„Öko­no­misch ab­we­gig und un­so­zi­al da­zu“

Ver­di-chef Frank Bsirs­ke ruft die nächs­te Re­gie­rung zur Ab­kehr von der „schwar­zen Null“auf – und emp­fiehlt der SPD ein neu­es Pro­fil

Thüringer Allgemeine (Mühlhausen) - - Politik - Von Jo­chen Gau­ge­le, Phil­ipp Ne­u­mann und Mi­guel San­ches

ANC

Berlin. Der Afri­ka­ni­sche Na­tio­nal­kon­gress (ANC) wur­de be­reits 1912 ge­grün­det. Par­tei­sta­tus er­lang­te er aber erst mit der Re­gis­trie­rung zu den ers­ten frei­en Wah­len in Süd­afri­ka im April 1994. In den Jahr­zehn­ten da­vor war er ei­ne Be­frei­ungs­be­we­gung, die ge­gen die Un­ter­drü­ckung der Schwar­zen kämpf­te. Sei­ne Mit­glie­der wur­den vom Apart­heid-re­gime als „Kom­mu­nis­ten und Ter­ro­ris­ten“ver­folgt. Be­kann­tes­ter Anc-füh­rer war Nel­son Man­de­la (1918–2013) der von 1962 bis zur Auf­he­bung des Anc-ver­bots 1990 in­haf­tiert war. Er wur­de 1993 mit dem Frie­dens­no­bel­preis ge­ehrt und 1994 Staats­prä­si­dent. Seit­dem ist der ANC Re­gie­rungs­par­tei in Süd­afri­ka. (dpa) Berlin. Frank Bsirs­ke nimmt sich viel Zeit, um die Kri­se der SPD und den müh­sa­men Weg in ei­ne neue gro­ße Ko­ali­ti­on zu be­wer­ten. Der Ver­di-chef macht der künf­ti­gen Re­gie­rung kla­re Vor­ga­ben – und for­dert ein En­de der strik­ten Haus­halts­dis­zi­plin.

Herr Bsirs­ke, freu­en Sie sich auf die neue Re­gie­rung?

Ja. Bei Ren­te, Pfle­ge, Kran­ken­ver­si­che­rung, Bil­dung, Woh­nungs­bau und Nah­ver­kehr kön­nen mit den Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen die Le­bens­be­din­gun­gen vie­ler Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ver­bes­sert wer­den. Und zwar deut­lich mehr, als das von ei­ner Re­gie­rung mit Fdp-be­tei­li­gung zu er­war­ten ge­we­sen wä­re. Da­für ha­ben wir mit den Ge­werk­schaf­ten ge­wor­ben. Aber na­tür­lich hat der Ko­ali­ti­ons­ver­trag auch Schwä­chen. schwie­ri­ge La­ge brin­gen. Sie müss­te in Neu­wah­len ge­hen, nach­dem die ei­ge­ne Füh­rung de­mon­tiert wur­de – und das mit der Bot­schaft, ge­wählt wer­den zu wol­len, um nicht re­gie­ren zu müs­sen. Kein wirk­lich at­trak­ti­ves An­ge­bot für die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler. Ich kann mir aber nicht vor­stel­len, dass die Mehr­heit der Spd-mit­glie­der tat­säch­lich mit Nein stimmt. Da­für ist die Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung zu gut – und die Al­ter­na­ti­ve zu be­droh­lich.

Olaf Scholz, der die SPD jetzt kom­mis­sa­risch führt, will als Fi­nanz­mi­nis­ter die „schwar­ze Null“im Bun­des­haus­halt ver­tei­di­gen und da­mit die Li­nie von Wolf­gang Schäu­b­le fort­füh­ren. Wie groß ist Ih­re Ent­täu­schung?

Mit der Aus­ga­be von An­lei­hen be­kommt der deut­sche Staat ge­ra­de nicht nur Geld – er ver­dient auch noch dar­an. In ei­ner Pha­se, in der wir es an den An­lei­he­märk­ten mit Ne­ga­tiv­zin­sen zu tun ha­ben, auf Net­to­kre­dit­auf­nah­me null zu set­zen, ist öko­no­misch ab­we­gig und un­so­zi­al da­zu. Das war bei Schäu­b­le so und blie­be so auch bei je­dem an­de­ren Mi­nis­ter, wenn er die Feh­ler der letz­ten Jah­re fort­setzt.

Wie­so? Die Steu­er­ein­nah­men spru­deln …

Es ist drin­gend not­wen­dig, die In­ves­ti­ti­ons­staus im Bil­dungs­sek­tor, dem Woh­nungs­bau oder der In­fra­struk­tur zu be­sei­ti­gen. Da kann man nicht an der „schwar­zen Null“fest­hal­ten.

Scholz hat auch für ei­ne Er­hö­hung des Min­dest­lohns auf zwölf Eu­ro ge­wor­ben. Un­ter­stüt­zen Sie die­se Po­si­ti­on? Das ist ein mu­ti­ges Si­gnal ge­we­sen, das ak­tu­ell al­ler­dings we­nig Rea­li­sie­rungs­chan­cen ha­ben dürf­te. Gleich­wohl lohnt es sich, für ei­ne deut­li­che An­he­bung des Min­dest­lohns zu strei­ten – und zwar über den Wert hin­aus, der sich aus den Lohn­stei­ge­run­gen der letz­ten zwei Jah­re er­gibt. Ich wür­de es an­ge­sichts der güns­ti­gen Kon­junk­tur­la­ge und der Si­tua­ti­on am Ar­beits­markt be­grü­ßen, wenn der Min­dest­lohn 2019 die Zehn-eu­ro-mar­ke knackt.

Das wird Ar­beits­plät­ze kos­ten. Ei­ne An­he­bung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns auf zehn Eu­ro ist öko­no­misch sinn­voll und wird kei­ne Bran­che in Deutsch­land über­for­dern.

Die An­hän­ger der SPD sind von den Ver­ein­ba­run­gen mit der Uni­on we­ni­ger an­ge­tan als Sie. In den Um­fra­gen tau­meln die So­zi­al­de­mo­kra­ten Rich­tung 15 Pro­zent. Ma­chen Sie sich Sor­gen um die Exis­tenz der Par­tei?

Ich bin da­von über­zeugt, dass sich das wie­der än­dert, wenn es an die Um­set­zung der po­si­ti­ven Wei­chen­stel­lun­gen geht. Rich­tig ist aber auch: Die SPD braucht ein Pro­fil, mit dem sich wie­der mehr Men­schen iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Vor ei­nem Jahr schos­sen die So­zi­al­de­mo­kra­ten in den Um­fra­gen auf über 32 Pro­zent, weil sie mit Mar­tin Schulz an­fäng­lich ei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Hoff­nun­gen und den Wunsch nach mehr so­zia­ler Ge­rech­tig­keit und Zu­sam­men­halt bo­ten. Vie­le, die sich we­gen der Agen­da 2010 von der SPD ab­ge­wandt hat­ten, kehr­ten vor­über­ge­hend zu­rück. Das Po­ten­zi­al ist al­so da. Man muss sich kei­ne exis­ten­zi­el­len Sor­gen um die SPD ma­chen. Sie be­fin­det sich in ei­nem Re­ori­en­tie­rungs­pro­zess – wie die Uni­on im Üb­ri­gen auch.

In der CDU ist die Zeit nach An­ge­la Mer­kel noch nicht an­ge­bro­chen, da­für stellt sich die SPD neu auf. Ha­ben Sie ei­nen Rat für die de­si­gnier­te Par­tei­che­fin Andrea Nah­les?

Kla­res Pro­fil, Ver­läss­lich­keit in den Aus­sa­gen und die Um­set­zung ei­ner Po­li­tik, die das Le­ben der Men­schen ver­bes­sert. Das ist ei­ne so­li­de Grund­la­ge, um der SPD neue Sta­bi­li­tät zu ver­lei­hen. Andrea Nah­les hat als Ar­beits­mi­nis­te­rin ei­nen be­acht­li­chen Job ge­macht. Ich traue ihr zu, die SPD zu neu­em Er­folg zu füh­ren.

Fo­to: Re­to Klar

Rat­schlä­ge für die SPD: Ver­di-chef Frank Bsirs­ke beim Be­such in un­se­rer Ber­li­ner Re­dak­ti­on.

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