„Vie­le Fir­men stel­len auf Ver­dacht ein“

Die Mit­ar­bei­ter­su­che wird für Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men schwie­ri­ger. In­ter­view mit dem Deutsch­land-chef der Man­power Group, Her­warth Bru­ne

Thüringer Allgemeine (Ilmenau) - - Wirtschaft - Von Ste­fan Schul­te

Er­furt. Die Zei­ten am Ar­beits­markt ha­ben sich ge­än­dert und da­mit auch die Zeit­ar­beit. Die frü­he­re Auf­ga­be, für Mit­ar­bei­ter Jobs zu fin­den, hat sich heu­te in das Pro­blem ver­wan­delt, für Jobs Mit­ar­bei­ter zu fin­den. Ein Ge­spräch über den Wan­del der Bran­che mit Her­warth Bru­ne, Deutsch­land-chef von Man­power, ei­nem der welt­weit größ­ten Per­so­nal­dienst­leis­ter.

Herr Bru­ne, wir ha­ben Re­kord­be­schäf­ti­gung, Re­kord­stand an of­fe­nen Stel­len und so we­ni­ge Ar­beits­lo­se wie noch nie seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Schlech­te Zei­ten für die Zeit­ar­beit?

Her­warth Bru­ne: Ja und nein. Ich freue mich als deut­scher Bür­ger über die gu­te La­ge, ich freue mich ganz per­sön­lich für mei­ne Kin­der, de­nen al­le Tü­ren of­fen ste­hen bei 1,2 Mil­lio­nen un­be­setz­ten Stel­len. Für die Zeit­ar­beit hat aber tat­säch­lich ein Wan­del statt­ge­fun­den: Statt nach pas­sen­den Stel­len für die vie­len Be­wer­ber su­chen wir heu­te nach pas­sen­den Be­wer­bern für die vie­len Stel­len. Und das fällt uns schwe­rer, wir müs­sen mehr In­ter­views füh­ren, um ei­ne Stel­le zu be­set­zen.

Und die Fir­men stel­len we­gen des Fach­kräf­te­man­gels lie­ber gleich fest ein als aus­zu­lei­hen? Nicht lie­ber, son­dern ge­zwun­ge­ner­ma­ßen. Vie­le Fir­men stel­len Be­wer­ber auf Ver­dacht ein, oh­ne ak­tu­el­len Be­darf, ein­fach aus der Sor­ge, dass die Stel­le sonst un­be­setzt blie­be. Fach­kräf­te wie Elek­tri­ker, Schwei­ßer oder Hei­zungs­tech­ni­ker kön­nen sich den Ar­beit­ge­ber aus­su­chen und schau­en, wo sie am meis­ten ver­die­nen oder die bes­ten Ar­beits­be­din­gun­gen vor­fin­den.

Sie wer­den al­so vom Per­so­nalent­lei­her zum Head­hun­ter? Zah­len­mä­ßig noch nicht, der Ver­leih von Hel­fern, Fach­kräf­ten und Aka­de­mi­kern ist nach wie vor das Haupt­ge­schäft von Man­power. Aber es kom­men we­ni­ger Men­schen zu uns und wir kön­nen sie schnel­ler ver­mit­teln. Da­für wächst das Head­hun­ting auch für Spit­zen­kräf­te vom Pro­gram­mie­rer bis zum Chir­ur­gen. Eben­so un­ser Ge­schäft mit Ge­samt­lö­sun­gen et­wa für Pro­jekt­ar­bei­ten oder Out­sour­cing.

Die meis­ten Zeit­ar­bei­ter kom­men aus der Ar­beits­lo­sig­keit. An den Lang­zeit­ar­beits­lo­sen geht der Auf­schwung noch weit­ge­hend vor­bei, oder?

In vie­len Fäl­len lei­der im­mer noch. Der So­ckel an Lang­zeit­ar­beits­lo­sen ist nicht viel klei­ner ge­wor­den. Ent­schei­dend wä­re hier ei­ne hö­he­re Be­reit­schaft der Men­schen mit ge­rin­ger oder der­zeit nicht ge­frag­ter Qua­li­fi­ka­ti­on, sich fort­zu­bil­den. Sie müss­ten be­reit sein, auch mal die Bran­che zu wech­seln oder den Ort, wenn ein pas­sen­der Ar­beit­ge­ber 20 oder 50 Ki­lo­me­ter ent­fernt sitzt. Vie­le sind da­zu lei­der nicht be­reit.

Sind Lang­zeit­ar­beits­lo­se auch Ver­lie­rer der Di­gi­ta­li­sie­rung? In ei­ni­gen Bran­chen. Ich be­fürch­te, dass die Sche­re zwi­schen ge­frag­ten Fach­kräf­ten und Ge­ring­qua­li­fi­zier­ten, die den An­schluss ver­lie­ren, durch die Di­gi­ta­li­sie­rung noch wei­ter aus­ein­an­der geht. Ein­fach, weil die Zy­klen kür­zer wer­den, in de­nen gan­ze In­dus­tri­en sich grund­le­gend ver­än­dern.

Al­so be­kom­men wir ei­ne Zwei­klas­sen-ge­sell­schaft auf dem Ar­beits­markt? Das droht zu­min­dest. Ins­ge­samt hat die Di­gi­ta­li­sie­rung aber sehr po­si­ti­ve Ef­fek­te: Die Un­ter­neh­men wer­den zwar noch mehr au­to­ma­ti­sie­ren, aber des­halb auch we­ni­ger out­sour­cen, so­dass die Wert­schöp­fung im Lan­de bleibt. Wir be­ob­ach­ten be­reits jetzt, dass in Bran­chen, die stark au­to­ma­ti­sie­ren, et­wa in der Lo­gis­tik, mehr neue Jobs ent­ste­hen als weg­fal­len. Die Län­der mit der höchs­ten Au­to­ma­ti­sie­rung ha­ben heu­te die nied­rigs­ten Ar­beits­lo­sen­quo­ten. Ent­schei­dend ist die Pro­duk­ti­vi­tät: Wenn wir in kür­ze­rer Zeit mehr schaf­fen, wer­den wir in Deutsch­land künf­tig viel­leicht we­ni­ger St­un­den ar­bei­ten, aber trotz­dem mehr ver­die­nen.

Zeit­ar­beit gilt vie­len als In­be­griff für Nied­rig­löh­ne und pre­kä­re Be­schäf­ti­gung, auch die of­fi­zi­el­le Sta­tis­tik führt Zeit­ar­beit un­ter „aty­pi­scher Be­schäf­ti­gung“. Wie steht es um Ih­ren Ruf?

Er ist schon viel bes­ser ge­wor­den. Als ich 2013 bei Man­power ein­ge­stie­gen bin, war das ein gro­ßes Wahl­kampf­the­ma, mitt­ler­wei­le ist es viel ru­hi­ger ge­wor­den. Nur rund zwei Pro­zent der Be­schäf­tig­ten sind in der Zeit­ar­beit, wir ge­ben aber 28 Pro­zent der Flücht­lin­ge ei­nen Job. Man­power al­lein mehr als 1200. Die Po­li­tik müss­te uns ei­gent­lich ei­nen ro­ten Tep­pich aus­rol­len.

Was muss bei der In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen bes­ser wer­den?

Ich per­sön­lich bin froh über je­den, der zu uns kommt. Deutsch­land soll­te stolz sein, ein Ein­wan­de­rungs­land zu sein. Oh­ne Zu­wan­de­rung wird ir­gend­wann kei­ner mehr da sein, der un­se­re Ren­ten zahlt. Die Wi­der­stän­de in Tei­len der Po­li­tik und der Be­völ­ke­rung er­le­be ich in den Fir­men so nicht. Klei­nen Fir­men kön­nen wir Ängs­te neh­men, in­dem wir zu­sam­men mit der Ar­beits­agen­tur Sprach­kur­se und Fort­bil­dun­gen über­neh­men. In­te­gra­ti­on kann nur über die Ar­beit funk­tio­nie­ren.

Tre­ten Flücht­lin­ge nicht in Kon­kur­renz zu deut­schen Lang­zeit­ar­beits­lo­sen?

Nein. Wer un­se­re Spra­che spricht und qua­li­fi­ziert ist, hat so oder so ei­nen Vor­teil. Die ein­zi­ge Ge­fahr wä­re Lohn­dum­ping, wenn Zu­wan­de­rer für we­ni­ger Geld ar­bei­ten. Das hat sich mit Min­dest­lohn und Equal Pay mei­ner Mei­nung nach er­le­digt. Nur wer bei den Ar­beits­zei­ten schum­melt, et­wa bei Werk­ver­trä­gen, kann die Löh­ne drü­cken. Das ist il­le­gal und hilft ne­ben­bei der Zeit­ar­beit – denn wir rech­nen mit dem Ent­lei­her je­de St­un­de ab.

Her­warth Bru­ne ist der Deutsch­land-chef der Man­power­group, die welt­weit zu den größ­ten Per­so­nal­dienst­leis­tern zählt. Fo­to: Fun­ke Fo­to Ser­vice/ko­nop­ka

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