„Un­se­re Pro­duk­te sind nicht ge­sund“

Mar­kus Es­sing, Deutsch­land-Chef von Phi­lip Mor­ris, er­klärt, wie der Ta­bak­kon­zern rauch­frei wer­den will

Thüringer Allgemeine (Erfurt-Land) - - Wirtschaft - Von An­ja Steh­le

Ber­lin. Mar­kus Es­sing steht erst seit An­fang Ja­nu­ar an der Spit­ze von Phi­lip Mor­ris in Deutsch­land – und schon muss er die größ­te Um­wäl­zung in der Ge­schich­te des Un­ter­neh­mens ver­ant­wor­ten. Der US-Ta­bak­kon­zern will sich die Zi­ga­ret­ten ab­ge­wöh­nen, er setzt auf Pro­duk­te, die an­geb­lich we­ni­ger schäd­lich sind für die Ge­sund­heit: den Ta­bak­er­hit­zer Iqos, bei dem ein Ta­bak­stick in ei­nem elek­tri­schen Stab er­hitzt wird, an­statt dass er ver­brennt. Im Ge­spräch er­klärt er, wie sich der Kon­zern das Ver­trau­en der Kun­den er­kämp­fen will.

Herr Es­sing, wie er­klä­ren Sie Ih­ren Kin­dern das Rau­chen? Mar­kus Es­sing: Da bin ich glas­klar. Ich sa­ge: „Rau­chen ist schäd­lich, fangt nicht da­mit an.“Ich ha­be nie vor mei­nen Kin­dern ge­raucht, und ich nut­ze nicht ein­mal Iqos vor mei­nen drei Kin­dern. Hier möch­te ich Vor­bild sein.

Phi­lip Mor­ris (PM) pro­pa­giert auf sei­ner Home­page die „rauch­freie Zu­kunft“. Es ent­steht der Ein­druck, man hat es mit ei­nem Un­ter­neh­men aus der Ge­sund­heits­bran­che zu tun und nicht mit ei­nem Zi­ga­ret­ten­her­stel­ler.

Das Wort „ge­sund“passt in dem Zu­sam­men­hang nicht. Un­se­re Pro­duk­te sind nicht ge­sund. Aber: Je­der soll er­ken­nen, dass wir neue po­ten­zi­ell ri­si­ko­re­du­zier­te Ta­bak­pro­duk­te auf den Markt brin­gen, die nach un­se­ren der­zei­ti­gen Stu­di­en vor­aus­sicht­lich we­ni­ger schäd­lich für Rau­cher sind, die um­stei­gen. Wir stel­len un­se­re Pro­duk­ti­on und un­se­re Ver­mark­tung kom­plett um. Seit ver­gan­ge­nem Früh­ling schal­ten wir et­wa kei­ne Au­ßen­wer­bung mehr für her­kömm­li­che Zi­ga­ret­ten.

Wie glaub­wür­dig ist PM? Bis vor we­ni­gen Jah­ren ha­ben Sie ge­leug­net, dass Zi­ga­ret­ten Krebs ver­ur­sa­chen.

Da ma­che ich mir kei­ne Il­lu­sio­nen. Die Men­schen se­hen uns skep­tisch. Und das auch zu Recht. Wir kön­nen die Ver­gan­gen­heit lei­der nicht um­schrei­ben, ob­wohl wir heute man­ches an­ders ma­chen wür­den. Den­noch wol­len wir mit Fak­ten über­zeu­gen: Un­se­re wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en ha­ben bei­spiels­wei­se nach­ge­wie­sen, dass un­se­re Ta­bak­er­hit­zer zu 90 bis 95 Pro­zent ge­rin­ge­re Schad­stoff­men­gen er­zeu­gen als die Zi­ga­ret­te. Das hat kürz­lich auch das Bun­des­in­sti­tut für Ri­si­ko­be­wer­tung im Kern be­stä­tigt. Wir wün­schen uns, dass man ob­jek­tiv un­se­re Aus­sa­gen über­prüft – auch wenn man sagt, der Kon­zern ist mir un­sym­pa­thisch.

Es gibt bis­her we­ni­ge Stu­di­en zu Ge­sund­heits­ri­si­ken von Ta­bak­er­hit­zern. Schwei­zer Wis­sen­schaft­ler ha­ben zu­letzt ge­zeigt, dass sie fast so schäd­lich sind wie Zi­ga­ret­ten.

Wir be­grü­ßen un­ab­hän­gi­ge Stu­di­en zu Iqos. Je­doch weist die von Ih­nen an­ge­spro­che­ne Un­ter­su­chung er­heb­li­che me­tho­di­sche Män­gel auf, wie jüngst die US-ame­ri­ka­ni­sche Le­bens­und Arz­nei­mit­tel­be­hör­de FDA be­stä­tig­te. Die­se Un­ter­su­chung eig­net sich dem­nach nicht für ei­nen Ver­gleich der Schad­stoff­men­gen von Iqos mit Zi­ga­ret­ten.

Zi­ga­ret­ten­kon­sum wird welt­weit kri­tisch ge­se­hen. Geht es

PM wirk­lich um die Ge­sund­heit?

Wir ha­ben mit un­se­rer For­schungs­und Ent­wick­lungs­ar­beit schon vor über zehn Jah­ren be­gon­nen. Da­mals hat­ten wir ein trag­fä­hi­ges Ge­schäfts­mo­dell, wie heute auch. Wir hät­ten die­sen Schritt nicht ge­hen müs­sen. Uns geht es aber dar­um, Rau­chern ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur Zi­ga­ret­te an­zu­bie­ten, die we­ni­ger Schad­stof­fe er­zeugt. Weil wir das wol­len und weil wir das kön­nen.

Aus Ih­rem Ge­schäfts­be­richt von 2016 geht aber her­vor, dass der Um­satz von PM mit Zi­ga­ret­ten welt­weit rück­läu­fig ist. Selbst die WHO geht da­von aus, dass die welt­wei­te Zahl der Rau­cher auch in den kom­men­den Jah­ren sta­bil bleibt. Aber na­tür­lich geht es uns auch um ei­ne wirt­schaft­li­che Per­spek­ti­ve, die wir uns mit un­se­ren neu­en Pro­duk­ten schaf­fen. Ein ein­sei­ti­ger Ver­kaufs­stopp für die Zi­ga­ret­te wür­de den­noch kei­nen Sinn ma­chen. Das wür­de uns die wirt­schaft­li­che Grund­la­ge und da­mit die Mög­lich­keit zur Wei­ter­ent­wick­lung un­se­rer Pro­duk­te ent­zie­hen. Sie pro­fi­tie­ren auch von nied­ri­gen Steu­ern für Pfei­fen­ta­bak – in die­se Ka­te­go­rie fal­len Ta­bak­er­hit­zer.

Er­hitz­ter Ta­bak fällt in die Ka­te­go­rie der an­de­ren Ta­bak­pro­duk­te. Da­mit ist die Steu­er­be­las­tung nied­ri­ger. Dies hat der Ge­setz­ge­ber so fest­ge­legt, nicht wir. Im Üb­ri­gen hat­ten wir ho­he In­ves­ti­tio­nen für die Ent­wick­lung der Pro­duk­te, bis­lang rund drei Mil­li­ar­den Dol­lar al­lein in de­ren Er­for­schung. Mit der ak­tu­el­len Ei­n­ord­nung durch den Ge­setz­ge­ber sind wir je­doch auch nicht glück­lich. Wir wür­den uns die Ein­füh­rung ei­ner ei­ge­nen Ka­te­go­rie wün­schen, die un­ter­schei­det zwi­schen Pro­duk­ten, die ver­brannt wer­den, und sol­chen, die er­hitzt wer­den und we­ni­ger Schad­stof­fe pro­du­zie­ren. Das gilt im Üb­ri­gen nicht nur für die steu­er­li­che Be­hand­lung, son­dern auch für Fra­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der kor­rek­ten Warn­hin­wei­se.

Wann er­lischt die letz­te Zi­ga­ret­te?

Noch sind wir am An­fang. Die Trans­for­ma­ti­on dau­ert. Bis zum Jahr 2025 wol­len wir welt­weit 30 Pro­zent un­se­res Ab­sat­zes mit po­ten­zi­ell ri­si­ko­re­du­zier­ten Pro­duk­ten er­wirt­schaf­ten. Un­se­re bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se sind be­reits sehr viel­ver­spre­chend: En­de des drit­ten Quar­tals 2017 ha­ben wir be­reits meh­re­re Zehn­tau­send Nut­zer in Deutsch­land, und es kom­men im Mo­ment wö­chent­lich Tau­sen­de hin­zu. Welt­weit zäh­len wir schon rund vier Mil­lio­nen Iqos-Nut­zer.

Was be­deu­tet das für die Stand­or­te?

In Dres­den ha­ben wir ein Werk für Fein­schnitt. Dort geht die Ar­beit wei­ter. Zu­sätz­lich bau­en wir dort ein Werk zur Pro­duk­ti­on von Ta­bak­sticks. Hier schaf­fen wir min­des­tens 500 Ar­beits­plät­ze. Der Bau ist schon im Gan­ge. Die Fa­b­rik wird ei­ne Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät von min­des­tens 30 Mil­li­ar­den Ta­bak­sticks pro Jahr ha­ben. Die An­la­ge wird auch für den Ex­port pro­du­zie­ren. 2019 soll es los­ge­hen. In un­se­rem zwei­ten Werk in Ber­lin pro­du­zie­ren wir Zi­ga­ret­ten – auch für den Ex­port. Der Stand­ort wird eben­falls wei­ter be­ste­hen.

Mar­kus Es­sing, Deutsch­land-Chef von Phi­lip Mor­ris, steht in ei­nem Sto­re des Kon­zerns. Das Un­ter­neh­men ver­ab­schie­det sich von der Zi­ga­ret­te. Fo­to: Re­to Klar

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