„Öko­no­misch ab­we­gig und un­so­zi­al da­zu“

Ver­di-chef Frank Bsirs­ke ruft die nächs­te Re­gie­rung zur Ab­kehr von der „schwar­zen Null“auf – und emp­fiehlt der SPD ein neu­es Pro­fil

Thüringer Allgemeine (Eisenach) - - Politik - Von Jo­chen Gau­ge­le, Phil­ipp Ne­u­mann und Mi­guel San­ches

Berlin. Frank Bsirs­ke nimmt sich viel Zeit, um die Kri­se der SPD und den müh­sa­men Weg in ei­ne neue gro­ße Ko­ali­ti­on zu be­wer­ten. Der Ver­di-chef macht der künf­ti­gen Re­gie­rung kla­re Vor­ga­ben – und for­dert ein En­de der strik­ten Haus­halts­dis­zi­plin.

Herr Bsirs­ke, freu­en Sie sich auf die neue Re­gie­rung?

Ja. Bei Ren­te, Pfle­ge, Kran­ken­ver­si­che­rung, Bil­dung, Woh­nungs­bau und Nah­ver­kehr kön­nen mit den Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen die Le­bens­be­din­gun­gen vie­ler Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ver­bes­sert wer­den. Und zwar deut­lich mehr, als das von ei­ner Re­gie­rung mit Fdp-be­tei­li­gung zu er­war­ten ge­we­sen wä­re. Da­für ha­ben wir mit den Ge­werk­schaf­ten ge­wor­ben. Aber na­tür­lich hat der Ko­ali­ti­ons­ver­trag auch Schwä­chen. wür­de es an­ge­sichts der güns­ti­gen Kon­junk­tur­la­ge und der Si­tua­ti­on am Ar­beits­markt be­grü­ßen, wenn der Min­dest­lohn 2019 die Zehn-eu­ro-mar­ke knackt.

Das wird Ar­beits­plät­ze kos­ten. Ei­ne An­he­bung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns auf zehn Eu­ro ist öko­no­misch sinn­voll und wird kei­ne Bran­che in Deutsch­land über­for­dern.

Die An­hän­ger der SPD sind von den Ver­ein­ba­run­gen mit der Uni­on we­ni­ger an­ge­tan als Sie. In den Um­fra­gen tau­meln die So­zi­al­de­mo­kra­ten Rich­tung 15 Pro­zent. Ma­chen Sie sich Sor­gen um die Exis­tenz der Par­tei?

Ich bin da­von über­zeugt, dass sich das wie­der än­dert, wenn es an die Um­set­zung der po­si­ti­ven Wei­chen­stel­lun­gen geht. Rich­tig ist aber auch: Die SPD braucht ein Pro­fil, mit dem sich wie­der mehr Men­schen iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Vor ei­nem Jahr schos­sen die So­zi­al­de­mo­kra­ten in den Um­fra­gen auf über 32 Pro­zent, weil sie mit Mar­tin Schulz an­fäng­lich ei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Hoff­nun­gen und den Wunsch nach mehr so­zia­ler Ge­rech­tig­keit und Zu­sam­men­halt bo­ten. Vie­le, die sich we­gen der Agen­da 2010 von der SPD ab­ge­wandt hat­ten, kehr­ten vor­über­ge­hend zu­rück. Das Po­ten­zi­al ist al­so da. Man muss sich kei­ne exis­ten­zi­el­len Sor­gen um die SPD ma­chen. Sie be­fin­det sich in ei­nem Re­ori­en­tie­rungs­pro­zess – wie die Uni­on im Üb­ri­gen auch.

In der CDU ist die Zeit nach An­ge­la Mer­kel noch nicht an­ge­bro­chen, da­für stellt sich die SPD neu auf. Ha­ben Sie ei­nen Rat für die de­si­gnier­te Par­tei­che­fin Andrea Nah­les?

Kla­res Pro­fil, Ver­läss­lich­keit in den Aus­sa­gen und die Um­set­zung ei­ner Po­li­tik, die das Le­ben der Men­schen ver­bes­sert. Das ist ei­ne so­li­de Grund­la­ge, um der SPD neue Sta­bi­li­tät zu ver­lei­hen. Andrea Nah­les hat als Ar­beits­mi­nis­te­rin ei­nen be­acht­li­chen Job ge­macht. Ich traue ihr zu, die SPD zu neu­em Er­folg zu füh­ren.

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