Je­de Kö­ni­gin klingt an­ders

Der TA-Kul­tur-Talk ver­gleicht Or­geln mit dem mensch­li­chen Kör­per und spürt ih­rer Viel­falt in Kir­chen und Kon­zert­sä­len nach

Thüringer Allgemeine (Erfurt-Land) - - Kultur & Freizeit - Von Han­no Mül­ler

Erfurt. An­fang De­zem­ber hat die Unesco die „Kö­ni­gin der In­stru­men­te“, die Or­gel, zum Im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be der Mensch­heit er­klärt. Ge­nau­er ge­nom­men Or­gel­bau und Or­gel­mu­sik. Bei­de sei­en tief ver­wur­zelt in der deut­schen Kul­tur. Grund ge­nug für die drit­te Aus­ga­be des Kul­tur-Talks „Welt Kul­tur Thü­rin­gen“von TA und Sal­ve TV, sich den Or­geln, ih­rem Klang und ih­rer Er­hal­tung in ei­nem Ex­per­ten­ge­spräch zu wid­men. Als Ge­sprächs­part­ner ge­la­den sind mit der Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin Eva-Ma­ria von Adam-Schmid­mei­er und Chris­toph Zim­mer­mann, Or­gel­re­fe­rent bei der Evan­ge­li­schen Kir­che in Mit­tel­deutsch­land (EKM), zwei Ex­per­ten, die das kö­nig­li­che In­stru­ment auch selbst zu spie­len wis­sen. Mo­de­riert wird die Sen­dung von Tia­go de Oli­vie­ra Pin­to von der Mu­sik­hoch­schu­le Wei­mar und TA­Kul­tur­re­dak­teur Micha­el Hel­bing.

An­ge­regt vom eng­li­schen Be­griff or­gan so­wohl für das Or­gan als auch für die Or­gel, ver­weist Eva-Ma­ria von Adam-Schmid­mei­er auf den Kom­po­nis­ten Micha­el Prae­to­ri­us, der Or­geln mit dem mensch­li­chen Kör­per ver­gli­chen ha­be. Das Pfei­fen­werk ste­he für die Keh­le, das Wind­werk für den Lun­ge­nap­pa­rat, die Klän­ge ent­sprä­chen der mensch­li­chen Stim­me, die so­wohl sin­gen als auch er­zäh­len kann. „Das macht die Or­gel zu ei­nem Ge­samt­or­ga­nis­mus, der die di­ver­ses­ten Klän­ge her­vor­brin­gen kann“, sagt die Mu­si­ke­rin.

Chris­toph Zim­mer­mann kam vom Kla­vier­spiel zur Or­gel. Es sei für ihn im­mer wie­der ei­ne Fas­zi­na­ti­on, sich als klei­ner Mensch am Spiel­tisch des­sen be­wusst zu sein, mit den Klän­gen Men­schen auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se be­rüh­ren zu kön­nen.

Mo­de­ra­tor Tia­go de Oli­vie­ra Pin­to be­rich­tet, mit wel­chen Ar­gu­men­ten die Unesco zur Ti­tel­ver­ga­be über­zeugt wer­den konn­te. Im Or­gel­bau ste­cke viel Wis­sen. Or­gel­ma­nu­fak­tu­ren sei­en oft Fa­mi­li­en­be­trie­be, in de­nen Er­fah­run­gen und Fer­tig­kei­ten über Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Um eben die­se le­ben­di­ge Tra­di­ti­on ge­he es beim im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be.

Aus­druck da­für ist nicht zu­letzt die Er­wei­te­rung des Or­gel­spiels über die Kir­chen­räu­me hin­aus. Zwar sei der Stu­di­en­gang noch im­mer viel­fach an die Kir­chen­mu­sik ge­bun­den, sie ken­ne kaum Hoch­schu­len, die Or­gel nur als Kon­zert­fach an­bö­ten, sagt EvaMa­ria von Adam-Schmid­mei­er. In­zwi­schen le­ge die Or­gel ih­re Non­nen­tracht aber häu­fi­ger ab und er­obe­re sich auch welt­li­che Räu­me. Ge­nannt wer­den die Pa­ri­ser Phil­har­mo­nie, die Elb­phil­har­mo­nie, der Dresd­ner Kul­tur­pa­last oder Kon­zert­sä­le in Ge­ra und Je­na. Mög­li­cher­wei­se ge­lin­ge es, dass Or­ga­nis­ten nicht zwangs­läu­fig auch Kir­chen­mu­si­ker sein müs­sen, so die Mu­si­ke­rin.

Zum Kul­tur­er­be er­klärt wur­den Or­gel­bau und Or­gel­mu­sik. Kei­ne Or­gel sei wie die an­de­re, je­de in­di­vi­du­ell in ih­rer Zeit auf ih­ren Raum so­wie auf die Be­dürf­nis­se der Ge­mein­de zu­ge­schnit­ten. Das ma­che es selbst bei Sil­ber­mann- oder La­de­gast-Or­geln schwie­rig, ei­nen ty­pi­schen Klang zu de­fi­nie­ren. Raum und In­stru­ment ge­hör­ten zu­sam­men, ei­ne Or­gel um­zu­set­zen, sei kaum mög­lich, sagt Chris­toph Zim­mer­mann. Zu­dem ent­sprä­chen Or­geln im­mer dem Ent­wick­lungs­stand ih­rer Zeit, selbst Re­gis­ter mit glei­cher Be­zeich­nung klän­gen an­ders. His­to­risch ge­se­hen, kön­ne Thü­rin­gen durch die frü­he­re Kle­in­staa­te­rei und das Re­prä­sen­ta­ti­ons­be­dürf­nis von Fürs­ten und rei­chen Bür­gern heute ei­ne gro­ße Or­gel­viel­falt vor­wei­sen. Glück­li­cher­wei­se hät­ten vie­le In­stru­men­te die kri­ti­sche DDR-Zeit über­stan­den.

Teil des Wel­ter­be­ti­tels ist die Ver­pflich­tung zum Er­halt. Bei der Re­stau­rie­rung von Or­geln ge­he es nicht nur um den Denk­mal­wert, son­dern um Spiel­bar­keit und Le­ben­dig­keit. Ein Drit­tel der Or­geln in Mit­tel­deutsch­land ist von Schim­mel be­droht. Meist han­de­le es sich um Asper­gil­lus glau­cus.

„Das ist nicht hoch­gra­dig ge­sund­heits­schä­di­gend und nicht holz­zer­stö­rend, den­noch muss et­was ge­tan wer­den“, sagt Chris­toph Zim­mer­mann. Kon­kre­te Mög­lich­kei­ten sind Ge­gen­stand ei­nes For­schungs­pro­jek­tes der EKM.

Kul­tur-Talk zum The­ma „Or­geln als Welt­kul­tur­er­be“: Die Teil­neh­mer des Ge­sprä­ches Eva-Ma­ria von Adam-Schmid­mei­er, Tia­go de Oli­vie­ra Pin­to und Micha­el Hel­bing (Mo­de­ra­to­ren) so­wie Chris­toph Zim­mer­mann (von rechts) im Trep­pen­haus von Sal­ve TV. Fo­to: Sa­scha Fromm

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.