Lan­ger Ja­kob nur auf dem Pa­pier ech­ter Vor­zei­ge­bau der DDR-ZEIT

Bei der Ge­ne­ral­sa­nie­rung tre­ten vie­le Män­gel zu­ta­ge. Bis heu­te be­fas­sen sich Ar­chi­tek­tur-stu­den­ten mit dem Wohn­heim

Thüringer Allgemeine (Weimar) - - Weimar - Von Su­san­ne Sei­de

Wei­mar. Die Aus­füh­rungs­pla­nung der Ar­chi­tek­tin Ani­ta Bach für das Stu­den­ten­wohn­heim Lan­ger Ja­kob war per­fekt. Wie die­se in der Pra­xis ab dem Bau­be­ginn 1970 um­ge­setzt wur­de, um­schreibt Ul­rich Junk spon­tan als „grob­schläch­tig“. Er ge­hört dem Wei­ma­rer Ar­chi­tek­ten­bü­ro Junk & Reich an, das als Ge­ne­ral­pla­ner für die Kom­plett­sa­nie­rung des Stu­den­ten­wohn­heims zu­stän­dig ist.

„Wir de­cken jetzt die Män­gel von da­mals auf“, so Ul­rich Junk stirn­run­zelnd. Fal­sche oder feh­len­de Bau­tei­le ge­hö­ren da­zu, schlech­tes Ma­te­ri­al oder ei­ne schlam­pi­ge Aus­füh­rung. „Das ist schon ein be­son­ders schwe­rer Fall“, sag­te er un­ver­hoh­len bei ei­nem Vor-ort-ter­min auf der Bau­stel­le mit Ralf Schmidtröh, Ge­schäfts­füh­rer des Stu­die­ren­den­werks Thü­rin­gen als Bau­herr, und un­se­rer Zei­tung.

Bei­spie­le tre­ten vie­le zu­ta­ge, seit die ka­schie­ren­den De­tails ver­schwun­den sind. So ist ei­ne Lü­cke zwi­schen dem nörd­li­chen Ge­bäu­de­teil in Rich­tung Atri­um und dem Trep­pen­haus­be­reich, der die bei­den Mehr­ge­schos­ser mit­ein­an­der ver­bin­det, deut­lich zu se­hen. Da­durch lässt sich durch meh­re­re Eta­gen bli­cken und er­ken­nen: Be­weh­rungs­ei­sen lie­gen au­ßer­halb des Be­tons, was dop­pelt schwer wiegt: Ei­ner­seits ver­stei­fen sie den Be­ton nicht, an­de­rer­seits sind sie Sau­er­stoff aus­ge­setzt, so dass Rost­ge­fahr be­steht.

Ver­wen­det wur­den zu­dem ex­trem un­ter­schied­li­che Bau­stof­fe: Zie­gel, die sich als Wand auch schon mal wöl­ben, Hohl­block­stei­ne und da­ne­ben Be­ton – mal fein in der Struk­tur wie die Ber­li­ner Mau­er, mal grob, so wie der „Schutz­wall“in der Pro­vinz.

Ul­rich Junk sieht im Man­gel in der DDR ei­nen Grund da­für, aber auch da­rin, dass das Stu­den­ten­wohn­heim in Win­des­ei­le ge­baut wer­den soll­te. Schließ­lich war­te­ten Stu­den­ten auf güns­ti­gen Wohn­raum.

Und es gibt noch mehr Auf­fäl­li­ges: Ob­wohl Po­ly­ure­than­schaum in der DDR ei­gent­lich nicht ver­baut wur­de, weil für die Her­stel­lung das kost­ba­re Erd­öl not­wen­dig ist, fin­det er sich et­wa in den Pan­ora­ma­fens­ter-fas­sa­den an den Schmal­sei­ten der Ge­bäu­de. Und an­de­rer­seits hiel­ten vie­le Fens­ter wohl nur noch aus Ge­wohn­heit: Sie wa­ren statt mit der Fas­sa­de le­dig­lich mit der Au­ßen­däm­mung ver­bun­den.

„Sta­tisch-kon­struk­tiv ma­che ich mir kei­ne Sor­gen“, sagt der Ar­chi­tekt. Im Rah­men der Sa­nie­rung wür­den die Feh­ler kor­ri­giert. Da­zu ste­hen be­reits un­zäh­li­ge Stahl­ro­he und -trä­ger be­reit. Et­wa in den einst je­weils zwei Flu­ren, über die je­der Ge­bäu­de­kom­plex ver­fügt. Die Trä­ger ver­schwin­den spä­ter in der Wand­kon­struk­ti­on.

Einst leb­ten im Lan­gen Ja­kob bis zu 1000 Stu­den­ten, blick­ten Junk und Schmidt-röh auf die be­eng­ten Wohn­ver­hält­nis­se zu­rück. Am En­de der Sa­nie­rung wer­den noch 349 Plät­ze zur Ver­fü­gung ste­hen, die meis­ten in Ein­zelapart­ments. Ei­ne Be­son­der­heit ma­chen die Wohn­ge­mein­schaf­ten für je­weils sechs Stu­den­ten an den Stirn­sei­ten mit ih­ren gro­ßen Pan­ora­ma­fens­tern nach Nor­den und Sü­den aus, von de­nen aus der Blick im­mer schö­ner wird, je hö­her es geht. Hin­ter den Fens­tern ent­ste­hen ge­räu­mi­ge Kü­chen für die WG‘S. Da­bei mach­ten die Pla­ner aus der Not ei­ne Tu­gend: Die gro­ßen Spann­be­ton­ele­men­te kön­nen nicht mit Bä­dern für Apart­ments be­las­tet wer­den.

Fürs Ge­sel­li­ge sol­len zu­dem in den Ge­mein­schafts­räu­men im Be­reich des ehe­ma­li­gen Stu­den­ten­klubs ne­ben Sport­mög­lich­kei­ten auch ex­tra gro­ße Kü­chen ent­ste­hen, sag­te Ralf Schmidt-röh. Ihm schwebt vor, dass die jun­gen Leu­te dort Rezepte aus dem Mul­ti-kul­ti-koch­buch des Stu­die­ren­den­wer­kes Thü­rin­gen nach­ko­chen.

Trotz der En­ge war das Stu­den­ten­wohn­heim, das 1972 be­zo­gen wer­den konn­te, an­ge­sichts von Warm­was­ser und Zen­tral­hei­zung sehr be­gehrt. Ul­rich Junk hat des­sen Ent­ste­hung als Stu­dent mit­er­lebt und be­such­te al­le Vor­le­sun­gen von Ani­ta Bach. Bis heu­te be­fas­sen sich an­ge­hen­de Ar­chi­tek­ten an der Bau­haus-uni mit dem Ge­bäu­de, das sich als Vor­zei­ge­bau ge­gen die klein­tei­li­ge Stadt und den über­gro­ßen Na­zi-kom­plex Gau­fo­rum durch­setz­ten soll­te. Und bis heu­te sieht Junk bei Be­rufs­kol­le­gen ein Leuch­ten in den Au­gen, wenn sie vom Lan­gen Ja­kob re­den. Fast al­le Ar­chi­tek­tur­stu­den­ten in der DDR ka­men ir­gend­wie mit ihm in Be­rüh­rung. „Er ist ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort“, sagt er und glaubt, dass auch die Wei­ma­rer ihn mitt­ler­wei­le mehr mö­gen als zu Zei­ten nach der Wen­de, als sein Ab­riss laut­hals ge­for­dert wur­de.

Ralf Schmidt-röh und Ul­rich Junk vor dem Lan­gen Ja­kob, der vor­aus­sicht­lich bis zum Som­mer­se­mes­ter  für rund  Mil­lio­nen Eu­ro sa­niert wird. Fo­tos: Su­san­ne Sei­de

Neue Stahl­trä­ger wur­den be­reits ein­ge­baut, wei­te­re war­ten dar­auf.

Ein Teil des Stu­den­ten­wohn­heims Lan­ger Ja­kob hat be­reits neue Fens­ter.

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