Auf­leh­nen weicht dem „Sich­drein­fin­den“

Nß 27 (T 3) Haus und Be­woh­ner sind Spie­gel deut­scher und Ei­se­nach­er Ge­schich­te. Die ers­ten Wo­chen nach dem Kriegs­en­de

Thüringer Allgemeine (Eisenach) - - Eisenacher Allgemeine - Von Jen­sen Zlo­to­wicz

Ei­se­nach. Das En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges und der Un­ter­gang des Drit­ten Rei­ches füh­ren Ur­su­la Tlusteck (1914 bis 2014) zu­rück nach Ei­se­nach in ihr El­tern­haus, zu ih­rer Mut­ter. Hier ist sie in Si­cher­heit, aber zur Ru­he kommt sie nicht.

Ih­re Zer­ris­sen­heit be­legt ein Buch mit Brie­fen an ei­nen ver­meint­lich in Kriegs­ge­fan­gen­schaft be­find­li­chen Of­fi­zier und ehe­ma­li­gen Ver­lags-kol­le­gen. Die Un­ge­wiss­heit über das Schick­sal Man­fred Schwans plagt die Au­to­rin. Mit den nie ab­ge­schick­ten Brie­fen im „Brief­buch“über­wand die da­mals An­fang 30-Jäh­ri­ge ih­ren Kum­mer. Sie wer­fen zu­gleich ein Licht auf Nach­kriegs­ge­scheh­nis­se in Ei­se­nach – aus der Sicht ei­ner Deut­schen, die von 1939 bis Ja­nu­ar 1945 im be­setz­ten Kra­kau in ei­nem Na­zi-ver­lag ge­ar­bei­tet hat­te und dort auf­ge­blüht war. Von Fe­bru­ar bis März 1945 ar­bei­te­te Tlus­tek so­gar noch eh­ren­amt­lich in der Nsdap-kreis­lei­tung in Ei­se­nach.

„Als ich von Kra­kau weg­ging, ha­be ich al­le Ih­re Brie­fe mit­ge­nom­men. Die hät­te ich nie den Rus­sen ge­las­sen!“, schreibt Ur­su­la Tlusteck im ers­ten Brief vom 4. Ju­ni 1946. „In Kra­kau und auch in den ers­ten Wo­chen im Reich glaub­te ich noch fest an un­se­ren Sieg. Als ich dann ganz ernst­haft und ob­jek­tiv an die Fra­ge un­se­res Sie­ges oder un­se­rer Nie­der­la­ge her­an­ging (…), da tauch­ten die ers­ten Zwei­fel auf, die sich lang­sam im­mer mehr ver­dich­te­ten und mich oft mut­los ge­macht ha­ben“, blickt die Ei­se­nache­rin zu­rück.

An­ord­nung zum Put­zen im „Rau­ten­kranz“

Ur­su­la Tlusteck träumt da­von, Man­fred Schwan un­er­war­tet auf der Stra­ße zu be­geg­nen. „Es kom­men in der letz­ten Zeit so vie­le Sol­da­ten durch Ei­se­nach. Es heißt ja, dass der Rus­se un­se­re Sol­da­ten in die Hei­mat zie­hen lässt. Ob er es aber auch mit Of­fi­zie­ren tut? (…)

Ur­su­la Tlusteck geht es „zeit­ge­mäß“, schreibt sie. „Er­spa­ren Sie mir ei­nen Be­richt über die ers­ten Wo­chen der Be­sat­zungs­zeit. Die Auf­leh­nung ge­gen das Schick­sal, das uns al­le ge­trof­fen hat, ist ei­nem Sich­drein­fin­den ge­wi­chen, als mir ernst­lich klar dar­über wur­de, dass al­ler Jam­mer, al­les sich Auf­bäu­men und mit dem Kopf durch die Wand wol­len kei­nen Zweck hat und nur un­nö­tig Kräf­te ver­braucht.“Mit die­sem Satz muss die Au­to­rin en­den, denn die Licht­lei­tung (im Haus) ist noch de­fekt.

Ur­su­la Tlusteck be­rich­tet im zwei­ten Brief da­von, dass sie vom Ar­beits­amt da­zu ver­pflich­tet wur­de, „im frü­her ers­ten Ho­tel am Plat­ze, im ,Rau­ten­kranz‘ beim Säu­bern mit zu hel­fen. Erst war es La­za­rett, dann be­wohn­ten es Kz’ler aus Bu­chen­wald mit be­son­ders schö­nen Krank­hei­ten, dann wa­ren Fran­zo­sen sei­ne In­sas­sen und jetzt ha­ben es die Ame­ri­ka­ner als Quar­tier ih­rer Leu­te er­wählt. Vor­läu­fig ha­ben wir noch ame­ri­ka­ni­sche Be­sat­zung, aber wer weiß denn, wie es mor­gen sein wird.“Der Be­fehl zum Ab­rü­cken kön­ne über Nacht kom­men.

Sie schreibt: „Die Schu­le vor un­se­rem Haus, die ja fast seit Kriegs­be­ginn schon La­za­rett ist, war von Rus­sen be­legt, die größ­ten­teils aus Bu­chen­wald ka­men und krank wa­ren. Es war kein schö­ner An­blick, je­den Tag die­se aus­ge­spro­che­nen Ver­bre­cher­ty­pen vor Au­gen zu ha­ben. Und die gan­ze Nacht hin­durch brann­te das Licht, so dass un­ser Schlaf­zim­mer fest tag­hell da­von war. Auch die Po­len, die in den hin­ter der Schu­le lie­gen­den Ka­ser­nen un­ter­ge­bracht wa­ren, sind in der ver­gan­ge­nen Wo­che ab­trans­por­tiert wor­den. Al­ler­dings nicht in ihr Hei­mat­land, son­dern nach Co­burg. Kaum ei­ner von ih­nen will nach Po­len zu­rück, weil dort die Bol­sche­wis­ten sind. Es ka­men oft Po­len in un­se­ren Gar­ten, die vor al­lem Blu­men ha­ben woll­ten. Sie brach­ten uns da­für Weiß­brot und Kek­se.“

Ro­te Ar­mee quar­tiert sich ein

Ur­su­la Tlusteck be­rich­tet von ab­len­ken­den Ki­no­be­su­chen, Fil­men und dass die Post im­mer noch nicht in Gang sei, ih­ren Eng­lisch­stun­den bei der „rei­zen­den al­ten Da­me Phil­ip­pi“und von der ver­kürz­ten Aus­gangs­zeit, die in Ei­se­nach im Ju­ni 1945 von 23 Uhr auf 21.30 Uhr vor­ver­legt wor­den sei.

Ab 8. Ju­li 1945 ge­hör­te Ei­se­nach zur rus­si­schen Be­sat­zungs­zo­ne. „Nicht viel spä­ter klin­gel­te es bei uns und der ers­te Rus­se be­trat un­ser Haus, um nach ei­nem Quar­tier für sei­ne Of­fi­zie­re zu su­chen. Ihn und die nächs­ten bei­den konn­ten wir noch über­zeu­gen, dass es bei uns bei un­se­ren bei­den Zim­mern un­mög­lich sei, Ein­quar­tie­rung auf­zu­neh­men. Aber die, die am nächs­ten Abend ka­men, mach­ten kur­zen Pro­zess. Da hieß es ein­fach un­se­re Woh­nung räu­men und im Wohn­zim­mer der Fa­mi­lie, die oben in un­se­rem Haus wohnt, zu schla­fen.“

Die Ver­stän­di­gung sei nicht schwer ge­we­sen, denn es gab ge­nü­gend Dol­met­scher und je­der Rus­se ha­be ei­ni­ge Bro­cken Deutsch ver­stan­den. „Hin­zu ka­men un­se­re pol­ni­schen Sprach­kennt­nis­se.“

Se­kre­tä­rin Ur­su­la Tlusteck an der Schreib­ma­schi­ne. Hier ver­mut­lich in der Re­dak­ti­on der Thü­rin­ger Volks­zei­tung in Ei­se­nach. Re­pros: Jen­sen Zlo­to­wic ()

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