Ein Fall als Mah­nung

Vor 36 Jah­ren wur­de Heinz-jo­sef Gro­ße bei sei­nem Flucht­ver­such bei As­bach-si­cken­berg er­schos­sen

Thüringer Allgemeine (Eichsfeld) - - Eichsfelder Allgemeine - Von Chris­ti­an Stö­ber

As­bach-si­cken­berg.

Be­reits über­wun­den war der Grenz­zaun mit den Selbst­schuss­au­to­ma­ten und West­deutsch­land nur we­ni­ge Me­ter ent­fernt. Le­dig­lich ein Hang muss­te noch be­stie­gen wer­den. Doch schei­ter­te der Ver­such, der DDR zu ent­flie­hen, im letz­ten Mo­ment töd­lich.

Vor 36 Jah­ren, am 29. März 1982, ver­such­te Heinz-jo­sef Gro­ße an der in­ner­deut­schen Gren­ze zwi­schen Hes­sen und Thü­rin­gen in die Bun­des­re­pu­blik zu flüch­ten. Gro­ße, ein 34jäh­ri­ger Me­lio­ra­ti­ons­fach­ar­bei­ter aus der Eichs­feld­ge­mein­de Thal­wen­den, hat­te schon seit ei­ni­gen Wo­chen mit ei­nem Front­la­der an Schach­tungs­ar­bei­ten zur Er­rich­tung ei­nes Be­ob­ach­tungs­turms im Schiff­lers­grund bei Si­cken­berg teil­ge­nom­men. Das Grenz­kom­man­do stuf­te ihn trotz der Schei­dung von sei­ner Frau als zu­ver­läs­sig und po­li­tisch un­ver­däch­tig ein, so dass kei­ne grö­ße­ren Be­den­ken we­gen sei­nes Ein­sat­zes bei den Bau­maß­nah­men in der un­mit­tel­ba­ren Grenz­nä­he be­stan­den.

Die­se Ein­schät­zung er­wies sich je­doch als Trug­schluss. Der Flucht­ver­such war of­fen­bar län­ger ge­plant ge­we­sen. Un­ter an­de­rem hat­te er zu­vor auf der Bank ei­ne grö­ße­re Men­ge an Bar­geld ab­ge­ho­ben. Als sich die bei­den Grenz­sol­da­ten, die ihn zur stän­di­gen Über­wa­chung be­glei­te­ten, ge­gen 15 Uhr kurz­zei­tig ent­fern­ten, fuhr Gro­ße mit sei­nem Rad­la­der an den Streck­me­tall­zaun her­an. Er hob die Schau­fel auf Zaun­hö­he, klet­ter­te hin­auf, sprang und ver­such­te, nach der Lan­dung den Hang in Rich­tung West­deutsch­land zu er­klim­men. Die Auf­for­de­rung der zwi­schen­zeit­lich zu­rück­ge­kehr­ten Grenz­sol­da­ten, ste­hen zu blei­ben, miss­ach­te­te Gro­ße, so dass die bei­den Pos­ten nach Warn­schüs­sen das Feu­er auf ihn er­öff­ne­ten. Vor al­lem im Be­cken­be­reich ver­ur­sach­ten die Ku­geln schwe­re Ver­let­zun­gen. Gro­ße brach auf der Mit­te des Hangs zu­sam­men und ver­blu­te­te nur we­ni­ge Me­ter von der Bun­des­re­pu­blik ent­fernt. Die drei Zoll­beam­tem, die das dra­ma­ti­sche Ge­sche­hen von west­deut­scher Sei­te aus be­ob­ach­te­ten, konn­ten nur hilf­los zu­se­hen. We­nig spä­ter wur­de der Leich­nam von Ddr-grenz­sol­da­ten ge­bor­gen und die Fa­mi­lie von Gro­ße am spä­ten Abend über den Vor­fall in Kennt­nis ge­setzt. Ge­naue In­for­ma­tio­nen über den Ta­ther­gang er­hiel­ten die An­ge­hö­ri­gen je­doch nicht. Eben­so durf­te nur ein aus­ge­wähl­ter Per­so­nen­kreis an der von den Be­hör­den ter­min­lich fest­ge­setz­ten Bei­set­zung teil­neh­men. Die Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen stan­den in der Fol­ge­zeit un­ter der vor­über­ge­hen­den Über­wa­chung durch die Staats­si­cher­heit.

Die Schüs­se auf Gro­ße ha­ben bis heu­te sicht­ba­re Spu­ren am Grenz­zaun hin­ter­las­sen. We­ni­ge Mo­na­te spä­ter, am 12. Ju­ni 1982, wur­de na­he des To­desor­tes auf der West­sei­te ein Holz­kreuz auf­ge­stellt. Die in Rich­tung der DDR wei­sen­de In­schrift lau­te­te „Ein­heit, Recht und Frei­heit“. Ein Jahr dar­auf, am 29. März 1983 folg­te auf Initia­ti­ve der hes­si­schen CDU die Ein­wei­hung ei­ner Mahn- und Ge­denk­stät­te im Bei­sein von Hei­ner Geiß­ler, dem Ge­ne­ral­se­kre­tär der Par­tei. Als Op­po­si­ti­on for­der­te die Uni­on ei­ne schär­fe­re Kri­tik am Ddr-grenz­re­gime sei­tens der Spd-lan­des­re­gie­rung, so dass die Er­mor­dung von Gro­ße ei­ne lan­des­po­li­ti­sche Kon­tro­ver­se in Hes­sen über den Um­gang mit den in­ner­deut­schen Gren­zop­fern und der ost­deut­schen Staats­macht aus­lös­te. Zugleich war der Fall in­mit­ten der Ent­span­nungs­po­li­tik auf der Bun­des­ebe­ne ein po­li­ti­sches Reiz­the­ma. Die bei­den Grenz­sol­da­ten – bei der Tat erst 22 und 24 Jah­re alt – wur­den in der DDR „für die vor­bild­li­che Pflicht­er­fül­lung“be­lo­bigt.

1996 ver­ur­teil­te das Land­ge­richt Mühl­hau­sen die Schüt­zen zu je­weils 15-mo­na­ti­gen Be­wäh­rungs­stra­fen. Der Vor­fall steht ex­em­pla­risch für meh­re­re Fa­cet­ten der deut­schen Tei­lungs­ge­schich­te: Ers­tens das von der Sed-spit­ze ver­an­lass­te, glei­cher­ma­ßen per­fek­tio­nier­te wie per­fi­de Ddr-grenz­re­gime, das ent­lang der in­ner­deut­schen Gren­ze mehr als 300 To­des­op­fer for­der­te; zwei­tens die Be­reit­schaft für ei­ne Flucht in den Wes­ten – aus un­ter­schied­li­chen Grün­den – ein töd­li­ches Ri­si­ko ein­zu­ge­hen; drit­tens das mo­ra­li­sche Di­lem­ma der Grenz­sol­da­ten, die sich ei­nem Zwie­spalt zwi­schen der mi­li­tä­ri­schen Pflicht zur Waf­fen­ge­walt und dem per­sön­li­chen Ge­wis­sen be­fan­den; vier­tens den un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen und recht­li­chen Um­gang mit den Gren­zop­fern und To­des­schüt­zen wie auch die ju­ris­ti­sche Au­f­ar­bei­tung nach 1990; und fünf­tens die weit­ge­hen­de Ohn­macht des Wes­tens.

Das Grenz­mu­se­um Schiff­lers­grund er­in­nert am his­to­ri­schen Ori­gi­nal­schau­platz an den töd­lich ge­schei­ter­ten Flucht­ver­such von Gro­ße – ein tra­gi­sches Schick­sal, das ei­ne zeit­lo­se Mah­nung ge­gen Ab­schot­tung, Dik­ta­tur und Un­frei­heit ist.

Wir wün­schen den Ju­bi­la­ren al­les er­denk­lich Gu­te, vor al­lem aber bes­te Ge­sund­heit!

Ei­nem Teil un­se­rer heu­ti­gen Aus­ga­be lie­gen Pro­spek­te der Fir­men „Fin­ke Ein­rich­tungs­haus Gm­bh“und „CJ Mö­bel Ja­e­ger Gm­bh & Co. KG“bei.

Der ori­gi­na­le Grenz­turm und auch ein gro­ßer Teil des Zau­nes am ehe­ma­li­gen To­des­strei­fen sind in As­bach-si­cken­berg zu se­hen. Das Grenz­mu­se­um Schiff­lers­grund hält die Er­in­ne­rungs an die deut­sche Tei­lung und an Heinz-jo­sef Gro­ße auf­recht. Fo­to: Eck­hard Jün­gel

Ein­zig­ar­ti­ges Zeug­nis. Die Ddr-gren­zer si­chern den Tat­ort und ber­gen den Leich­nam von Heinz-jo­sef Gro­ße, der bei dem Flucht­ver­such starb. Fo­to: Ar­chiv Grenz­mu­se­um

Chris­ti­an Stö­ber ist der wis­sen­schaft­li­che Lei­ter des Mu­se­ums

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