„Die Zu­kunft liegt so schwarz vor mir ...“

Thüringer Allgemeine (Eisenach) - - Eisenacher Allgemeine -

Aus dem Brie­fe-buch von Ur­su­la Tlusteck

Au­gust 1945

Ur­su­la Tlusteck fin­det ei­ne An­stel­lung als Se­kre­tä­rin bei der Thü­rin­ger Volks­zei­tung, ein Kpd-or­gan. Ge­halt: 220 Reichs-mark. Die Ban­ken sind im­mer noch ge­schlos­sen. Ja­nu­ar 1946

Beim Kpd-ver­lag ist sie auf­ge­for­dert, sich po­li­tisch aus­zu­rich­ten. „Ich will es so lan­ge wie mög­lich hin­aus­zö­gern. Und falls es nicht mehr geht, even­tu­ell noch ei­nen Stel­lungs­wech­sel vor­neh­men. (…) Die Zu­kunft liegt so schwarz vor mir, ich kann noch kei­nen Licht­blick er­ken­nen.“

23. Fe­bru­ar 1946

Tlusteck wohnt der Re­de von Wil­helm Pieck im „Fürs­ten­hof“bei, wo er zur Ver­ei­ni­gung von KPD und SPD sprach. „Die Re­de war gut (…) hat­te Hand und Fuß und er ver­stand, die Men­schen mit­zu­neh­men. Schön wä­re es, wenn sei­ne Pla­nun­gen in Er­fül­lung ge­hen könn­ten. Aber – es kommt ja im Le­ben im­mer al­les an­ders als man denkt.“17. März 1946

„Die Sen­sa­ti­on in Stöpp­lers Brief (Ru­dolf Stöpp­ler, Haupt­schrift­lei­ter der Kra­kau­er Zei­tung/d. Red.) war be­stimmt die Mit­tei­lung, dass Süß­kind (Wil­helm Ema­nu­el Süß­kind, 1901-1970), Schrifts­el­ler und Jour­na­list) auf der Pres­se­bank in Nürnberg (Pro­zess ge­gen die Haupt­kriegs­ver­bre­cher) sitzt.“Süß­kind hat­te für das Feuille­ton der Kra­kau­er Zei­tung ge­ar­bei­tet. „Ord­nung scheint der Rus­se auf sei­ne Wei­se zu schaf­fen, in­dem er die Aus­län­der und Eva­ku­ier­ten da­zu zwingt, in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge die Stadt zu ver­las­sen. Da lie­gen die ar­men Men­schen nun wie­der auf der Land­stra­ße. Und be­son­ders die aus dem Wes­ten sind zu be­dau­ern, die der Rus­se nur bis zur Wer­ra ge­bracht hat. Dort wei­gert sich der Ame­ri­ka­ner, sie auf­zu­neh­men bzw. wei­ter­zu­be­för­dern“, schreibt Tlusteck im Ju­li 1945.

Sie kann sich den neu­en po­li­ti­schen Um­stän­den nicht gleich fü­gen und be­dau­ert, dass „al­les in den Schmutz ge­zo­gen wür­de, was in den ver­gan­ge­nen zwölf Jah­ren auf je­dem kul­tu­rel­len Ge­biet ge­schaf­fen wor­den ist“. „Und das mit so bil­li­gen Ar­gu­men­ten, dass es mir oft schwer wur­de, den Mund zu hal­ten. Doch das schlimms­te war wohl, dass es nun kein Deutsch­land­lied mehr ge­ben soll. So wer­den sie uns ein Stück nach dem an­de­ren un­se­res Deutsch­lands neh­men, nein, neh­men wol­len. Denn was wir zu­tiefst im Her­zen tra­gen, dass kann uns nie­mand neh­men!“, schreibt die Ei­se­nache­rin. In Pan­zer­ab­wehr-ka­ser­ne der Rus­sen hat­te sie „das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen“dort sau­ber­ma­chen zu müs­sen. Die zwei­ma­li­ge Es­sens­aus­ga­be ent­schä­dig­te für al­les.

Ur­su­la Tlustecks Mut­ter An­na, ei­ne Po­lin aus Dan­zig, die  in Ei­se­nach starb.

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