Die letz­te Chan­ce

Nach dem 68:98 ge­gen Al­ba Ber­lin ist für die Bas­ket­bal­ler der Ro­ckets ge­gen Bre­mer­ha­ven ein Sieg Pflicht

Thüringer Allgemeine (Erfurt) - - Sport - Von Man­fred Hö­ner

Es ist noch gar nicht so lan­ge her, da ver­dien­te der deut­sche „Cla­si­co“die­se Be­zeich­nung noch. Da war Bo­rus­sia Dort­mund als ver­meint­li­che Num­mer zwei im hie­si­gen Fuß­ball-Land tat­säch­lich ein Geg­ner auf Au­gen­hö­he für den FC Bay­ern. Heu­te ge­hört der BVB nur zu ei­ner Rei­he von Mann­schaf­ten, die sich Hoff­nun­gen auf die Vi­ze­meis­ter­schaft ma­chen kann.

Der Ti­tel­kampf ist längst ent­schie­den. Al­len­falls der Zeit­punkt, wann das baye­ri­sche Weiß­bier flie­ßen darf, er­zeugt so et­was wie Pseu­do-Er­re­gung. Mitt­ler­wei­le hat sich der Bran­chen­füh­rer sport­lich und wirt­schaft­lich der­art weit vom Rest des Fel­des ent­fernt, dass es ei­ner Sen­sa­ti­on gleich­kä­me, soll­te die Lan­ge­wei­le an der Bun­des­li­gaSpit­ze nicht auf Jah­re an­hal­ten.

Wäh­rend man in Mün­chen oh­ne­hin glo­bal denkt und mit Jupp Heynckes das Ti­tel-Triple von 2013 gern wie­der­ho­len will, be­fin­den sich die Dort­mun­der auf ei­ner Art Selbst­fin­dungs­T­rip. Zwar stim­men die Li­ga-Er­geb­nis­se un­ter Pe­ter Stö­ger; doch die schwarz-gel­be DNA mit dem un­ver­kenn­ba­ren Spiel­stil ist ir­gend­wo zwi­schen Tu­chel-Raus­wurf und Auba­meyang-Ver­kauf ver­lo­ren ge­gan­gen.

Das Ein­zi­ge, was bei­de Ver­ei­ne mo­men­tan eint, ist das Va­ku­um auf der Trai­ner­bank. Heynckes macht bei den Bay­ern de­fi­ni­tiv Schluss und geht im Mai in Fuß­ball-Ren­te; auch Stö­gers Zu­kunft in Dort­mund ist un­ge­wiss. Dass die wohl be­gehr­tes­ten Stel­len auf dem hie­si­gen Fuß­ball-Ar­beits­markt noch un­be­setzt sind, mu­tet ku­ri­os an: Rühmt sich Deutsch­land nicht gern für sei­ne Aus­bil­dung und die neue Ge­ne­ra­ti­on um Na­gels­mann, Te­des­co, Wolf und Koh­feldt?

Die of­fe­nen Trai­ner­fra­gen als span­nends­ter Aspekt – sagt al­les über den „Cla­si­co“von heu­te. Er­furt. Die Pflicht ist so ein­fach wie klar: Al­ba ganz schnell und nach­wir­kungs­re­du­ziert aus den Köp­fen zu be­kom­men. Nach der 68:98-Nie­der­la­ge ge­gen das Top­team aus Ber­lin war­tet auf die Bas­ket­bal­ler der Ro­ckets mor­gen (15 Uhr) schließ­lich die nächs­te kniff­li­ge, weit wich­ti­ge­re Auf­ga­be ge­gen Bre­mer­ha­ven. Ein Spiel um die wohl al­ler­letz­te Chan­ce wi­der den Ab­stieg.

De­sas­ter, Selbst­auf­ga­be, Ka­pi­tu­la­ti­on – die Sub­stan­ti­ve, die Leis­tung der Ro­ckets-Bas­ket­bal­ler ge­gen den ge­wiss weit hö­her do­tier­ten und im Hoch be­find­li­chen Bun­des­li­ga-Zwei­ten Al­ba Ber­lin zu be­schrei­ben, wa­ren Aus­druck ei­ner all­ge­mei­nen Sprach­lo­sig­keit auf den Rän­gen, selbst der ein­hei­mi­schen Prot­ago­nis­ten auf dem Par­kett.

Mit sa­ge und schrei­be 30 Punk­ten Dif­fe­renz hat­ten die Ber­li­ner den Auf­stei­ger de­klas­siert. Und das, ob­wohl zur Halb­zeit beim 44:54 noch vie­les mög­lich schien, ja, nach dem tol­len Auf­takt­vier­tel so­gar ei­ne Sen­sa­ti­on ei­nen Hauch von Rea­li­tät be­saß.

Es blieb bei der schö­nen Il­lu­si­on, als den Ra­ke­ten noch al­les leicht von der Hand ging, Wim­berg und Obst (sein ein­zi­ger!) ih­re Drei­er, Rand­le, Le­sic und Oba­so­han tra­fen und das ers­te Vier­tel mit 28:23 an die Män­ner um Trai­ner Ivan Pa­vic ging.

Dann aber schli­chen sich – wie schon so oft – ers­te kon­zen­tra­ti­ve Feh­ler ein. Obst ver­warf sei­nen Drei­er, im Ge­gen­zug traf Al­bas But­ter­field sei­nen lo­cker und ver­half dem sich all­mäh­lich auf sei­ne Fä­hig­kei­ten be­sin­nen­den Gast, aus sei­ner An­fangs­le­thar­gie auf Be­triebs­tem­pe­ra­tur zu kom­men. Die Ber­li­ner lie­ßen fort­an – An­schau­ungs­un­tericht (!) – Geg­ner und Ball bis zur frei­en Wurf­po­si­ti­on lau­fen. Und da be­sa­ßen sie im Li­tau­er Gri­go­nis, im US-Ame­ri­ka­ner But­ter­field und vor al­lem im jun­gen Deut­schen Tim Schnei­der – mit 19 Punk­ten Top­s­corer der Par­tie – gna­den­los gu­te Schüt­zen.

Wie ge­sagt: Nach zwei Vier­teln war die La­ge für die nicht nur aus sport­li­chen Grün­den ums Über­le­ben kämp­fen­den Ra­ke­ten noch ei­ni­ger­ma­ßen in­takt. In der ei­nen oder an­de­ren Se­quenz ge­ba­ren sie noch so et­was wie Spiel­kunst. So, als ei­ne blitz­schnel­le Dou­blet­te Rand­le/ Le­sic zum Ju­bel­stür­me pro­vo­zie­ren­den Kor­ber­folg und zur letzt­ma­li­gen Füh­rung (35:34) führ­te.

Dann aber brach‘s über den nun an Kopf und Kör­per un­fit wir­ken­den Gast­ge­ber wie ein mäch­ti­ges Un­wet­ter her­ein. Und ge­riet im wei­te­ren Ver­lauf zur Vor­füh­rung ers­ten Gra­des.

Die Ro­ckets lie­fen – zu­neh­mend ver­un­si­chert und sich ih­rer Mit­tel über­haupt nicht mehr si­cher (Schmidt, Sta­nic, Zyl­ka) – nur noch hin­ter­her. Die an die­sem Abend ein­zig Erst­li­gaNi­veau of­fe­rie­ren­den Rand­le, Oba­so­han, Le­sic und mit Ab­stri­chen Wim­berg ver­moch­ten die Last al­lein nicht mehr zu tra­gen.

Gut, ein mit al­len Bas­ket­bal­lWas­sern ge­wa­sche­ner Rand­le war des­halb kurz­fris­tig ge­holt wor­den, um das Ro­ckets-Spiel zu struk­tu­rie­ren, ihm Ab­ge­klärt­heit zu ver­mit­teln. Aber al­lein? Das konn­te er schlicht und er­grei­fend nicht schul­tern, weil die Gäs­te-De­fen­si­ve ihn „lie­be­voll“in Ge­wahr­sam nahm.

So zer­fiel das Spiel der Ein­hei­mi­schen of­fen­siv wie de­fen­siv all­mäh­lich in sei­ne Ein­zel­tei­le. Den Ball zum schnells­ten Mit­spie­ler zu ma­chen, blieb für sie bis zum de­pri­mie­ren­den Katz‘und-Maus-Fi­na­le ein Buch mit sie­ben Sie­geln.

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Ro­ckets – Bre­mer­ha­ven Os­ter­sonn­tag,  Uhr Mes­se­hal­le Er­furt

Wie­der hat‘s ge­klin­gelt: Ni­k­las Wim­berg (rechts) kommt ge­gen Al­bas Ma­ri­us Gri­go­nis zu spät. Fo­to: Sa­scha Fromm

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