Flug ver­spä­tet: So gibt es Ent­schä­di­gung

Ab ei­ner Ver­zö­ge­rung von drei St­un­den kön­nen Pas­sa­gie­re Geld ver­lan­gen. Hil­fe bie­ten In­ter­net­por­ta­le – doch die ver­lan­gen ho­he Pro­vi­sio­nen

Thüringische Landeszeitung (Jena) - - RATGEBER - VON SONJA FRÖH­LICH

BER­LIN. In der Ab­flug­hal­le des Flug­ha­fens auf Fu­er­teven­tura sind vie­le ver­är­ger­te Ge­sich­ter zu se­hen. Meh­re­re Flü­ge ha­ben stun­den­lang Ver­spä­tung. Am här­tes­ten trifft es die­je­ni­gen, die mit TUIfly zu­rück nach Ber­lin wol­len: Sie müs­sen mehr als acht St­un­den auf ih­ren Flug war­ten. Vie­le har­ren schon seit dem frü­hen Mor­gen am Air­port aus.

Das ist ein Fall, bei dem Hel­ga Sz­abo ih­re Vi­si­ten­kar­ten am bes­ten un­ter die Leu­te bringt. Sie ist Mit­ar­bei­te­rin ei­nes Flug­gast­rech­te-Por­tals und zu­fäl­lig un­ter den War­ten­den, wie sie sagt. Vie­le Flug­hä­fen ver­bie­ten den An­bie­tern, Wer­bung in den Ter­mi­nals für sich zu ma­chen, weil sie die Flug­ge­sell­schaf­ten nicht ver­är­gern wol­len. Die Chan­cen auf ei­ne Ent­schä­di­gung für die TUIfly-Pas­sa­gie­re ste­hen gut: Ab ei­ner Ver­spä­tung von drei St­un­den kön­nen Rei­sen­de Geld fürs War­ten ver­lan­gen. Vor­aus­set­zung ist: Sie müs­sen in ei­nem EU-Land ge­star­tet sein. Oder im Fall ei­nes Flug­an­tritts au­ßer­halb der EU muss die Flug­ge­sell­schaft ih­ren Sitz in der Eu­ro­päi­schen Uni­on ha­ben und das Flug­ziel in ei­nem Mit­glied­staat lie­gen. Die Re­geln hat Brüs­sel be­reits im Jahr 2005 in die Flug­gast­rech­te-Ver­ord­nung ge­schrie­ben.

Da­nach rich­tet sich die Hö­he des An­spruchs nach Ver­spä­tung und Stre­cke. Bei Flug­stre­cken bis 1500 Ki­lo­me­ter ste­hen Pas­sa­gie­ren 250 Eu­ro, ab 1500 bis 3500 Ki­lo­me­tern 400 Eu­ro zu. Bei Stre­cken über 3500 Ki­lo­me­ter kön­nen Be­trof­fe­ne 600 Eu­ro ver­lan­gen, hat sich der Flug in die­sem Fall al­ler­dings um höchs­tens vier St­un­den ver­spä­tet, kann die Ent­schä­di­gung hal­biert wer­den. Ver­schiebt sich der Ab­flug auf den nächs­ten Tag, muss die Ge­sell­schaft zu­sätz­lich für Über­nach­tung und Trans­fer auf­kom­men.

Grund­sätz­lich ist die Air­line laut der Ver­ord­nung schon ab zwei St­un­den Ver­spä­tung in der Pflicht, War­ten­de zu ver­pfle­gen und ih­nen zwei Te­le­fo­na­te, EMails oder Fa­xe zu er­mög­li­chen. Was das Flug­ti­cket ge­kos­tet hat, spielt da­bei kei­ne Rol­le. Das gilt auch für Bil­lig­flie­ger und Pau­schal­rei­sen. Nach neu­er­li­chen Ur­tei­len des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­ho­fes gel­ten die An­sprü­che so­gar für ver­spä­te­te An­schluss­flü­ge au­ßer­halb Eu­ro­pas und auch dann, wenn Flug­zeug und Be­sat­zung ge­char­tert sind.

Geld gibt es aber nur dann, wenn kei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­chen Um­stän­de – Stichwort hö­he­re Ge­walt – vor­lie­gen, die die Ge­sell­schaft nicht be­ein­flus­sen konn­te, „ob­gleich vom be­tref­fen­den Luft­fahrt­un­ter­neh­men al­le zu­mut­ba­ren Maß­nah­men er­grif­fen wur­den, um die Ver­spä­tun­gen oder An­nul­lie­run­gen zu ver­hin­dern“, wie es in der EUVer­ord­nung heißt. Da­zu ge­hö­ren Un­wet­ter, po­li­ti­sche In­sta­bi­li­tät, Si­cher­heits­ri­si­ken, Vo­gel­schlag oder Streiks, wo­bei Letz­te­res da­von ab­hängt, ob die Si­tua­ti­on für die Air­line wo­mög­lich doch be­herrsch­bar war.

Um die For­de­run­gen zu stel­len, ha­ben Ver­brau­cher meh­re­re Mög­lich­kei­ten: Sie kön­nen sich di­rekt an die Air­line wen­den, ei­nen Rechts­an­walt ein­schal­ten oder ei­nes der mitt­ler­wei­le Dut­zen­den Por­ta­le für Flug­gast­rech­te wie Fligh­tright, Airhelp oder EUC­laim be­auf­tra­gen. Bei den On­li­ne-An­bie­tern reicht es zu­meist, ein On­li­neFor­mu­lar mit we­ni­gen An­ga­ben aus­zu­fül­len. Die Di­ens­te set­zen An­sprü­che auf Ent­schä­di­gung nach der EU-Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung meist im In­kas­so-Ver­fah­ren durch. Ge­ge­be­nen­falls zie­hen sie vor Ge­richt. Der Ver­brau­cher muss sich um so gut wie nichts küm­mern.

Die Pro­vi­sio­nen im Er­folgs­fall fal­len hap­pig aus: Die so­ge­nann­ten Flug­gast­hel­fer ver­lan­gen meist fast ein Drit­tel der Ent­schä­di­gungs­sum­me. Und es kann Mo­na­te dau­ern, bis sie das Geld über­wei­sen.

Schnel­ler geht’s per So­fort­ent­schä­di­gung. Vie­le Por­ta­le bie­ten die Op­ti­on an, wenn sie na­he­zu si­cher sind, dass die Air­line zah­len muss. Kon­kret: Die Un­ter­neh­men prü­fen die Er­folgs­aus­sich­ten. Sind die­se po­si­tiv, er­hal­ten die Kun­den ein An­ge­bot, ih­re Ent­schä­di­gungs­for­de­rung an die Fir­ma zu „ver­kau­fen“und das Geld in­ner­halb von ein bis zwei Ta­gen zu er­hal­ten. Auch wenn sich der An­bie­ter nicht bei der Flug­li­nie durch­set­zen kann, kann er vom Kun­den nichts mehr zu­rück­for­dern. Die Kos­ten lie­gen al­ler­dings noch hö­her: Zu­meist wer­den dem Kun­den mehr als 40 Pro­zent der Aus­gleichs­sum­me ab­ge­zo­gen.

Die Ver­brau­cher­schüt­zer von Fi­nanz­tip ra­ten Pas­sa­gie­ren des­halb, die Air­line erst mal selbst zu be­lan­gen. Mus­ter­schrei­ben gibt es auf den In­ter­net­sei­ten von Fi­nanz­tip oder dem ADAC. Aber: Die Flug­ge­sell­schaf­ten tun sich schwer, das Geld frei­mü­tig aus­zu­zah­len. Die Ent­schä­di­gun­gen sind ein nicht un­we­sent­li­cher Kos­ten­fak­tor für sie. In Deutsch­land sum­mie­ren sich die For­de­run­gen auf rund 800 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr. Des­halb ver­su­chen die Li­ni­en mög­lichst, die Zah­lun­gen zu um­schif­fen, in­dem sie an­ge­ben, die Ver­spä­tun­gen nicht selbst ver­schul­det zu ha­ben.

Im Fall des acht St­un­den ver­spä­te­ten Flie­gers von Fu­er­teven­tura gab es für die Kun­den des Flug­gast­rech­te­por­tals nach we­ni­gen Mo­na­ten ei­ne gu­te Nach­richt. Sie er­hiel­ten von TUI fly 400 Eu­ro Ent­schä­di­gung – ab­züg­lich der Pro­vi­si­on wur­den 276,24 Eu­ro über­wie­sen.

Gilt auch für Bil­lig­flie­ger und Pau­schal­rei­sen

Fo­to: Bo­do Marks, dpa pa

Wer schnell sein Geld ha­ben möch­te, kann es per So­fort­ent­schä­di­gung ver­su­chen. Das las­sen sich die Por­ta­le aber ei­ni­ges kos­ten.

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