Vor­sicht an deut­schen Bahn­steig­kan­ten!

Es geht um Zen­ti­me­ter: Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um ewähr­leis­ten

Thüringische Landeszeitung (Eisenach) - - THÜRINGEN - VON SI­BYL­LE GÖ­BEL

WEI­MAR. Wie heißt es doch so schön in ei­nem Song­text der Ers­ten All­ge­mei­nen Ve­r­un­si­che­rung? „Mit ei­nem Wort: Die La­ge ist fa­tal.“Das trifft oh­ne Fra­ge auch auf das The­ma Bahn­steig­hö­he zu. Denn als gä­be es kei­ne an­de­ren Pro­ble­me im Schie­nen­ver­kehr, pocht des Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um neu­er­dings auf die Um­set­zung ei­nes neu­en Bahn­steig­hö­hen­kon­zepts. Es be­sagt, dass al­le deut­schen Bahn­stei­ge künf­tig ei­ne Hö­he von 76 Zen­ti­me­tern ha­ben sol­len, um so die Bar­rie­re­frei­heit zu er­mög­li­chen.

Die Bun­des­län­der in­des sind von die­ser Idee – ge­lin­de ge­sagt – we­nig an­ge­tan. Thü­rin­gen lehnt die Er­hö­hung der Bahn­stei­ge auf 76 Zen­ti­me­ter so­gar „grund­sätz­lich“ab. Be­deu­te es doch „ei­nen Rück­schritt für die Um­set­zung der durch­ge­hen­den Bar­rie­re­frei­heit in Thü­rin­gen“, so In­fra­struk­tur­mi­nis­te­rin Bir­git Kel­ler (Lin­ke). In den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren sei in Thü­rin­gen näm­lich kon­se­quent auf Bahn­steig­hö­hen von 55 Zen­ti­me­tern ge­setzt und auch die In­fra­struk­tur wie Auf­zü­ge und Trep­pen an den Bahn­stei­gen ent­spre­chend an­ge­passt wor­den. Par­al­lel da­zu hät­ten die Bahn­un­ter­neh­men, die in Thü­rin­gen un­ter­wegs sind, ih­ren Fuhr­park auf die Bahn­steig­hö­he von 55 Zen­ti­me­tern aus­ge­rich­tet. Und über­haupt: Das al­les sei schließ­lich stets in en­ger Ab­stim­mung mit der Bahn-toch­ter DB Sta­ti­on & Ser­vice er­folgt.

Die­se ha­be als Ei­gen­tü­me­rin auch die Bau­maß­nah­men an den Hal­te­punk­ten und Bahn­hö­fen ver­an­lasst: Seit An­fang der 90er-jah­re sei­en al­lein in Thü­rin­gen gut 60 Bahn­stei­ge mit ei­ner Hö­he von 38 Zen­ti­me­tern, rund 200 mit 55 Zen­ti­me­tern Hö­he und 13 mit 76 Zen­ti­me­tern Hö­he ge­baut wor­den – un­ter an­de­rem in Ger­s­tun­gen und Ei­se­nach, Saal­feld und Ru­dol­stadt, Zeu­len­ro­da, Gera, Al­ten­burg, Apol­da, Nord­hau­sen, Lei­ne­fel­de und Bad Lan­gen­sal­za. Was das al­les ge­kos­tet hat, ver­mag das Thü­rin­ger In­fra­struk­tur­mi­nis­te­ri­um zwar nicht zu sa­gen, schließ­lich war es ja nicht Auf­trag­ge­ber. Hel­la Tän­zer, Spre­che­rin der Er­fur­ter Bahn

Aber da die Er­neue­rung ei­nes Bahn­steigs im Schnitt ei­ne Mil­li­on Eu­ro kos­tet, lässt sich das bei rund 280 ge­bau­ten Bahn­stei­gen leicht aus­rech­nen.

Auch die Tat­sa­che, dass der Bund nun die Kos­ten für den neu­er­li­chen Um­bau über­neh­men will, kann die Ge­mü­ter kaum be­ru­hi­gen. „Die Er­fah­rung der letz­ten Jah­re zei­gen näm­lich, dass die Län­der bis­her mit ei­nem nen­nens­wer­ten An­teil an den Bau- und Be­triebs­kos­ten be­tei­ligt wur­den“, sagt die Mi­nis­te­rin. Folg­lich be­fürch­te sie, dass das auch dies­mal so sein wird. Ganz ab­ge­se­hen da­von, dass das Ver­fah­ren für den Um­bau der Bahn­stei­ge, das die DB Sta­ti­on & Ser­vice vor­ge­schla­gen ha­be, „spe­zi­ell für Thü­rin­gen, Sach­sen und Sach­sen­an­halt nicht prak­ti­ka­bel“er­scheint. Da die Bahn-toch­ter Fra­gen zu die­sem Kon­zept bis­her nicht zu­frie­den­stel­lend be­ant­wor­tet und auch kein neu­es vor­ge­legt hat, hat das Land Mit­te Ja­nu­ar bei Bund und Lä ei­ne ge­ne­rel ei­ne Bahns­te ti­me­tern ab Ge­sprä­che m Ser­vice auf re for­dert.

„Da­bei sol res­sen und d bes­ser be­rüc mein­sam mit ein Bahn­s­tei ar­bei­tet werd

Nicht nach For­de­rung n li­chung auch Bahn­be­trei­be Über­le­gun­ge sagt Hel­la T der Er­fur­ter rin­gen-bahn der ge­sam­te bei­der Un­ter hin knapp flur­fahr­zeu­ge Bahn­steig­hö Zen­ti­me­tern rich­tet.

Hel­la Tä „Wir ha­ben an­ge­schafft, weil dies in den Aus­schrei­bun­gen zu den Ver­kehrs­ver­trä­gen so vor­ge­ge­ben war mit de Ziel, al­len gäs­ten ei­nen bar­rie­re­frei­en Schie­nen­per­so­nen­nah­ver­kehr an­zu­bie­ten.“Die Fahr­zeu­ge sei­en aber nicht nur auf ei­ne Bahn­steig­hö­he von 55 Zen­ti­me­tern aus­ge­rich­tet, son­dern ver­füg­ten auch über ei­nen „gro­ßen stu­fen­frei­en mitt­le­ren Zug­teil, zwei Mehr­zweck­be­rei­che für Roll­stüh­le, Kin­der­wa­gen und Fahr­rä­der“.

Ein Bahnsteig kos­tet rund ei­ne Mil­li­on Eu­ro

Fahr­zeu­ge ver­fü­gen über Groß­raum­toi­let­ten

Im Roll­stuhl­be­reich sei zu­dem ei­gens ei­ne Sprech­stel­le an­ge­bracht wor­den, die Roll­stuhl­fah­rern den di­rek­ten Kon­takt zum Trieb­wa­gen­füh­rer er­mög­licht. Und nicht zu­letzt sei­en mehr als 60 Pro­zent der Fahr­zeu­ge der Er­fur­ter Bahn mit Groß­raum­toi­let­ten aus­ge­stat­tet, die auch Fahr­gäs­te im Roll­stuhl den nö­ti­gen Kom­fort bie­ten. „All die­se Vor­tei­le keh­ren sich ins Ge­gen­teil, wenn plötz­lich beim Ein­stieg durch hö­he­re Bahn­stei­ge wie­der neue Bar­rie­ren er­rich­tet wer­den“, ist Tän­zer über­zeugt.

Da­bei sei das völ­lig un­nö­tig: In vie­len klei­nen Or­ten hal­te schließ­lich nie ein ICE, für den al­lein die Bahn­steig­hö­he von 76 Zen­ti­me­tern ide­al ist. Zu­dem könn­ten ICE neue­ren Typs ih­re Schie­be­trit­te auf die je­wei­li­ge Bahn­steig­hö­he an­pas­sen. „Es wä­re fre­vel­haft, Geld an die­ser Stel­le zu ver­geu­den, wo es an­ders­wo, bei­spiels­wei­se beim Aus­bau der Schie­nen-in­fra­struk­tur, doch viel drin­gen­der ge­braucht wird“, bringt es die Bahn­spre­che­rin auf den Punkt.

Matthias Ne­u­mann vom Un­ter­neh­men Abel­lio kann sei­ner Kol­le­gin nur bei­pflich­ten: Auch er ver­weist dar­auf, dass die jetzt von Abel­lio ein­ge­setz­ten Fahr­zeu­ge (Ta­lent 2, re­kon­stru­ier­te und neue Dop­pel­stock­zü­ge so­wie Re­gio­shut­tle) nur des­halb be­stellt wur­den, weil es ei­ne Über­ein­kunft zwi­schen Bahn und neu­en Bun­des­län­dern gab, die Bahn­stei­ge bei 55 Zen­ti­me­tern Hö­he zu be­las­sen be­zie­hungs­wei­se bei Um- oder Neu­bau in die­ser Hö­he zu er­rich­ten. „Mit die­sen Fahr­zeu­gen kön­nen üb­ri­gens auch Bahn­stei­ge be­dient wer­den, die nur 38 Zen­ti­me­ter hoch sind und auf ei­ner Rei­he von Ne­ben­stre­cken exis­tie­ren“, er­gänzt Ne­u­mann.

Mit Hil­fe ei­ner Ram­pe könn­ten selbst dort Roll­stuhl­fah­rer pro­blem­los ein- und aus­stei­gen. Ein Um­bau auf ei­ne Hö­he von 76 Zen­ti­me­tern wür­de be­deu­ten, dass Fahr­gäs­te im Nah­ver­kehr ge­ne­rell ei­nen Hö­hen­un­ter­schied von bis zu 20 Zen­ti­me­tern über­brü­cken müss­ten.

„Das hät­te we­sent­lich frü­her pas­sie­ren müs­sen“

„Die jetzt an vie­len Stel­len ge­währ­leis­te­te Ni­ve­augleich­eit beim Ein- und Aus­stieg wür­de wie­der zu­nich­te ge­macht“, sagt der Abel­lio-spre­cher, der im Grun­de nichts ge­gen ei­ne bun­des­weit ein­heit­li­che Bahn­steig­hö­he hat. „Aber das hät­te we­sent­lich eher pas­sie­ren müs­sen. Näm­lich zu dem Zeit­punkt, an dem das Fahr­zeug-neu­be­schaf­fungs­pro­gramm im Nah­ver­kehr

ef.“Der Vor­stoß des Bun­des mme schlicht 20 Jah­re zu spät. Nicht-be­hin­der­te Rei­sen­de nnen über die Pos­se, die die hn-plä­ne in den Au­gen vie­ler ei­lig­ter sind, viel­leicht noch mun­zeln. Fahr­gäs­te mit Ha­nap hin­ge­gen nicht. Des­halb t auch der So­zi­al­ver­band VDK so­fort in­ter­ve­niert, als das An­sin­nen be­kannt wur­de. Mit Er­folg, wie der Ver­band Hes­sen-thü­rin­gen be­rich­tet: Auf Initia­ti­ve des VDK sol­len künf­tig Be­hin­der­ten­ver­bän­de so­fort in die anun­gen der Bahn ein­be­zo­wer­den. Der VDK un­ter­stützt zu­dem die Ver­kehrs­mi­nis­ter­kon­fe­renz in ih­rer For­de­rung, ein Bahn­steig­kon­zept zwi­schen Bahn, Bund und Län­dern zu ent­wi­ckeln. Und nicht ein­fach nach der Bau­ord­nung zu ver­fah­ren, nur weil man sich – wie es Eck­hart Fri­cke, der Bahn-be­voll­mäch­tig­te für Sach­sen, Sach­sen­an­halt und Thü­rin­gen erst im Herbst in ein Fern­seh­mi­kro­fon sag­te, „nicht ein­fach über Ge­set­ze und Richt­li­ni­en hin­weg­set­zen“kön­ne.

Be­harrt die Bahn al­ler­dings auf der ein­heit­li­chen Bahn­steig­hö­he, än­dert sich auch nicht gleich über Nacht et­was: Nach dem Ver­fah­ren, das die DB Sta­ti­on & Ser­vice den Bun­des­län­dern vor­ge­schla­gen, wür­de es über 100 Jah­ren dau­ern, bis auch der letz­te Thü­rin­ger Bahnsteig 76 Zen­ti­me­ter hoch ist.

-Bahn über­brü­cken den Spalt mpe. Fo­to: Dag­mar Mül­ler

„Die Über­le­gun­gen, die Bahn­steig­hö­hen nun auf 76 cm an­zu­he­ben, sind für uns un­ver­ständ­lich.“

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