Was wirk­lich ge­schah

Thüringer Allgemeine (Erfurt) - - Thüringen - Von Jo­han­nes Ma­ria Fi­scher

Was bis­her ge­schah...

Der Hei­mat­for­scher Hans Grü­ger ist spur­los ver­schwun­den. Kurz vor sei­nem Ver­schwin­den schrieb er ei­nen hei­mat­ge­schicht­li­chen Ar­ti­kel über ei­nem wei­ßen Stein im Sumpf. Sein Freund Kor­la Ka­l­au­ke ahnt, dass der Ar­ti­kel et­was mit dem Ver­schwin­den sei­nes Freun­des zu tun hat. Er öff­net das Gr­ab – und fin­det dort sei­nen Freund.

Die Po­li­zei ver­mu­tet, dass Hans Grü­ger er­schla­gen wur­de. Wer hat ihm das an­ge­tan? Es gibt vier Ver­däch­ti­ge...

Der To­te selbst: Hans Grü­gers Frau Chris­ta Grü­ger starb 2017 an ei­ner exo­ti­schen Vi­rus­er­kran­kung. Zu­vor war das Paar nach Afri­ka ge­reist. Chris­ta woll­te das ei­gent­lich nicht, ließ sich von ih­rem Mann da­zu über­re­den. Ob Grü­ger den Tod sei­ner Frau nicht ver­schmerzt hat­te? Trieb ihn die Ver­zweif­lung? Oder Schuld­ge­füh­le?

Ed­da Kö­nig: Sie ist Chris­tas Schwes­ter und hat ei­nen Grund, den Ver­schwun­de­nen zu has­sen: Sie gibt Grü­ger die Schuld da­für, dass ih­re Schwes­ter nicht mehr lebt. Mo­tiv: Mög­li­ches Mo­tiv: Ver­zweif­lung und Hass? Ei­ne Be­zie­hungs­tat?

Ru­dolf Hil­ler­mann: Sohn von Fried­rich und Bru­der von Wil­li­bald Hil­ler­mann. Ru­dolf führt ein ver­korks­tes Le­ben und schei­ter­te schon Win­ter 1944/45. ried­rich Hil­ler­mann sah es kom­men, dass der Krieg ver­lo­ren ging. Es mach­te ihm auch kei­nen be­son­de­ren Spaß mehr. Am An­fang, ja, da hat­te er le­dig­lich Ver­ach­tung üb­rig für die KZ-Ge­fan­ge­nen, die­se Krea­tu­ren. Er fürch­te­te sie so­gar. So ein Ge­fühl, das man be­kommt, wenn ei­ner feucht hus­tet. Oder bei Hun­den, die sab­bern.

Mit der Zeit än­der­te sich das. Die Miss­ach­tung, die er den Kör­pern bei­maß, nahm zwar nicht ab. Aber da­ne­ben mach­te sich ein an­de­res Ge­fühl breit, das im­mer stär­ker wur­de. Ekel. Manch­mal er­wisch­te sich der Her­ren­mensch Fried­rich Hil­ler­mann so­gar dabei, dass er Ekel ge­gen­über dem La­ger­kom­man­dan­ten, sei­nen Ka­me­ra­den, die Ar­beit und dem Le­ben ins­ge­samt ver­spür­te.

Die­sen Ekel galt es, weg­zu­wi­schen, denn an sei­nem „Ar­beits­platz“schrieb er mit sei­nen Ka­me­ra­den Welt­ge­schich­te. Erst in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te er in der Gau­zei­tung „Der An­griff“ge­le­sen: „Die Zwei­te Deut­sche Ge­heim­waf­fe ist der An­ti­se­mi­tis­mus, weil er ei­ne Welt­fra­ge wer­den wird.“Ei­ne Welt­fra­ge! Sol­che Sät­ze wa­ren wie Me­di­zin, die den Ekel nicht ganz be­täub­ten, ihn aber sehr wohl mil­dern konn­ten. Und über­haupt, was soll­te er auch ma­chen? Sich ge­gen das Welt­schick­sal auf­leh­nen?

Fried­rich stand nicht selbst am Ofen und es kam sel­ten vor, dass er Hand an­le­gen muss­te, et­wa wenn es dar­um ging, die Lei­chen weg­zu­schaf­fen oder die Gold­zäh­ne zu zie­hen. Er führ­te nur Buch. Und er wuss­te, wo der Kom­man­dant das Gold la­ger­te, das den Ju­den aus dem Mund ge­bro­chen und von den Fin­gern ge­ris­sen wur­de. Es war ei­ne Schwei­ne­ar­beit, Welt­fra­gen zu lö­sen. Da war es nur recht und bil­lig, ein, zwei Mal in den Tre­sor zu grei­fen…

Als das En­de des tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches nicht mehr zu leug­nen war, wuss­te Hil­ler­mann, wel­che Sei­ten er aus den Per­so­nal­ak­ten lö­schen muss­te. Die letz­ten Ta­ge blieb er von der Ar­beit fern und ver­steck­te sich im Wald, wo er so lan­ge war­te­te, bis die neu­en Macht­ha­ber ka­men. Erst die Ame­ri­ka­ner, dann die Rus­sen. Die hol­ten ihn ab und steck­ten ihn in ein Umer­zie­hungs­la­ger.

In die­ser Zwi­schen­zeit mach­te auch die Ge­schich­te über das He­xen-Mäd­chen die Run­de, das an­geb­lich von ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten ver­ge­wal­tigt wor­den war. Bau­ern aus Gehl­berg hat­ten das Kind schrei­en hö­ren und wa­ren zur Hil­fe ge­eilt. Aber sie ka­men zu spät. Der reg­lo­se Kör­per lag in ei­ner Lich­tung, von den Ver­ge­wal­ti­gern kei­ne Spur. Mü­cken­schwär­me leg­ten sich auf den Kör­per nie­der. Dann kam ei­ne Grup­pe von Sol­da­ten her­bei­ge­eilt und scheuch­te die Bau­ern weg.

Die Gehl­ber­ger nah­men sich vor, das Kind am nächs­ten Tag, wenn die Sol­da­ten nicht mehr da wa­ren, in al­len Eh­ren zum Fried­hof zu brin­gen und dort zu be­er­di­gen.

Aber das Mäd­chen war am nächs­ten Mor­gen nicht mehr da.

Au­ßer den Bau­ern hat­te auch Fried­rich et­was be­ob­ach­tet. Er streif­te durch den Wald und leg­te Fal­len aus, als er die Schreie hör­te. Sei­ne Er­fah­rung sag­te ihm: Igno­rie­ren. Nicht rüh­ren. Nichts se­hen. Was ging es ihn an?

Was er nicht über­se­hen konn­te, wa­ren die ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten, die nur we­ni­ge Me­ter von sei­nem Ver­steck den le­b­lo­sen Mäd­chen­kör­per aus dem Wald tru­gen.

Die Ge­schich­te von dem ver­meint­lich to­ten Mäd­chen mach­te im ge­sam­ten Thü­rin­ger Wald bis nach Er­furt die Run­de, und noch be­vor der nächs­te Mor­gen grau­te, hat­te Hil­ler­mann an der Stel­le, wo es pas­siert sein muss­te, ein et­wa 40 Zen­ti­me­ter tie­fes Loch ge­gra­ben, in das er sei­ne Kriegs­beu­te aus dem La­ger ver­grub. Da­mit er sich die Stel­le merk­te, mar­kier­te er sie mit ei­nem auf­fäl­li­gen wei­ßen Stein, den er in ei­nem Schup­pen der Gast­stät­te an der Schmü­cke ge­fun­den hat­te. An­schlie­ßend brach­te er das Ge­rücht in Um­lauf, das Mäd­chen sei an Ort und Stel­le be­er­digt wor­den. Zur Si­cher­heit do­ku­men­tier­te er das ver­meint­li­che Be­gräb­nis im Wald in ei­ner hand­schrift­li­chen Chro­nik, un­ter­zeich­ne­te es mit sei­nem Na­men und dem Ti­tel „Hei­mat­for­scher“und hin­ter­leg­te das Do­ku­ment auf dem Bür­ger­meis­ter­amt. Es soll­te das ein­zi­ge „his­to­ri­sche“Do­ku­ment blei­ben, das er je in sei­nem Le­ben ver­fas­sen wür­de.

Als er zu Be­ginn der 50er-Jah­re aus dem Umer­zie­hungs­la­ger ent­las­sen wur­de und nach Er­furt zu­rück­kehr­te, war aus dem über­zeug­ten Na­tio­nal­so­zia­lis­ten noch im­mer kein mar­xis­ti­scher Re­vo­lu­tio­när ge­wor­den, wohl aber hat­te Fried­rich in­ner­lich mit al­lem ab­ge­schlos­sen, was vor 1945 in sei­nem Le­ben pas­siert war und woll­te auch von dem Gold aus dem KZ nichts mehr wis­sen. Er fand ei­ne jun­ge, vomK­rieg trau­ma­ti­sier­te Frau, hei­ra­te­te sie, zeug­te mir ihr zwei Söh­ne und starb 1958. Be­rühmt­heit soll­te er erst post­hum er­lan­gen, als sich ei­ner sei­ner Söh­ne öf­fent­lich von ihm dis­tan­zier­te: Die be­rühm­te Po­le­mik „Ich sa­ge mich von mei­nem Va­ter los“war für den jun­gen Wil­li­bald Hil­ler­mann der Tür­öff­ner in die Ge­sell­schaft staats­na­her Künst­ler und par­tei­loya­ler Geis­tes­wis­sen­schaft­ler.

Über den wei­ßen Stein wuchs Efeu. Le­ben­dig blieb die Le­gen­de, dass hier ein un­be­kann­tes Flücht­lings­mäd­chen ruh­te.

Über 50 Jah­re nach Fried­rich Hil­ler­manns Tod grub der Lüb­be­n­au­er Hei­mat­for­scher Hans Grü­ger die Ge­schich­te wie­der aus und ver­öf­fent­lich­te En­de 2017 ei­nen Ar­ti­kel in der Thü­rin­ger All­ge­mei­nen. Da­rin be­schrieb er den Fall und kam zu dem Schluss, dass der Ver­bleib des Mäd­chens wohl ein Rät­sel blei­ben müs­se. Ent­we­der stimm­te die Schil­de­rung Fried­rich Hil­ler­manns, dem­zu­fol­ge das Mäd­chen im Schnee­kopf­moor be­gra­ben wur­de. Oder der Be­richt ei­nes Leh­rers na­mens Mey­er war wahr. Da­rin hieß es, das schwer ver­letz­te Mäd­chen sei von ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten ge­bor­gen und in ei­ne Er­fur­ter Kli­nik ge­bracht wor­den, wo es ver­stor­ben sei.

Für Grü­ger war Fried­rich Hil­ler­mann kei­ne gu­te Qu­el­le. Aber er war nicht zu­frie­den mit sei­nen Re­cher­chen und woll­te mehr wis­sen. Al­so be­such­te er Fried­richs Kin­der, ob­wohl er mit ei­nem der bei­den Söh­ne, Wil­li­bald, vor ei­ni­gen Jah­ren in ei­nen fürch­ter­li­chen Streit über den Wahr­heits­ge­halt der Schrift „Ich sa­ge mich von mei­nem Va­ter los“ge­ra­ten war. Seit­dem hat­ten Grü­ger und Wil­li­bald nicht mehr mit­ein­an­der ge­spro­chen.

Wil­li­bald und sein Bru­der Ru­dolf wun­der­ten sich sehr über den Be­such des Erz­fein­des, wa­ren aber zu neu­gie­rig, um ihn wie­der weg­zu­schi­cken. „Es ist ein Ge­bot der Fair­ness, euch von mei­nem Vor­ha­ben zu in­for­mie­ren“, er­klär­te Hans Grü­ger. „Ich möch­te mehr Licht in die­se dunk­le Ge­schich­te brin­gen. Ich will wis­sen, ob das Mäd­chen in dem Gr­ab liegt oder nicht.“

Hans Grü­ger war ein Spin­ner, da­rin wa­ren sich die Brü­der Wil­li­bald und Ru­dolf Hil­ler­mann ei­nig. Was soll­te dabei raus­kom­men? Ent­we­der wür­de er ein Ske­lett fin­den oder keins. Doch im Ge­gen­satz zu sei­nem Bru­der Wil­li­bald emp­fand Ru­dolf ei­nen an­ge­neh­men Gru­sel bei dem Ge­dan­ken, ein to­tes Mäd­chen aus­zu­gra­ben.

Hans war nicht län­ger als zehn Mi­nu­ten bei Hil­ler­manns ge­blie­ben, sie hat­ten ihm nicht ein­mal ein Glas Was­ser an­ge­bo­ten. Als der Hei­mat­for­scher wie­der im Frei­en stand, at­me­te er tief durch und ru­der­te hef­tig mit den Ar­men, als kön­ne er auf die­se Wei­se die ver­gan­ge­nen Mi­nu­ten ab­schüt­teln. Plötz­lich stand Ru­dolf ne­ben ihm und grins­te. „Ich kom­me mit und hel­fe.“

Ob­wohl Hans ab­ge­lehnt hat­te, traf er Ru­dolf am nächs­ten Mor­gen am Gr­ab. Er hat­te be­reits ein Loch ge­bud­delt und hielt ei­nen Le­der­beu­tel in der Hand. Um sei­nen Hals hing ei­ne Ket­te mit ei­nem Da­vid­stern als An­hän­ger. Sei­ne Au­gen fun­kel­ten wirr. „Das hab’ ich da drin ge­fun­den! Es ge­hört jetzt mir!“zisch­te er. Hans nä­her­te sich Ru­dolf und griff in den Beu­tel. In sei­ner Hand hielt er das Gold des KZ-Buch­hal­ters Fried­rich Hil­ler­mann.

Hans brauch­te nur Bruch­tei­le ei­ner Se­kun­de, um zu er­ken­nen, was er in den Hän­den hielt. „Das kannst du nicht be­hal­ten, Ru­dolf“, sag­te er lei­se. „Hier liegt ei­ne Ge­schich­te ver­gra­ben, die schlim­mer ist, als du es dir in dei­nen schlimms­ten Träu­men vor­stel­len kannst. Ich weiß nicht, wem die­ses Gold ge­hört, aber ganz be­stimmt nicht dir.“

Kind­li­cher Zorn stieg in Ru­dolf hoch. Soll­te er nicht ein ein­zi­ges Mal im Le­ben Glück ha­ben? Ja, doch! Sein Le­ben soll­te sich än­dern und nur noch die­ser ei­ne Mensch, die­ser Fa­mi­li­en­feind, stand zwi­schen ihm und sei­nem neu­en Le­ben.

Als Hans sich bück­te, um nach­zu­schau­en, ob das Gr­ab noch mehr ent­hielt, schlug Ru­dolf Hil­ler­mann von hin­ten kräf­tig zu. Hans brach laut­los zu­sam­men.

Dann schau­fel­te der Mör­der ein gro­ßes Loch in die Er­de. Das Gr­ab am wei­ßen Stein.

En­de.

Ru­dolfs Bru­der. Das Op­fer Hans Grü­ger deck­te auf, dass Wil­li­bald in sei­nem Buch über die Na­zi-Ver­gan­gen­heit des Va­ters mit ge­fälsch­ten Be­wei­sen ope­rier­te. Es kam zu ei­nem hef­ti­gen Streit. Mög­li­ches Mord­mo­tiv: Ver­letz­te Ei­tel­keit?

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