gen gin­gen da­mit auf die Ti­tel­sei­te. Stü­cke wie der „Am­phi­try­on“, der auf Dut­zen­den Büh­nen gleich­zei­tig lief, oder das „Jahr­marktsfest zu Plun­ders­wei­lern“wur­den ab­ge­setzt. Hacks selbst zog sich in der Fol­ge mehr und mehr zu­rück.

Dass sei­ne Stü­cke auch in der DDR nicht mehr funk­tio­nier­ten wie frü­her, ha­be auch mit ei­nem ge­än­der­ten Bil­dungs­ka­non zu tun ge­habt. Kor­ri­gie­ren wol­len We­ber und Oeh­me in Wei­mar aber den Ein­druck, dass die spä­te­ren Stof­fe ei­ne rei­ne Flucht in die an­ti­ke Ge­schich­te ge­we­sen sei­en. Ein Nach­wen­de­stück wie „Der Geld­gott“(1991) ha­be sich zu der Zeit der Fi­nanz­kri­se als hoch­po­li­tisch und ak­tu­ell er­wie­sen.

Wäh­rend Stü­cke von Hacks heu­te nur sel­ten und dann meist auf Ne­ben­büh­nen ge­spielt wer­den, dar­un­ter sein „Ge­spräch im Hau­se St­ein über den ab­we­sen­den Herrn von Goe­the“, müs­se man sich um sei­ne Kin­der­tex­te kei­ne Sor­gen ma­chen. Sei­ne Be­herr­schung der Spra­che und sein fa­mo­ser Büh­nen­witz blei­ben ein Le­se­ver­gnü­gen. Dass ein Buch­kri­ti­ker Hacks die­ser Ta­ge als „Goe­the des 20. Jahr­hun­derts“fei­er­te, stieß im Goe­the­haus durch­aus auf Wohl­wol­len. Goe­the als „Hacks des 18. Jahr­hun­derts“zu be­zeich­nen, hält man eher für ei­nen freund­li­chen Bon­mot. Im No­vem­ber wol­len sich die Goe­thefreun­de mit Hacks‘ Ver­hält­nis zum Dich­ter­fürs­ten be­fas­sen.

▶ Ro­nald We­ber: Pe­ter Hacks. Le­ben und Werk. Eu­len­spie­gel-Ver­lag, Berlin, 605 S., 39 Eu­ro

Im Lieb­ha­ber­thea­ter Schloss Koch­berg ist der­zeit ei­ne Ins­ze­nie­rung des Ein-Per­so­nen-Stü­ckes von „Ein Ge­spräch im Hau­se St­ein über den ab­we­sen­den Herrn von Goe­the“mit Bar­ba­ra Schnitz­ler als Char­lot­te St­ein zu se­hen. Fo­to: Ma­ik Schuck

Ein un­da­tier­tes Fo­to zeigt den Dra­ma­ti­ker Pe­ter Hacks. Fo­to: Kon­kret

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