Vom Klemp­ner zum Gusso­fen-Gu­ru

Ro­nald Koch sam­melt und re­stau­riert in Gün­se­ro­de Gus­s­öfen aus zwei Jahr­hun­der­ten

Thüringer Allgemeine (Artern) - - Kyffhäuser Allgemeine - Von Pa­trick Weis­heit

Gün­se­ro­de. Er ist ge­lern­ter Klemp­ner, und sei­ne gro­ße Lei­den­schaft sind Gus­s­öfen. Über vie­le Jah­re hat er sich Wis­sen über Gus­s­öfen aus den ver­gan­gen bei­den Jahr­hun­der­ten an­ge­eig­net und meh­re­re Hun­dert von die­sen in sei­nen Hän­den ge­habt. Ro­nald Koch be­wahrt auf sei­nem Hof in Gün­se­ro­de ein Stück deut­sches Kul­tur­gut als ei­ner von ganz we­ni­gen Ex­per­ten auf die­sem Ge­biet in ganz Deutsch­land.

Al­les be­gann mit ei­nem ein­fa­chen Ka­no­nen­ofen, den er ge­gen ei­nen Kas­ten Bier ein­tausch­te und der bis heu­te auf sei­nem Hof steht. Da­mals leb­te Ro­nald Koch aber noch in Son­ders­hau­sen. Er ar­bei­te­te als an­ge­stell­ter Klemp­ner und sam­mel­te ne­ben­bei Öfen. Schnell wa­ren es da be­reits 80 Stück ge­wor­den.

Die ers­ten Öfen be­kam er aus ganz Deutsch­land, in­dem er An­zei­gen aus dem In­ter­net fil­ter­te und auch schon mal für ei­nen ein­zi­gen Ofen bis nach Stuttgart mit dem Au­to fuhr. „Ich ha­be da­mals zu­nächst ei­ni­ge Ka­no­nen­öfen ge­kauft und spä­ter auch hoch­wer­ti­ge­re Mo­del­le. Da­bei ha­be ich aber auch oft Schrott ge­kauft und so­mit viel Lehr­geld ge­zahlt“, sagt Ro­nald Koch. Im Ver­gleich zu heu­te ha­be er da­mals kaum Wis­sen über die Ma­te­rie ge­habt und nicht an­nä­hernd die Viel­falt un­ter den Öfen ge­ahnt. Sein Wis­sen eig­ne­te er sich über die Jah­re au­to­di­dak­tisch an. Wo­her sei­ne Lei­den­schaft für Gus­s­öfen kommt, weiß er nicht so ge­nau. Ei­ne klei­ne An­ek­do­te in die­sem Zu­sam­men­hang hat er aber pa­rat: „Es gibt ein Fo­to, auf dem ich als Drei­jäh­ri­ger ganz fas­zi­niert auf den Kü­chen­herd mei­nen Oma schaue. Vi­el­leicht war das ja der Aus­lö­ser“, scherzt er au­gen­zwin­kernd.

Sei­nen Hof in Gün­se­ro­de er­stand er von der Vor­be­sit­ze­rin, zu der er ei­ne gu­te Be­zie­hung auf­ge­baut hat­te, war er doch ihr Haus- und Hof­tech­ni­ker für vie­le Jah­re. „Der Hof ge­fiel mir schon im­mer, und da ha­be ich der Da­me ge­sagt, sie sol­le an mich den­ken, wenn sie den Hof ein­mal ver­kauft – und so kam es dann“, schil­dert Koch. Al­so zog es ihn im Jahr 2007 aus der Kreis­stadt an den Wip­per­durch­bruch.

Jag­te er frü­her noch den bes­ten Ofen­schnäpp­chen im In­ter­net hin­ter­her, ha­ben sich sei­ne Qu­el­len über die Jah­re ra­di­kal ge­än­dert. „Jetzt ist es so, dass ich pro Wo­che drei bis vier Öfen an­ge­bo­ten be­kom­me und schon oft dan­kend ab­leh­nen muss­te“, so Koch. Er kau­fe kei­ne Öfen mehr, um sie zu re­stau­rie­ren und wei­ter­zu­ver­kau­fen.

Dies hat auch ei­nen ein­fa­chen Grund: die Ge­setz­ge­bung. „Das neue Bund­se­mis­si­ons­schutz­ge­setz, das seit die­sem Jahr gilt, macht dies un­ren­ta­bel“, sagt er. Je­der Ofen, der ge­werb­lich ver­kauft wird, müs­se näm­lich nun ein Ener­gie­ef­fi­zi­enz­la­bel er­wer­ben, das je­weils 1600 Eu­ro kos­te. Das är­ge­re ihn mas­siv, aber nicht nur aus fi­nan­zi­el­len Grün­den: „Da­mit wird Stück für Stück deut­sches Kul­tur­gut ver­drängt, wäh­rend Old­ti­mer wei­ter zu­ge­las­sen wer­den und ih­re Ab­ga­se in die Luft pus­ten kön­nen. Aber die ha­ben eben ei­ne Lob­by – Öfen nicht“, be­tont Koch. Gä­be es nicht noch so ein paar Ver­rück­te wie ihn, wür­den die an­ti­ken Öfen in­ner­halb we­ni­ger Jah­re ver­schwin­den.

Ro­nald Koch hat sich nun gänz­lich der Re­stau­rie­rung al­ter Öfen ver­schrie­ben. Da er mitt­ler­wei­le als Fach­mann be­kannt ist, er­hält er nicht nur An­fra­gen aus ganz Deutsch­land, son­dern auch aus dem eu­ro­päi­schen Aus­land. Erst kürz­lich hat er ei­nen re­stau­rier­ten Ofen wie­der zu sei­nem Be­sit­zer nach Braun­schweig ge­schickt. Aber auch Ofen­be­sit­zern in Mos­kau, Os­lo oder auf Si­zi­li­en konn­te er schon hel­fen. „Für die Re­stau­rie­rung ei­nes Ofens be­nö­ti­ge ich bei gu­ter Er­hal­tung rund drei Mo­na­te. An ei­nem Ofen ha­be ich aber auch schon drei Jah­re ge­ar­bei­tet.“Da­bei ar­bei­tet er seit vie­len Jah­ren mit der Kunst­gie­ße­rei in Lauch­ham­mer zu­sam­men, die für ihn die not­wen­di­gen Ofen­plat­ten für die Re­stau­rie­rung gießt. „Ei­ne sol­che Plat­te kann auch mal zwi­schen 300 und 500 Eu­ro nur für das Ma­te­ri­al kos­ten. Ei­ne Re­stau­rie­rung lohnt sich al­so nur für wirk­lich wert­vol­le Öfen“, sagt Koch. Al­ler­dings ge­be es auch im­mer mal wie­der Kun­den, die ei­nen Ofen aus ide­el­len Grün­den re­stau­rie­ren las­sen. Ak­tu­ell re­stau­riert er auf sei­nem Hof drei Öfen und auch ei­ne al­te Pum­pe aus dem Nach­bar­ort See­ga. „Zu tun ha­be ich im­mer reich­lich.“

Sein pri­va­ter Sam­mel­schwer­punkt liegt auf den Jah­ren zwi­schen 1870 und 1910. „Ich ha­be zwar auch noch viel äl­te­re Mo­del­le, aber in die­ser Zeit gab es ei­ne Blü­te­zeit für Ver­zie­run­gen an All­tags­ge­gen­stän­den, die eben auch die Öfen er­fass­te“, er­klärt Koch. Man­che Öfen ha­be er schon vie­le Jah­re ste­hen, je­doch er­ken­ne er je­den Tag in den Ver­zie­run­gen ein neu­es Mus­ter. Im Lau­fe der Jah­re gin­gen – nach ei­ge­nen An­ga­ben – et­wa 500 Öfen durch sei­ne Hän­de. Sei­ne ei­ge­ne Samm­lung hat er aber kon­ti­nu­ier­lich ver­klei­nert. Sein gan­zer Stolz ist sei­ne Samm­lung von Mus­ter­bü­chern der ver­schie­dens­ten Ofen­her­stel­ler aus den Jahr­hun­der­ten. „Ich ha­be die­se Mus­ter­bü­cher qua­si ver­schlun­gen und das Wis­sen dar­aus auf­ge­so­gen“, sagt er.

Gern emp­fängt er auch Be­such auf sei­nem Hof, um den Men­schen sein Wis­sen nä­her zu brin­gen: „Ich möch­te kei­ne Rei­se­bus­la­dun­gen hier durch­schleu­sen, freue mich aber im­mer wie­der, wenn in­ter­es­sier­te Leu­te bei mir klin­geln.“

Die hand­werk­li­chen Ar­bei­ten über­nimmt Ro­nald Koch in Ei­gen­re­gie. Buch­hal­te­ri­sche Un­ter­stüt­zung er­hält er von sei­ner Ehe­frau, die als Schul­se­kre­tä­rin ar­bei­tet. Der 52-jäh­ri­ge hat zwei er­wach­se­ne Töch­ter und ei­nen sechs­jäh­ri­gen Sohn. „Ich hof­fe, dass er vi­el­leicht ein­mal in mei­ne Fuß­stap­fen tre­ten kann. Aber da­mit be­schäf­ti­ge ich mich noch nicht. Ich le­be mei­ne Lei­den­schaft nun erst ein­mal wei­ter für mich aus“, be­tont er.

Omas Kü­chen­herd fas­zi­nier­te ihn

▶ Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem The­ma gibt es in In­ter­net un­ter: www.an­ti­ker-gusso­fen.de

Die­sen Ka­no­nen­ofen tausch­te Ro­nald Koch ge­gen ei­nen Kas­ten Bier ein. Da­nach be­gann sei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Sam­mel­lei­den­schaft. Fo­tos: Pa­trick Weis­heit ()

Das Por­trät von Kai­ser Wil­helm I. auf ei­nem Gusso­fen, der an­läss­lich des . Ju­bi­lä­ums der Reichs­grün­dung  ge­fer­tigt wur­de und heu­te Ro­nald Koch ge­hört.

In sei­ner Werk­statt re­stau­riert er akri­bisch an­ti­ke Gus­s­öfen.

Die gro­ße Samm­lung von Mus­ter­bü­chern ist Ro­nald Kochs gan­zer Stolz.

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