Kom­pro­miss beim Fa­mi­li­en­nach­zug

Uni­on und SPD ei­ni­gen sich bei ei­nem um­strit­te­nen Punkt in der Asyl­po­li­tik. Doch nicht al­le se­hen dar­in ei­nen Er­folg

Thüringer Allgemeine (Erfurt-Land) - - Politik - Von Kers­tin Müns­ter­mann, Fran­cis Kah­we Mo­ham­ma­dy und Chris­ti­an Un­ger

Ber­lin. Es ist ei­ne ers­te Er­folgs­mel­dung: Die mög­li­chen Ko­ali­ti­ons­part­ner Uni­on und SPD er­ziel­ten am Di­ens­tag ei­ne Ei­ni­gung in der um­strit­te­nen Asyl­po­li­tik: Kon­kret ging es um den Fa­mi­li­en­nach­zug bei zeit­wei­se ge­schütz­ten Flücht­lin­gen, die aus Kriegs­ge­bie­ten wie Sy­ri­en nach Deutsch­land ge­flo­hen sind und zu­rück­keh­ren sol­len, so­bald Frie­den herrscht – die „sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten“. Für Uni­on und SPD ist das ein Kom­pro­miss, den bei­de Sei­ten als Er­folg ver­bu­chen.

Wor­auf ha­ben sich die Par­tei­en in den Son­die­run­gen ver­stän­digt? Be­reits Mit­te Ja­nu­ar war be­schlos­sen wor­den, dass der seit zwei Jah­ren aus­ge­setz­te Fa­mi­li­en­nach­zug für sub­si­di­är Ge­schütz­te ab Au­gust 2018 für 1000 Men­schen pro Mo­nat wie­der auf­ge­nom­men wer­den soll. Der jetzt er­ziel­te Kom­pro­miss er­gänzt die­se Ver­ein­ba­rung um Här­te­fäl­le. Im Än­de­rungs­an­trag, der die­ser Re­dak­ti­on vor­liegt, heißt es, die Här­te­fall­re­ge­lung nach Pa­ra­graf 22 des Auf­ent­halts­ge­set­zes, die ei­ne Auf­nah­me aus „völ­ker­recht­li­chen oder drin­gen­den hu­ma­ni­tä­ren Grün­den“zu­lässt, blei­be „un­be­rührt“. Die­se Här­te­fäl­le sol­len zu­sätz­lich zum Kon­tin­gent kom­men dür­fen. Die Re­ge­lung gilt be­reits wäh­rend der Aus­set­zung des Fa­mi­li­en­nach­zugs, kam aber 2017 nur in ein paar Dut­zend Fäl­len zur An­wen­dung. So ist nun viel Spiel­raum für In­ter­pre­ta­tio­nen. SPD-Chef Mar­tin Schulz nann­te es zu­frie­den die „Re­ge­lung 1000 plus“– al­so 1000 Kon­tin­gent­flücht­lin­ge plus die Här­te­fäl­le. „Wir schaf­fen den Wie­der­ein­stieg in den Fa­mi­li­en­nach­zug für Bür­ger­kriegs­flücht­lin­ge mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus“, schrieb er.

Die CSU wi­der­sprach: „Mit der Neu­re­ge­lung wird der An­spruch auf Fa­mi­li­en­nach­zug für sub­si­di­är Ge­schütz­te end­gül­tig ab­ge­schafft“, sag­te CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt. Neue Här­te­fall­re­ge­lun­gen gä­be es nicht. Bei der CDU heißt es, der Fa­mi­li­en­nach­zug wer­de nach dem 1. Au­gust „nur im Rah­men un­se­rer Auf­nah­me­mög­lich­kei­ten er­fol­gen“. War­um wa­ren die Ver­hand­lun­gen über die­sen Punkt so schwie­rig?

Das hat ei­ne Men­ge mit der baye­ri­schen Land­tags­wahl im Herbst zu tun. Die Kon­flikt­li­ni­en ver­lau­fen be­son­ders zwi­schen CSU und SPD. Für die CSU ge­hört die Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung zum Mar­ken­kern. Das führ­te zu laut­star­ken Aus­ein­an­der­set­zun­gen. SPD-In­nen­po­li­ti­ker Ralf Steg­ner sag­te die­ser Re­dak­ti­on: „Es gibt an die­ser Ei­ni­gung nichts zu feiern.“Der Fort­schritt bei der Asyl­po­li­tik sei klein, die SPD ha­be sich mehr ge­wünscht. „Aber die CSU be­kämpft fa­na­tisch, dass Kin­der aus Kriegs­ge­bie­ten bei ih­ren El­tern le­ben dür­fen.“Die Aus­set­zung läuft am 18. März aus, ei­ne neue Re­ge­lung soll be­reits am Don­ners­tag in den Bun­des­tag ein­ge­bracht wer­den.

Wer hat in Deutsch­land Recht auf Fa­mi­li­en­nach­zug?

In Deutsch­land ge­währt das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) ver­schie­de­ne For­men des Schut­zes: Wer durch den Staat in sei­nem Hei­mat­land po­li­tisch ver­folgt wird, er­hält nach dem Grund­ge­setz drei Jah­re Schutz. Das trifft in 2017 laut BAMF nur auf gut 4000 Schutz­su­chen­de zu. Die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on fasst das Asyl wei­ter. Schutz er­hält dem­nach auch, wer auf­grund sei­ner „Ras­se“, Re­li­gi­on oder Na­tio­na­li­tät durch nicht­staat­li­che Grup­pen ver­folgt wird – et­wa Ter­ror­grup­pen oder Clans. Wer in die­se Grup­pen fällt, darf schon jetzt et­wa Ehe­part­ner oder min­der­jäh­ri­ge Kin­der nach­ho­len.

In knapp 100 000 Fäl­len ver­gab das BAMF 2017 den „sub­si­diä­ren Schutz“. Die al­te gro­ße Ko­ali­ti­on hat­te auf­grund der ho­hen Zahl Schutz­su­chen­der im Früh­jahr 2016 Flücht­lin­gen die Chan­ce für zwei Jah­re ver­wehrt, die Fa­mi­lie nach­zu­ho­len. Zwi­schen Ja­nu­ar 2014 und En­de Sep­tem­ber 2017 stell­ten Bot­schaf­ten 126 891 Vi­sa zur Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung mit in Deutsch­land le­ben­den Flücht­lin­gen aus, die meis­ten an Sy­rer.

Wie re­agie­ren Flücht­lings­hel­fer und die Kom­mu­nen auf die Ei­ni­gung? Die Or­ga­ni­sa­ti­on „Pro Asyl“spricht von ei­ner „bit­te­ren Ent­täu­schung“. Der Deut­sche Städ­te­und Ge­mein­de­bund be­grüß­te al­ler­dings die Be­gren­zung des Zu­zugs. „Der sich ab­zeich­nen­de Kom­pro­miss von 1000 Nach­zü­gen pro Mo­nat er­scheint aus un­se­rer Sicht ver­tret­bar“, sag­te Haupt­ge­schäfts­füh­rer Gerd Lands­berg. Bei den Kri­te­ri­en für den Nach­zug soll­ten die Fa­mi­li­en der­je­ni­gen Per­so­nen be­rück­sich­tigt wer­den, die über ei­ne Woh­nung ver­fü­gen und für den Le­bens­un­ter­halt sel­ber sor­gen kön­nen.

Ge­flüch­te­te aus Kriegs­re­gio­nen de­mons­trie­ren in Ber­lin da­für, Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge nach Deutsch­land ho­len zu dür­fen. Fo­to: im­a­go

Nennt die Ei­ni­gung ei­nen Er­folg: SPD-Chef Schulz. Fo­to: dpa

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