Neue Spur im Fall Beck­mann

Frau­en, die ei­ne un­ge­woll­te Schwan­ger­schaft le­gal be­en­den wol­len, wer­den nur be­dingt über die tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten in­for­miert

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - ERSTE SEITE - VON GER­LIN­DE SOM­MER

Die Jena­er Po­li­zei hat neue Hoff­nung, den Fall des 1993 ums Le­ben ge­kom­me­nen Jun­gen Bernd Beck­mann auf­klä­ren zu kön­nen: Nach er­neu­ter Aus­wer­tung der Ak­ten kon­zen­triert sich die So­ko auf ei­nen an­ony­men Brief vom Ju­li 1993 mit Hin­wei­sen zu den To­des­um­stän­den des da­mals Neun­jäh­ri­gen aus Je­na, wie es am Don­ners­tag hieß. Die Po­li­zei bit­tet nun den Ver­fas­ser des Brie­fes, sich zu mel­den. Er wer­de als wich­ti­ger Zeu­ge in dem Mord­fall an­ge­se­hen. Der Jun­ge war am 6. Ju­li 1993 ver­schwun­den, sein Leich­nam wur­de 12 Ta­ge spä­ter am Saal­eu­fer ent­deckt. (red)

Ein­fach mal schnell bei Goog­le die Fra­ge ein­ge­ben: Wel­che Ärz­te trei­ben ab? Die obers­te Ant­wort, die das Such­sys­tem lie­fert, ver­weist auf mäd­chen.de – und lie­fert vie­le In­for­ma­tio­nen rund um un­ge­woll­te Schwan­ger­schaft, Be­ra­tung, recht­li­che La­ge und die Me­tho­den der Ab­trei­bung. Das ist al­les hilf­reich – und durch­aus sach­lich ge­hal­ten. Was nicht aber be­ant­wor­tet wird, ist die Fra­ge nach kon­kre­ten Adres­sen.

Nächs­te An­fra­ge: Arzt oder Ärz­tin für Ab­trei­bung in Thü­rin­gen. Der obers­te Ein­trag ist auf die ers­te Hälf­te des Jahr­zehnts da­tiert, als ei­ne Frau an­geb­lich im Na­men ei­ner Freun­din nach ei­nem sol­chen Arzt in Je­na such­te – und ei­ne Nut­ze­rin schrieb: „Vor ei­nem Schwan­ger­schafts­ab­bruch wird sie bei ei­ner an­er­kann­ten Be­ra­tungs­stel­le ein Ge­spräch ma­chen müs­sen. Da­bei wird sie in­for­miert, wo über­all in der Re­gi­on ein Ab­bruch und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen (am­bu­lant/sta­tio­när/Voll­nar­ko­se/Lo­kala­n­äs­the­sie/me­di­ka­men­tös) mög­lich ist. So­mit er­üb­rigt sich wohl die Fra­ge, wür­de ich mal an­neh­men.“

Mag sein, dass das in Thü­rin­gen so ist. In an­de­ren Bun­des­län­dern, vor al­lem in Bay­ern, aber ist es oft nicht weit her mit die­ser In­for­ma­ti­on. Und Ärz­te tun sich schwer mit der In­for­ma­ti­on. Wer wüss­te das bes­ser als die All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin Kris­ti­na Hä­nel. Sie hat die De­bat­te über Ab­trei­bungs­ge­set­ze in Deutsch­land neu auf­ge­rollt, weil sie auf ih­rer In­ter­net­sei­te Ab­trei­bung als Leis­tung an­bot.

Was aus Hä­nels Sicht In­for­ma­ti­on dar­stellt, ist nach dem Ur­teil des Amts­ge­richts Gie­ßen un­er­laub­te Wer­bung. Pa­ra­graf 219a ver­bie­tet Wer­bung – von Ärz­tin­nen und Ärz­ten, die Schwan­ger­schafts­ab­brü­che durch­füh­ren. Des­halb wur­de Hä­nel im No­vem­ber 2017 zu 6000 Eu­ro Stra­fe ver­ur­teilt. Hä­nel lässt die­ses Ur­teil nicht auf sich be­ru­hen und will – falls nö­tig – durch al­le In­stan­zen ge­hen. Sie er­klärt, dass mit dem 219a sach­li­ches In­for­mie­ren un­mög­lich ge­macht wer­de. Nach dem Ur­teil ge­gen die Me­di­zi­ne­rin ent­brann­te die De­bat­te neu, ob mehr In­for­ma­ti­ons­rech­te für Frau­en beim The­ma Ab­trei­bung er­laubt wer­den sol­len. Wer die jet­zi­ge Aus­le­gung des 219a kri­ti­siert, ver­langt ei­nen an­de­ren Um­gang mit der auch un­ge­wollt Schwan­ge­ren zu­ste­hen­den In­for­ma­ti­ons­frei­heit mit Blick auf das Recht der frei­en Wahl in der Be­hand­lung. Mit der Ein­schrän­kung wird auch ein Ein­griff in die Be­rufs­frei­heit ver­bun­den.

Wenn Be­ra­tungs­stel­len ih­re Pflicht ver­wei­gern

Je­ne, die Ab­trei­bun­gen grund­sätz­lich ab­leh­nen, se­hen sich in ih­ren For­de­run­gen be­stä­tigt, Frau­en den Schritt zur Be­en­di­gung des Ab­bruchs mög­lichst durch ei­ne Viel­zahl von Hür­den zu er­schwe­ren und so mehr Zeit für ein Um­den­ken zu er­rei­chen. Da­hin­ter steckt die blo­ße Be­haup­tung, dass Frau­en je leich­ter ih­nen der Weg zu Ab­trei­bung ge­macht wird, des­to leicht­fer­ti­ger mit die­ser Ent­schei­dung um­ge­hen. Be­le­ge für die­se dis­kri­mi­nie­ren­de Ein­schät­zung lie­gen al­ler­dings nicht vor.

In der Ein­la­dung zu der am Sams­tag in Erfurt statt­fin­den­den De­bat­te um den Pa­ra­graf 219a und die Rech­te der Frau­en heißt es da­zu: Wie emo­tio­nal die De­bat­te ge­führt wird, zei­gen die sprach­li­chen Ge­schüt­ze, die hier auf­ge­fah­ren wer­den. Dort wer­den Ärz­tin­nen und Ärz­te, die Ab­trei­bun­gen durch­füh­ren, zum Bei­spiel als „Tö­tungs­spe­zia­lis­ten“und „Mör­der“be­zeich­net.

Zu­rück zur Su­che nach de­tail­lier­ten In­for­ma­tio­nen über Ab­trei­bungs­ärz­te schreibt ei­ne Frau im In­ter­net: Auch über Rück­mel­dung zwecks Qua­li­tät der me­di­zi­ni­schen und mensch­li­chen Be­hand­lung ist die Be­ra­tungs­stel­le der rich­ti­ge An­lauf­punkt. Of­fen­bar will kaum je­mand öf­fent­lich dar­über re­den, ob­wohl doch ge­ra­de die­se Aus­nah­me­si­tua­ti­on bei den be­tref­fen­den

Frau­en von vie­len Ängs­ten be­glei­tet wird – auch der Angst, in Pra­xen oder Kli­ni­ken ab­schät­zig be­han­delt oder gar ab­ge­lehnt zu wer­den.

Die Ärz­tin Kris­ti­na Hä­nel ist schon im­mer of­fen mit dem The­ma Ab­trei­bung um­ge­gan­gen. Im­mer wie­der gab es da­her An­zei­gen ge­gen sie. Ihr wur­de vor­ge­wor­fen, sie ha­be für die­se me­di­zi­ni­sche Leis­tung ge­wor­ben. Doch wäh­rend in frü­he­ren Jah­ren sol­che An­zei­gen of­fen­bar im San­de ver­lie­fen, hat sich mitt­ler­wei­le die Si­tua­ti­on ge­än­dert. 6000 Eu­ro Stra­fe soll sich für den blo­ßen Hin­weis auf ih­rer

In­ter­net­sei­te be­zah­len, ur­teil­te das Amts­ge­richt. Am 6. Sep­tem­ber kommt der Fall vor das Land­ge­richt Gie­ßen.

„Wenn al­ler­dings der Pa­ra­graf 219a so aus­ge­legt wird, dass auch je­de sach­li­che In­for­ma­ti­on ver­bo­ten ist, dann wi­der­spricht das völ­lig mei­nem Ver­ständ­nis von Me­di­zin, Auf­klä­rung und Frau­en­rech­te“, sagt sie im Ge­spräch mit die­ser Zei­tung. „Ich fin­de, der 219a muss ver­än­dert oder ab­ge­schafft wer­den. So wie es jetzt ist, kann es nicht blei­ben in ei­ner mo­der­nen de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft“, sagt sie. Al­ler­dings sei dar­über der­zeit kei­ne

Ei­ni­gung mit CDU/CSU zu er­zie­len, weiß sie um die De­bat­ten im po­li­ti­schen Raum – und um die da­mit ver­bun­de­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung.

War­um ar­me Frau­en ei­nen Kre­dit auf­neh­men

Hä­nels Fall hat mit da­für ge­sorgt, dass die meis­ten Ärz­te kei­ne Hin­wei­se mehr ge­ben. Der­zeit lau­fe in Deutsch­land noch ei­ne wei­te­re An­kla­ge; Ge­richts­ter­min sei in je­nem Fall En­de Au­gust in Kas­sel. In Ber­lin ha­be

es wei­te­re An­zei­gen ge­ge­ben – ob es zur An­kla­ge kom­me, sei aber dort noch of­fen. In all die­sen Fäl­len ge­he es je­weils um die Gestal­tung der In­ter­net­sei­te.

Die Si­cher­stel­lung, dass Frau­en Adres­sen für den recht­mä­ßi­gen Schwan­ger­schafts­ab­bruch fin­den, liegt bei den Län­dern. „Aber es hängt mo­men­tan von der Will­kür der Ärz­te und Be­ra­tungs­stel­len ab, ob dort die Adres­se wei­ter­ge­ge­ben wer­den“, so Hä­nel. Da­zu muss man wis­sen: Der zu­nächst auf­ge­such­te Arzt darf nach der er­folg­ten Be­ra­tung nicht die Ab­trei­bung vor­neh­men. „Es gibt teil­wei­se ein gro­ßes Pro­blem mit Do­num Vi­tae, wo zum Teil die Adres­sen nicht her­aus­ge­ge­ben wer­den. Und es gibt ein gro­ßes Pro­blem in Bay­ern, wo ei­gent­lich al­le Be­ra­tungs­stel­len ge­hal­ten sind, kei­ne Adres­sen her­aus­zu­ge­ben“, sagt sie.

In Thü­rin­gen, meint Hä­nel mit Blick auf die ost­deut­sche Ge­schich­te, kön­ne man sich das viel­leicht gar nicht so vor­stel­len, „aber in den al­ten Bun­des­län­dern hat man oft die mo­ra­li­sche Sicht auf das The­ma – und des­halb wer­den die Adres­sen nicht wei­ter­ge­ge­ben“. Hin­zu kom­me, dass den Frau­en auch die In­for­ma­ti­on über die Me­tho­den vor­ent­hal­ten wür­den. „Sie wer­den qua­si un­mün­dig ge­hal­ten“bei die­sem The­ma, so ih­re Ein­schät­zung.

Die Fol­gen sind nicht we­ni­ger Ab­trei­bun­gen, son­dern hö­he­re pri­va­te Kos­ten, et­wa wenn be­dürf­ti­ge Frau­en in Bay­ern kei­nen Arzt für die Ab­trei­bung fin­den und dann nach Ös­ter­reich aus­wei­chen. Die Kos­ten­über­nah­me ist in die­sem Fall al­ler­dings aus­ge­schlos­sen. In der Fol­ge müs­se dann die Frau, die sich ein wei­te­res Kind nicht leis­ten kön­ne, ei­nen Kre­dit über et­wa 800 Eu­ro auf­neh­men, um die Ab­trei­bung im Aus­land zu fi­nan­zie­ren, er­läu­tert die Ärz­tin. „Das sind Zu­stän­de, die kön­nen sich die Thü­rin­ge­rin­nen viel­leicht in die­ser dras­ti­schen Hin­sicht nicht vor­stel­len. Und auch in Leip­zig, ha­be ich kürz­lich ge­hört, gibt es kein Adress­pro­blem“, meint sie.

Wenn aber in Be­ra­tungs­stel­len ge­mau­ert wird, wür­de ich bei der Adress­su­che im Netz am schnells­ten fün­dig bei ba­by­caust.de – der In­ter­net­sei­te der Ab­trei­bungs­geg­ner, die be­reits durch ih­ren Ver­weis auf den Ho­lo­caust deut­lich ma­chen, wel­che Rol­le sie Ärz­ten und Schwan­ge­ren zu­wei­sen, die ei­nen Ab­bruch vor­neh­men. „Auf die Sei­te möch­ten sie gar nicht ge­hen“, warnt mich Ärz­tin Hä­nel – und als ich es doch tue, kann ich ih­ren Rat auf den ers­ten Blick nach­voll­zie­hen.

Um­so wich­ti­ger wä­re aus Hä­nels Sicht, dass fest­ge­stellt wür­de, dass Pa­ra­graf 219a mitt­ler­wei­le „ver­fas­sungs­wid­rig ist, weil er aus ei­ner Zeit stammt, als Ab­trei­bung il­le­gal war“. Die jet­zi­ge La­ge wi­der­spre­che auch EU-Recht, hebt sie her­vor. Wo­bei: Schwan­ger­schafts­ab­bruch steht im deut­schen Straf­ge­setz­buch – und zwar un­ter den Tö­tungs­de­lik­ten –, und der Ab­bruch bleibt nur un­ter be­stim­men Be­stim­mun­gen straf­frei. „Das ist das Grund­pro­blem“, macht die Ärz­tin deut­lich.

Die Zahl der Ab­trei­bun­gen bleibt an­hal­tend nied­rig. Ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch in den ers­ten drei Mo­na­ten ist – zum Schutz des un­ge­bo­re­nen Le­bens – nur un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen mög­lich. Frau­en, die für den Ein­griff me­di­zi­ni­sche Hil­fe su­chen, kön­nen sich nur ein­ge­schränkt in­for­mie­ren. Fo­to: Pe­ter En­dig; Gra­fik: Glo­bus/dpa

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