Zur Per­son

Thüringische Landeszeitung (Gera) - - POLITIK -

Fran­zis­ka Gif­fey: Mir macht bei­des Sor­gen. Ein Mensch ist in Chem­nitz ge­stor­ben, das ist ein schreck­li­cher Vor­fall. Es ist ganz klar, dass Men­schen dar­auf hoch emo­tio­nal re­agie­ren. Auch des­halb, weil es lei­der kein Ein­zel­fall ist. Doch auch das, was in Chem­nitz folg­te, be­rei­tet mir gro­ße Sor­ge. Über­ra­schend ist ja nicht, dass es rechts­ra­di­ka­le Grup­pie­run­gen gibt, über­ra­schend war die Mas­si­vi­tät, mit der sie öf­fent­lich auf­ge­tre­ten sind. In kür­zes­ter Zeit wur­de aus ganz Deutsch­land mo­bi­li­siert. Das ist ein Pro­blem, bei dem wir nicht zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen dür­fen.

Ha­ben die Er­eig­nis­se von Chem­nitz und Kö­then das Land ver­än­dert?

Was ich an vie­len Stel­len er­le­be, ist ei­ne Po­la­ri­sie­rung und Ver­ro­hung der Spra­che. Da ist es auch nicht hilf­reich, wenn der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter er­klärt, die Mi­gra­ti­on sei die Mut­ter al­ler Pro­ble­me. In Deutsch­land le­ben 20 Mil­lio­nen Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, von de­nen vie­le hier ar­bei­ten, Steu­ern zah­len und Kin­der groß­zie­hen. Wenn man all de­nen sagt, sie sei­en die Ur­sa­che für al­le Pro­ble­me, dann ist das fa­tal. Das führt zu Ver­wer­fun­gen. Wie will man das wie­der­gut­ma­chen? Mein „Mut­ter-Satz“geht an­ders. Ich sa­ge: Die Mut­ter gu­ter Po­li­tik ist die An­schau­ung vor Ort. Das ist ein Po­li­tik­prin­zip, das da­von lebt, dass man sich erst ein­mal Ich ver­ste­he gut, dass die Emo­tio­nen hoch­ko­chen, wenn man hört, wie die AfD ar­gu­men­tiert. Die Kri­tik, die Mar­tin Schulz ge­äu­ßert hat, tei­le ich. Es war gut, hier sehr klar zu re­agie­ren. Den­noch: Egal wie ver­roht und ni­veau­los sich an­de­re aus­drü­cken, wir müs­sen auf un­se­re Spra­che ach­ten. Men­schen ge­hö­ren nicht auf den Mist­hau­fen. Po­li­tik darf ei­nen sol­chen Um­gang nicht vor­le­ben. Je ni­veau­lo­ser an­de­re wer­den, des­to mehr Ni­veau müs­sen wir be­wei­sen.

Sie be­kla­gen Ver­ro­hung und Po­la­ri­sie­rung – was hilft da­ge­gen?

Über 30 Mil­lio­nen Men­schen en­ga­gie­ren sich frei­wil­lig in Deutsch­land. Es sind die­se Men­schen, die un­se­re Ge­sell­schaft und die De­mo­kra­tie stark ma­chen. Die­sen En­ga­gier­ten will ich den Rü­cken stär­ken. Da­zu ha­be ich un­ser Bun­des­pro­gramm „De­mo­kra­tie le­ben!“ent­fris­tet. Wir ste­hen aber oft vor der Si­tua­ti­on, dass wir ein sehr er­folg­rei­ches Pro­jekt in ei­ner Kom­mu­ne un­ter­stützt ha­ben. Die ehe­ma­li­ge Be­zirks­bür­ger­meis­te­rin von Ber­lin-Neu­kölln ist seit sechs Mo­na­ten Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin – und da­mit auch zu­stän­dig für die Bun­des­pro­gram­me ge­gen Ex­tre­mis­mus und zur De­mo­kra­tie­för­de­rung. Die 40-Jäh­ri­ge wur­de in Frank­furt (Oder) ge­bo­ren. Ne­ben ei­nem Ab­schluss als Di­plom-Ver­wal­tungs­wir­tin hat Gif­fey ei­nen Dok­tor­ti­tel im Be­reich Po­li­tik­wis­sen­schaft. Die SPD-Po­li­ti­ke­rin lebt heu­te mit ih­rem Ehe­mann und ih­rem Sohn in Ber­lin. Dann müss­te es ei­gent­lich wei­ter­ge­hen. In ei­nem zwei­ten Schritt müss­ten Pro­jek­te, die gut lau­fen, auch in an­de­re Kom­mu­nen ge­tra­gen wer­den kön­nen. Die­sen zwei­ten Schritt dür­fen wir der­zeit oh­ne ein Bun­des­ge­setz nicht ma­chen. Ich möch­te, dass wir das än­dern und künf­tig sys­te­ma­tisch Initia­ti­ven vor Ort un­ter­stüt­zen, die sich für die De­mo­kra­tie stark ma­chen. Des­halb ar­bei­te ich für ein De­mo­kra­tie­för­der­ge­setz.

Sind Sie auch für ein ver­pflich­ten­des Di­enst­jahr für Schul­ab­gän­ger?

Ich fin­de es rich­tig, wenn jun­ge Leu­te sich für ein Jahr ver­pflich­ten. Ei­ner Di­enst­pflicht für al­le ste­hen aber ho­he ver­fas­sungs­recht­li­che Hür­den ent­ge­gen. Ich Ja, ich se­he der­zeit Ge­fah­ren für un­se­re De­mo­kra­tie, und ich füh­le mich be­dau­er­li­cher­wei­se be­stärkt, wenn ich se­he, wie die AfD im Bun­des­tag auf­tritt. Ich ver­ste­he gut, dass Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund es mit der Angst zu tun be­kom­men. Das dür­fen wir nicht hin­neh­men. Un­se­re De­mo­kra­tie ist stark. Aber wir müs­sen auch be­reit sein, sie zu ver­tei­di­gen. Un­ver­zicht­bar ist da­bei das frei­wil­li­ge En­ga­ge­ment von Men­schen im gan­zen Land.

Fran­zis­ka Gif­fey (hier in ih­rem Bü­ro) be­klagt ei­ne Ver­ro­hung der Spra­che – und kri­ti­siert da­mit auch Par­tei­freund Mar­tin Schulz, der die AfD auf den „Mist­hau­fen“ge­wünscht hat­te. Fo­to: Re­to Klar Sprach­li­che Ver­ro­hung ist ver­brei­tet. Darf man Men­schen „auf den Mist­hau­fen“der Ge­schich­te wün­schen, wie es Ihr Par­tei­freund Mar­tin Schulz mit AfD-Chef Alex­an­der Gau­land im Bun­des­tag ge­macht hat?

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