Mord an ei­nem Kunst-jüng­ling

Am Thea­ter Nord­hau­sen wird mor­gen Chris­toph Eh­ren­fell­ners Bal­lett „Die Kra­ni­che des Iby­kus“ur­auf­ge­führt

Thüringische Landeszeitung (Eisenach) - - KULTUR & FREIZEIT - VON WOLF­GANG HIRSCH

NORD­HAU­SEN. Nur kurz währt das Idyll auf der kah­len Büh­ne. Ein Jüng­ling, das grie­chi­sche Wort für „Kunst“auf den Rü­cken tä­to­wiert, hat sich auf den Weg ge­macht zu den Isth­mi­schen Spie­len von Korinth, ei­ner Art Kul­tur-olym­pia­de. Ein viel­stim­mi­ges Vo­gel­stim­men­kon­zert be­glei­tet sei­nen ge­schmei­di­gen Schritt, freu­dig grüßt er die Kra­ni­che.

Kurz vor der Stadt taucht er – Iby­kus, der pro­mi­nen­te Sän­ger und Ly­ri­ker – ein in ein Bir­ken­ge­hölz. Zwei Ge­stal­ten lau­ern ihm auf, ein Tut­tisch­lag tönt aus dem Orches­ter­gra­ben, und in bra­chia­ler, stie­ben­der Mo­to­rik ent­spinnt sich ein Kampf auf Le­ben und Tod.

Iby­kus hat kei­ne Chan­ce ge­gen sei­ne Mör­der, nur die Vö­gel sind Zeu­gen des klan­des­ti­nen Ver­bre­chens. So be­ginnt Fried­rich Schil­lers be­rühm­te Bal­la­de „Die Kra­ni­che des Iby­kus“– und eben­so das gleich­na­mi­ge Bal­lett von Chris­toph Eh­ren­fell­ner (Musik) und Ivan Al­bo­re­si (Cho­reo­gra­fie). Mor­gen Abend fei­ert das Bal­lett in Nord­hau­sen die mit Span­nung er­war­te­te Urauf­füh­rung. Nach Eh­ren­fell­ners Büh­nen­mu­sik zu Kaf­kas „Ver­wand­lung“und ei­ner „Lu­ther-sym­pho­nie“ist es das drit­te Auf­trags­werk, dass er als Com­po­ser in Re­si­dence für das Nord­häu­ser Thea­ter ge­schrie­ben hat. Ein Wag­nis in je­der Hin­sicht.

Doch der 42-jäh­ri­ge Ton­schöp­fer aus Klos­t­er­neu­burg bei Wi­en hat in der Kle­in­stadt am Harz­rand längst Fuß ge­fasst. Nicht nur, weil er aus der Mu­sik­pra­xis kommt und sich gar nicht ge­niert, mal ein Strauß-kon­zert zum Fa­sching zu di­ri­gie­ren oder für ei­nen be­vor­ste­hen­den ba­ro­cken Duo-abend – zu­sam­men mit Ka­pell­meis­ter Hen­ning Eh­lert am Cem­ba­lo – die Al­lon­ge-pe­rü­cke über­zu­strei­fen, Son­dern auch, weil er mit der „Lu­ther-sym­pho­nie“ei­ne Duft­mar­ke ge­setzt hat. Man fühlt, man ver­steht ihn. Sei­ne Musik ze­le­briert sich nicht als Ge­heim­spra­che, auf dem Fun­da­ment des To­na­len wirkt sie of­fen und ehr­lich und gibt sich oh­ne An­bie­de­rung, aber be­kennt­nis­haft den Zu­hö­rern preis. Nicht bloß in Nord­hau­sen schätzt man die­se Un­er­hört­heit, er­hört sein zu wol­len: Leif Se­ger­stam, der nam­haf­te fin­ni­sche Di­ri­gent und Kom­po­nis­ten­kol­le­ge, hat die Sym­pho­nie jetzt für Os­tern 2019 in Tur­ku pro­gram­miert.

Eben­so wird der „Iby­kus“sei­nen Weg ma­chen; das ver­rät schon der ers­te Ein­druck von der Büh­nen­or­ches­ter­pro­be. Un­s­trit­tig hat Stra­wins­kys „Sa­cre“Pa­te ge­stan­den, die Blä­ser­cho­rä­le er­in­nern an Hin­de­mith, in ei­ner Trau­er­mu­sik schwingt der Geist Schu­manns mit, und durch ein paar Zi­ta­te spie­len et­wa Beet­ho­vens „Schick­sals­sym­pho­nie“und Hum­per­dincks „Hän­sel und Gre­tel“mit hin­ein. Und doch ist‘s bei all­dem

„Es ist nicht die Fra­ge, ob man schwer oder leicht schreibt. Son­dern die Fra­ge ist, ob man die Schuh­grö­ße hat wie ein Schöp­fer der gro­ßen Bal­let­te.“

Chris­toph Eh­ren­fell­ner, Kom­po­nist

im­mer ori­gi­när Eh­ren­fell­ner. Dem Dri­ve sei­ner Musik kann sich nie­mand ent­zie­hen. „Chris­toph fin­det sei­ne ei­ge­ne Ton­spra­che“, ur­teilt auch Hen­ning Eh­lert. Da­bei hat es der Ka­pell­meis­ter über­haupt nicht leicht da­mit. Hand­werk­lich stellt das Werk höchs­te An­sprü­che und bie­tet in 50 Mi­nu­ten mehr Takt­wech­sel als ei­ne gan­ze Puc­ci­ni-oper.

Den Zu­hö­rer stört das si­cher nicht. Er wird Zeu­ge ei­nes atem­be­rau­ben­den Kri­mi­nal­falls auf der Büh­ne. Am En­de klä­ren, wie bei Schil­ler, me­ta­phy­si­sche Kräf­te den ge­mei­nen Mord an dem Kunst-jüng­ling Iby­kus auf. Ivan Al­bo­re­si be­schwört da­zu kei­ne Schick­sals­mäch­te, bei ihm ist es die Kunst selbst, die als abs­trak­te In­stanz den Fre­vel an ih­rem Prot­ago­nis­ten auf­klärt. „Sieh da, sieh da Ti­mo­theus ...“

Man merkt dem jun­gen Cho­reo­gra­fen prompt an, wie er die­se Musik ins Herz ge­schlos­sen hat. „Sie hat et­was Fil­mi­sches“, sagt Al­bo­re­si, „mo­dern und trotz­dem me­lo­disch.“

Für ihn ist es zwar nicht die ers­te Urauf­füh­rung in sei­ner Kar­rie­re, doch nie zu­vor hat­te er es bei ei­ner Ar­beit di­rekt mit dem Kom­po­nis­ten im Ent­ste­hungs­pro­zess zu tun. Er er­zählt, wie er im Som­mer 2016 in Ita­li­en von Eh­ren­fell­ner an­ge­ru­fen wur­de und man sich aus ei­nem Port­fo­lio an Mög­lich­kei­ten schnell auf den klas­si­schen Schil­ler-stoff ver­stän­digt hat. Wie er als­bald das Li­bret­to als Ar­beits­grund­la­ge be­kam und dann doch lan­ge, ziem­lich lan­ge auf die Par­ti­tur war­ten muss­te. Zu­erst nur ein Par­ti­cell, erst im Ja­nu­ar hat­te Eh­ren­fell­ner die In­stru­men­tie­rung ab­ge­schlos­sen.

Das hat die in­ter­ne Span­nung frag­los er­höht. Jetzt ar­bei­tet man vol­ler Zu­ver­sicht dem gro­ßen Abend ent­ge­gen, un­ter­des­sen Chris­toph Eh­ren­fell­ner schon wei­ter­denkt. „Es ist nicht die Fra­ge, ob man schwer oder leicht schreibt“, be­fin­det der Kom­po­nist. „Son­dern die Fra­ge ist, ob man die Schuh­grö­ße hat wie ein Schöp­fer der gro­ßen Bal­let­te.“

Klar: Wer mit Schil­ler um­geht und sich an Stra­wins­ky misst, trägt das Selbst­ver­ständ­nis als mo­der­ner Klas­si­ker im Her­zen. Am En­de – und das ist die Bot­schaft des „Iby­kus“– geht es um die Kunst.

Die­se Hal­tung und sei­ne Ener­gie ha­ben Eh­ren­fell­ner in­zwi­schen über­re­gio­na­le Wahr­neh­mung ver­schafft. Zu­dem hat sei­ne „Sui­te des Al­pes“für Vio­li­ne al­lein in Wi­en und New York Fu­ro­re ge­macht. Jetzt ar­bei­tet er schon an den nächs­ten Pro­jek­ten: Er schreibt ein Kla­vier­kon­zert, das nicht zu­fäl­lig die Schu­bert-al­lu­si­on „Wan­de­rer“, im Un­ter­ti­tel tra­gen wird, für die Liszt-bi­en­na­le 2019 in Wei­mar, und für Nord­hau­sen steht noch das vor­läu­fi­ge Ma­gnum Opus, ein Oper­nein­ak­ter, aus. Der soll mit Puc­ci­nis „Gi­an­ni Schic­chi“kom­bi­niert wer­den und könn­te, so­viel ver­rät Eh­ren­fell­ner, ei­ne Art ku­rio­se Vor­ge­schich­te zur flo­ren­ti­ni­schen Erb­las­ser-ko­mö­die bie­ten.

In Nord­hau­sen stellt Bal­lett­chef Al­bo­re­si den „Kra­ni­chen des Iby­kus“die in­ti­me Ar­beit „In Parts/to gather“in der Cho­reo­gra­fie von Ke­vin O‘day vor­an. Die Musik da­zu lie­fert Jo­hann Se­bas­ti­an Bach mit der „Kunst der Fu­ge“und So­na­ten und Par­ti­ten für Vio­li­ne und für Cel­lo so­lo – zeit­los mo­dern. Da ist ein Eh­ren­fell­ner in gu­ter Ge­sell­schaft...

Frei­tag, . Uhr, Thea­ter Nord­hau­sen

Die Kra­ni­che sind die treu­en Be­glei­ter des Iby­kus auf sei­nem Weg zu den Fest­spie­len von Korinth. Fo­to: An­drás Do­bi

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