Oh Tan­nen­baum, wie bunt sind dei­ne Eier

Thüringer Allgemeine (Eichsfeld) - - Kultur & Freizeit - Von Hen­ryk Gold­berg

Ich saß bei Dr. T. im War­te­zim­mer und war­te­te. Ne­ben mir ein mit­tel­jun­ger Mann, er war au­ßer mir der ein­zi­ge, der ein Buch las, das fiel mir auf. Und dann wur­de er auf­ge­ru­fen, das fiel mir noch mehr auf. Will sa­gen, sein Na­me. Wer so heißt wie ich, hat ein Ge­fühl für sol­che Na­men. Ich will sei­nen hier nicht nen­nen, aber viel­leicht ist ja ein Be­kann­ter von ihm Zei­tungs­le­ser, er ist es wohl nicht, wie ich spä­ter be­merk­te. Al­so, für die, die ihn ken­nen: Der Na­me ist ein Mix aus ei­nem Him­mels­kör­per und ei­nem Tier­kind. Dann wur­de ich auf­ge­ru­fen, es gibt da ver­schie­de­ne Un­ter­su­chun­gen, al­so setz­te ich mich wie­der.

Und dann frag­te mich der Herr S., so will ich ihn ein­mal nen­nen sehr freund­lich: „Ent­schul­di­gung, Sind Sie Is­rae­li? Ich fra­ge, weil Sie da Amos Oz le­sen und so hei­ßen. Ir­gend­wie bin ich, glau­be ich, auch jü­disch.“

Das war ein wirk­lich an­ge­neh­mer Mensch, aber er hat­te auch mit die­ser deut­schen Ver­klemmt­heit ge­fragt, ob ich Is­rae­li sei. Dabei, die Wahr­schein­lich­keit, dass ein is­rae­li­scher Staats­bür­ger in Er­furt beim Arzt ein deut­sches Buch liest, ist wohl nicht sehr hoch. Was er mein­te war: Sind Sie Ju­de? Aber das sagt sich ir­gend­wie schwer, das hat noch im­mer die­se An­mu­tung von „Ne­ger“oder „Zi­geu­ner“.

Dabei denkt wohl kaum ei­ner dar­an, da­für ist die Ge­gend hier zu got­tes­fern, dass die Vor­fah­ren mei­nes Va­ters einst da­für Sor­ge tru­gen, dass Got­tes Sohn von den Rö­mern ans Kreuz ge­na­gelt wur­de, was ja im Üb­ri­gen Teil von Got­tes Plan ge­we­sen sein muss.

Und wo­mög­lich war es auch Teil des Pla­nes, und dann wä­re es ein sehr hin­ter­grün­di­ger Plan ge­we­sen, dass die Chris­ten in je­der ih­rer Kir­chen an ex­po­nier­ter Stel­le ei­nen Ju­den se­hen und an­be­ten sol­len.

Die­ser Tag, der Kar­frei­tag, war ges­tern,

Hen­ryk Gold­berg ist Pu­bli­zist und schreibt je­den Sams­tag sei­ne Kolumne

ein christ­li­cher Trau­er­tag. Und just ges­tern war auch der Se­der­abend, der Vor­abend des jü­di­schen Pes­sach. Kein Tag der Trau­er, im Ge­gen­teil, die Ju­den er­in­nern hier, wie ihr Gott sie einst aus der ägyp­ti­schen Knecht­schaft führ­te. Und oh­ne die­ses Pes­sach­mahl gä­be es das Abend­mahl nicht – denn nichts an­de­res als Pes­sach war der Grund des Her­ren­mahls– und oh­ne das Abend­mahl wie­der­um ver­lö­ren die Chris­ten die Mit­te ih­res Glau­bens.

Ich hab dem An­lass ent­spre­chend die letz­te Mat­ze ge­ges­sen, we­ni­ger in Wür­di­gung der we­nigs­tens bei mir doch ziem­lich ver­blass­ten Er­in­ne­rung an die Er­ret­tung aus Pha­ra­os Skla­ven­haus, ich mag sie ein­fach.

Da­mit geht es mir ver­mut­lich mit den Mat­zen wie den meis­ten Go­jim mit Weih­nach­ten und Os­tern. Es war auch nicht am se­der­ge­recht ge­deck­ten Tisch, es war über dem Spül­be­cken in der Kü­che, das Zeug krü­melt furcht­bar und schmeckt nach nichts, aber das ziem­lich gut.

Aber da­mit das Hei­li­ge ei­ne Pa­ri­tät hat, schließ­lich, mein Fräu­lein Mut­ter ist gut ka­tho­lisch, ist hier im Hau­se auch die christ­li­che Sym­bo­lik prä­sent. Die Iko­nen der rus­sisch-or­tho­do­xen Kir­che, sie ka­men über die Da­me ins Haus, hal­ten das gan­ze Jahr über die Stel­lung ge­gen den Cha­nu­kka-leuch­ter. Und seit De­zem­ber schwebt noch im­mer der Weih­nachts­stern überm Wohn­zim­mer und ver­sieht sei­nen Di­enst als freund­li­cher Leucht­kör­per.

Ich mei­ne, wenn hier rich­tig Weih­nach­ten ist, denkt der Thü­rin­ger mehr­heit­lich auch mehr „Kau­fen“als „Krip­pe“, mehr „Ge­schenk“als „Ge­burt“. Und Os­ter­sonn­tag gilt das In­ter­es­se auch eher den ver­steck­ten Ei­ern als dem auf­er­stan­de­nen Herrn. Da kann ein Weih­nachts­stern, fern­be­dient dank ei­nes Hin­wei­ses des eins­ti­gen Rad­sport­lers Die­ter L., auch mal zur Lam­pe wer­den. Wie lan­ge er das al­ler­dings darf, das ist ei­ne Ent­schei­dung, die nicht ich zu tref­fen ha­be, al­ler­dings den­ke ich nicht, dass theo­lo­gi­sche Er­wä­gun­gen zu den Ent­schei­dungs­kri­te­ri­en der Da­me ge­hö­ren wer­den. Die­ser Stern kor­re­spon­diert ir­gend­wie tran­szen­den­tal mit dem Weih­nachts­baum. Der steht auf dem Bal­kon und ist so grün als wie am ers­ten Tag. Mag sein, auf dem Weih­nachts­baum­ver­kaufs­platz ha­ben sich die gro­ßen stol­zen Tan­nen lus­tig ge­macht über ihn, so ein Winz­ling, mit den Ku­geln sieht der be­stimmt voll be­scheu­ert aus. Ja, so spra­chen die stol­zen Tan­nen. Und jetzt? Wind­hauch, Wind­hauch, nichts als Wind­hauch, wie der wei­se Pre­di­ger Sa­lo­mo sprach. Denn, da zeigt sich ein Vor­teil der Klei­nen, er hat sie al­le über­lebt und steht, ge­schmückt nur mit dem Grün, in das Got­tes Na­tur ihm klei­de­te, auf dem Bal­kon und lä­chelt wohl heim­lich über die gro­ßen stol­zen Tan­nen, die An­der­sens „Tan­nen­baum“hät­ten le­sen sol­len. Ob un­ser grü­ner Baum nun mit bun­ten Ei­ern ge­schmückt wird, die­se Fra­ge ist zur St­un­de noch nicht ent­schie­den.

Am Se­der­abend wird der jü­di­sche Va­ter im­mer ge­fragt „War­um ist die­ser Abend an­ders als al­le an­de­re Aben­de?“Nun, die Ant­wort für al­le geht so: Weil wir noch drei freie Ta­ge ha­ben.

Fro­he Os­tern

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