„Das Po­ten­zi­al der AFD liegt deut­lich über 20 Pro­zent“

Vor­sit­zen­der Alex­an­der Gau­land über die Pro­vo­ka­tio­nen sei­ner Par­tei – und ih­re Kon­tak­te zum Ver­fas­sungs­schutz

Thüringer Allgemeine (Weimar) - - Politik -

Sie ha­ben die Ns-zeit ba­ga­tel­li­siert.

Ich woll­te in die­ser Re­de, die na­tür­lich kei­ner nach­ge­le­sen hat, die gro­ße deutsch-jü­di­sche Tra­di­ti­on in Er­in­ne­rung ru­fen, die Hit­ler fast ver­nich­tet hat. Aus mei­nen Aus­füh­run­gen kann man über­haupt kei­ne Ba­ga­tel­li­sie­rung der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit ab­lei­ten.

Erst pro­vo­zie­ren und dann zu­rück­ru­dern – das ist ein be­kann­tes Mus­ter der AFD.

Das ist Ih­re The­se, sie stimmt aber nicht. Es gibt Feh­ler, die ge­macht wer­den. Aber es ist nicht be­wusst pro­vo­ziert. Der Vo­gel­schiss war kei­nes­wegs als Pro­vo­ka­ti­on ge­meint.

Ha­ben Sie Ge­denk­stät­ten na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­nich­tungs­la­ger be­sucht?

Ich war ein paar­mal in Bu­chen­wald, und ich war vor Kur­zem auf ei­ner Heim­fahrt in Ra­vens­brück. Vo­ri­ges Jahr war ich mit mei­ner Le­bens­ge­fähr­tin in Kra­kau, da ha­ben wir auch Au­schwitz be­sucht.

Was ha­ben Sie da­bei emp­fun­den?

Die­se Fra­gen kann man nicht rich­tig be­ant­wor­ten.

War­um nicht?

Was soll man sa­gen, das nicht falsch klingt? Die­se sechs Mil­lio­nen er­mor­de­ten Ju­den kratzt dem deut­schen Volk nie­mand mehr von der Haut. Das ist al­les furcht­bar. An ei­ner be­stimm­ten Stel­le, zwi­schen 1933 und 1945, ist die deut­sche Ge­schich­te völ­lig schief­ge­lau­fen. Da kön­nen Sie nur ver­zwei­feln, aber ra­tio­nal nichts mehr da­zu sa­gen.

Die CSU pro­vo­ziert mit Vo­ka­beln, die sie von der AFD ge­lie­hen

hat – „Asyl­tou­ris­mus“ist so ein Bei­spiel. Wird Ih­re Par­tei jetzt noch ra­di­ka­ler, um sich da­von ab­zu­he­ben?

Ich weiß nicht, war­um Sie un­ter­stel­len, dass wir ra­di­ka­ler wer­den müs­sen. Wir sa­gen, was ist. Der Be­griff „Asyl­tou­ris­mus“ist rich­tig. Das Flücht­lings­ab­kom­men mit Spa­ni­en kann Herr See­ho­fer nur als ge­rin­gen Er­folg ver­bu­chen. Leu­te, die in Spa­ni­en an Land ge­hen, wer­den ein­fach kei­nen Asyl­an­trag mehr stel­len. Die wer­den nach Deutsch­land durch­ge­reicht, und dann ha­ben wir das glei­che Pro­blem. Die CSU hat es schwer mit zwei Ko­ali­ti­ons­part­nern, die gar kei­ne Asyl­wen­de wol­len. Als klei­ner Part­ner kann die CSU das nicht dre­hen. Das ver­schafft ihr ein Glaub­wür­dig­keits­pro­blem, das die AFD nicht hat.

Die AFD kann auch nichts dre­hen, so­lan­ge sie nicht re­giert. Wir lie­fern schon, weil wir die an­de­ren trei­ben. Rich­tig ist, dass wir als Op­po­si­ti­ons­par­tei ver­wal­tungs­mä­ßig nichts um­set­zen kön­nen. Ich fin­de schon, dass wir mit­tel­fris­tig Ver­ant­wor­tung über­neh­men soll­ten. Da­für muss die AFD aber deut­lich stär­ker wer­den. Ich bin ge­gen ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung als sehr viel klei­ne­rer Part­ner, weil man dann nichts durch­set­zen kann.

Wol­len Sie stärks­te Kraft in Deutsch­land wer­den?

Die Um­fra­gen se­hen uns zwi­schen 17 und 20 Pro­zent. Das Po­ten­zi­al der AFD liegt deut­lich über 20 Pro­zent. So­lan­ge Frau Mer­kel Bun­des­kanz­le­rin ist, wird es im­mer grö­ßer.

Der frü­he­re Chef­stra­te­ge von Us-prä­si­dent Do­nald Trump, Ste­ve Ban­non, will zur Eu­ro­pa­wahl im kom­men­den Jahr rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en in der EU stär­ken. Wel­che Kon­tak­te gibt es zur AFD?

Mei­ne Kol­le­gin Ali­ce Wei­del hat sich ein­mal mit Herrn Ban­non ge­trof­fen. Ich se­he aber kei­ne gro­ßen Mög­lich­kei­ten ei­ner Zu­sam­men­ar­beit. Wir sind nicht in Ame­ri­ka. Die In­ter­es­sen­la­ge der sys­temop­po­si­tio­nel­len Par­tei­en in Eu­ro­pa ist doch sehr un­ter­schied­lich. Die AFD hat en­ge­re Kon­tak­te nur nach Ös­ter­reich zur FPÖ. Frau­ke Pe­try woll­te im­mer mit dem fran­zö­si­schen Front Na­tio­nal zu­sam­men­ar­bei­ten, das hat ja auch nicht funk­tio­niert. Herrn Ban­non wird es nicht ge­lin­gen, zur Eu­ro­pa­wahl ei­ne Al­li­anz von Gleich­ge­sinn­ten zu schmie­den.

Die frü­he­re Afd-che­fin Pe­try soll sich mit Ver­fas­sungs­schutz-prä­si­dent Hans-ge­org Maa­ßen ge­trof­fen ha­ben. The­ma war an­geb­lich, wie die AFD ei­ner Be­ob­ach­tung ent­ge­hen kann. Was wis­sen Sie dar­über?

Ers­tens weiß ich gar nichts dar­über. Und zwei­tens hal­te ich das für ei­ne En­te, die ei­ne Au­to­rin in die Welt ge­setzt hat, um ihr Buch po­pu­lär zu ma­chen.

War­um muss falsch sein, was die Afd-aus­stei­ge­rin Fran­zis­ka Schrei­ber sagt?

Ich schät­ze Herrn Maa­ßen als ob­jek­ti­ven Spit­zen­be­am­ten. Ich hal­te es für frei er­fun­den, dass er Frau­ke Pe­try ir­gend­wel­che Rat­schlä­ge ge­ge­ben hat. Im Bun­des­vor­stand hat sie mal so ge­tan, als ob sie sich mit Maa­ßen ge­trof­fen hät­te. Ich weiß es nicht. Viel­leicht war es nur ein Te­le­fon­ge­spräch.

Ha­ben Sie selbst schon mit dem Ver­fas­sungs­schutz ge­spro­chen?

Ja, ich ha­be ein Ge­spräch mit Herrn Maa­ßen ge­führt. Ich hat­te ein kon­kre­tes An­lie­gen. Es gab den Ver­dacht, dass wir in der Frak­ti­on ei­nen Ein­fluss­agen­ten Mos­kaus hät­ten. Das woll­te ich klä­ren. Herr Maa­ßen hat mir nach ei­ner ge­wis­sen Prü­fung ge­sagt, dass da nichts dran ist. Das war aber auch al­les.

Sie ha­ben sich kei­ne Tipps ge­holt?

Um Got­tes Wil­len! Es wä­re mir pein­lich, mit Herrn Maa­ßen so et­was zu be­spre­chen.

Wie vie­le Rechts­ex­tre­me könn­te der Ver­fas­sungs­schutz in der AFD ent­de­cken?

Es gibt in der AFD kei­ne Rechts­ex­tre­men.

Wie de­fi­nie­ren Sie rechts­ex­trem?

Rechts­ex­tre­me sind Men­schen, die die Ver­fas­sung ab­schaf­fen und das Füh­rer­prin­zip ein­füh­ren wol­len. Die Adolf Hit­ler heu­te noch für ei­nen gro­ßen Staats­mann hal­ten und be­dau­ern, dass der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus an den Al­li­ier­ten ge­schei­tert ist.

In der AFD denkt nie­mand so?

Nein. Wir sind an­ar­chisch, de­mo­kra­tisch und hal­ten am Grund­ge­setz fest. Mit Füh­rer­prin­zip und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ha­ben wir nichts zu tun.

Der Fall des tür­kisch­stäm­mi­gen Fuß­ball­spie­lers Me­sut Özil, der aus der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft zu­rück­ge­tre­ten ist, hat ei­ne neue De­bat­te über Ras­sis­mus im All­tag aus­ge­löst. Wie fin­den Sie die­se Dis­kus­si­on?

Die sol­len Fuß­ball spie­len – al­les an­de­re in­ter­es­siert mich nicht be­son­ders. Ich glau­be nicht, dass der Ras­sis­mus in Deutsch­land stär­ker ge­wor­den ist. Özil un­ter­stützt be­geis­tert den tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten, die deut­sche Na­tio­nal­hym­ne singt er aber nicht mit. Da kann man als Fuß­ball­fan schon fra­gen: Ist das al­les rich­tig? Mit Ras­sis­mus hat das nichts zu tun.

Er­do­gan-fo­to hin oder her – ist Özil nicht ein Vor­bild für In­te­gra­ti­on?

Ich glau­be nicht, dass je­mand wie Özil, der den au­to­kra­ti­schen tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten be­din­gungs­los un­ter­stützt, ein Vor­bild für In­te­gra­ti­on in Deutsch­land ist.

Wä­re es Ih­nen lie­ber, wenn in der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft kei­ne Spie­ler mit aus­län­di­schen Wur­zeln wä­ren?

Das ist mir völ­lig egal. Wir kön­nen zur Mann­schaft von 1954 mit Fritz und Ott­mar Wal­ter nicht zu­rück­keh­ren. Das ist nun ein­mal so.

Nächs­te Woche im In­ter­view: Spd-che­fin Andrea Nah­les

Be­rich­tet über ein Ge­spräch mit dem Chef des In­lands­ge­heim­diens­tes: Afdvor­sit­zen­der Alex­an­der Gau­land, hier am Ein­gang des Reichs­tags­ge­bäu­des in Ber­lin.Fo­to: Amin Akhtar

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