Men­schen­ket­te in der Karl­stra­ße

Ge­denk­stei­ne zur Er­in­ne­rung an die jü­di­schen Be­woh­ner Ei­se­nachs wer­den von Hand zu Hand ge­reicht. Mah­nen­de Wor­te an der Sy­nago­ge

Thüringer Allgemeine (Eisenach) - - Eisenacher Allgemeine - Von Bir­git Schell­bach

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Sonn­abend, . No­vem­ber 

Ei­se­nach. Ri­ga, Lodz, Ber­gen­bel­sen. Das sind drei Na­men von 17 Ver­nich­tungs­la­gern der Na­zis, in de­nen Ei­se­nach­er Ju­den er­mor­det wor­den sind. Zu fin­den wa­ren die­se Na­men am Frei­tag auf Ge­denk­wür­feln aus Pap­pe, die von Hand zu Hand ge­ge­ben wor­den sind. Da­zu hat­te sich ei­ne Men­schen­ket­te von der Wart­bur­gal­lee über den Frau­en­berg und Jo­han­nis­platz bis zur Karl­stra­ße, der frü­he­ren Ju­den­gas­se, ge­bil­det. Vor al­lem Schü­ler und Leh­rer be­tei­lig­ten sich, aber auch ei­ne Grup­pe von Flücht­lin­gen, die Deutsch­kur­se an der Volks­hoch­schu­le be­su­chen. Der ei­ne oder an­de­re Ei­se­nach­er reih­te sich eben­falls ein.

Hans Fe­renz, ein Künst­ler aus Ber­lin, hat­te die Idee zu der un­ge­wöhn­li­chen Ak­ti­on. Er be­rich­te­te von 730 Teil­neh­mern.

Die Ge­denk­wür­fel wa­ren zu­vor aus Well­pap­pe an­ge­fer­tigt, la­ckiert und be­schrif­tet wor­den. Auch da­bei wirk­ten Schü­ler mit, eben­so Ver­tre­ter von Ver­ei­nen und Mit­glie­der de­mo­kra­ti­scher Par­tei­en. Un­ter die Hel­fer hat­ten sich auch Leu­te ge­schmug­gelt, die an zwei der mes­sing­far­be­nen Wür­fel fa­schis­ti­sche Sym­bo­le hin­ter­las­sen ha­ben – noch recht­zei­tig be­merkt von Heinz Fe­renz und sei­nen Un­ter­stüt­zern. Au­ßer­dem ist aus ei­ner Woh­nung am Frau­en­berg ein Ei­mer Was­ser auf Teil­neh­mer der Men­schen­ket­te ge­kippt wor­den. Die Po­li­zei war so­fort vor Ort.

Die Ge­denk­stei­ne sind an ver­schie­de­nen Stel­len in der Karl­stra­ße plat­ziert wor­den. Ei­ni­ge Pas­san­ten nä­her­ten sich den „Tür­men“neu­gie­rig, nah­men Falt­blät­ter, um sich zu in­for­mie­ren. An­de­re igno­rier­ten den An­blick oder äu­ßer­ten sich strikt ab­leh­nend. „Ich weiß, dass ei­ni­ge den Ho­lo­caust leug­nen“, mein­te ei­ne Schü­le­rin der Goe­the­schu­le. Aber ih­re ge­sam­te Klas­se ha­be sich der Men­schen­ket­te an­ge­schlos­sen. Die Schü­ler hat­ten un­ter­richts­frei, die Teil­nah­me war frei­wil­lig. Das be­stä­tig­ten meh­re­re Ju­gend­li­che, be­fragt von un­se­rer Zei­tung. Ih­nen war auch das Da­tum be­wusst: Vor 80 Jah­ren sind jü­di­sche Ge­schäf­te und Sy­nago­gen in Deutsch­land zer­stört wor­den, auch in Ei­se­nach. „In un­se­rer Stadt hat es zu­erst ein Tex­til­ge­schäft am Ja­kobs­plan ge­trof­fen“, be­rich­te­te Thek­la Ber­ne­cker vom Bünd­nis ge­gen Rechts­ex­tre­mis­mus am Abend in der Bahn­hofs­hal­le. An der dor­ti­gen Ge­denk­ta­fel hat­ten sich noch ein­mal rund 200 Men­schen zum Sin­gen und Be­ten ver­sam­melt. Ei­ni­ge tru­gen wie­der Ge­denk­stei­ne. Ins­ge­samt sind es 240 – so vie­le Ei­se­nach­er Jü­din­nen und Ju­den sind zwi­schen 1933 und 1945 um­ge­kom­men. Die­se Zahl hat Hans Fe­renz re­cher­chiert. Sie star­ben in Gas­kam­mern, Ar­beits­la­gern oder nah­men sich vor der De­por­ta­ti­on das Le­ben. Wie ihr letz­ter Weg durch Ei­se­nach aus­ge­se­hen ha­ben könn­te, hat­ten den gan­zen Tag über Gym­na­si­as­ten ei­ner Thea­ter­grup­pe aus Schmal­kal­den ge­zeigt. In Klei­dung der da­ma­li­gen Zeit, die Ge­sich­ter grau ge­schminkt und mit ei­nem Kof­fer in die Hand, schrit­ten sie trau­rig und gleich­zei­tig wür­de­voll durch die Karl­stra­ße – um sie her­um frei­täg­li­cher Ein­kauf­stru­bel und bun­te Wer­bung.

Un­schuld ent­bin­det nicht von Er­in­ne­rung

Jü­di­sches Le­ben wie­der zu­rück in die Stadt tra­gen – das war ei­ne wei­te­re In­ten­ti­on von Hans Fe­renz, und so ist ein Teil der Ge­denk­stei­ne am Abend vom Bahn­hof, wo die Zü­ge in die Ver­nich­tungs­la­ger ab­ge­fah­ren sind, zu dem Platz ge­bracht wor­den, an dem einst die Sy­nago­ge ge­stan­den hat. „Nie­mand der heu­te Le­ben­den hat Schuld, aber nie­mand ist durch Un­schuld von der Er­in­ne­rung ent­bun­den“, sag­te Kul­tur­de­zer­nent In­go Wacht­meis­ter (SPD). Die gro­ße Zahl der Teil­neh­mer, Mit­wir­ken­den und Un­ter­stüt­zer der ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen am Frei­tag wür­de da­für spre­chen, dass sich ei­ne über­wie­gen­de Zahl der Ei­se­nach­er ih­rer Ver­ant­wor­tung be­wusst sei. Das schär­fe auch die Wahr­neh­mung für die ge­gen­wär­ti­ge Si­tua­ti­on.

Wen­zel von der Wal­dorf­schu­le ge­hört zu den  Teil­neh­mern, die am Frei­tag ei­ne Men­schen­ket­te von der Wart­bur­gal­lee über den Frau­en­berg bis in die Karl­stra­ße, die frü­he­re Ju­den­gas­se, ge­bil­det ha­ben. Die ge­bas­tel­ten Ge­denk­stei­ne aus Kar­ton ge­hen von Hand zu Hand. Sie sind mit den Na­men der To­des­la­ger der Na­zis be­schrif­tet. Fo­tos: Bir­git Schell­bach ()

Ei­ne Sze­ne wie zur De­por­ta­ti­on: Lau­ra, Nel­ly (hin­ten), Eli­as und Lo­renz von der Thea­ter­grup­pe Schmal­kal­den spie­len die­se in der Karl­stra­ße nach.

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