Über Par­la­men­te

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - KULTUR & FREIZEIT - VON JOE LITT­LE

Am Vor­mit­tag hat Han­si sich von ei­ner schwar­zen Li­mou­si­ne ab­ho­len las­sen. Er war schon wie­der rei­se­fä­hig und sah sich nur au­ßer­stan­de, mit dem Gips­arm sel­ber zu fah­ren. Mit ge­misch­ten Ge­füh­len rei­ten wir in den Saloon, wo uns Hop Sing mit lan­ger Mie­ne be­grüßt. „Volks­re­pu­blik vor­erst ab­ge­sagt“, ver­kün­det er. „Es war ja nur ei­ne theo­re­ti­sche Über­le­gung“, trös­tet ihn Jack, doch der Wirt heg­te den feuch­ten Traum, als „Mao von Holz­dorf“in die Ge­schichts­bü­cher ein­zu­ge­hen.

„Han­si sein erst­klas­sig Ex­per­te“, er­klärt das Schlitz­ohr und ser­viert uns die äl­tes­ten, le­d­rigs­ten Yak-Steaks al­ler Zei­ten. „Hat Dok­tor ge­macht über Stel­lung von Asyl-Be­wer­ber im Völ­ker­recht“, do­ziert Hop Sing. Wir las­sen uns nichts an­mer­ken. Fast dem ge­sam­ten Deut­schen Bun­des­tag in ei­ner ex­ter­ri­to­ria­len Holzdorfer Ex­kla­ve Asyl zu ge­wäh­ren für den Fall, dass De­mo­kra­tie­fein­de die Macht er­grei­fen: Das hät­te uns to­tal über­for­dert. „Trotz­dem“, be­haup­tet Jack fest, „wir wä­ren da­zu be­reit.“

Nur nicht in ei­nem Spit­zel­staat. Ir­gend­wie schrän­ken Si­cher­heit und Frei­heit ein­an­der ein, da kommt es aufs rich­ti­ge Gleich­ge­wicht an. Und mit Han­sis ju­ris­ti­schen Win­kel­zü­gen kann man doch ein Land nicht re­gie­ren. Dick er­in­nert dar­an, was für ein ver­track­tes Gut­ach­ten der Kerl ei­nem Guan­ta­no­mo-Häft­ling mit deut­schem Hin­ter­grund stell­te: Der hät­te An­spruch ge­habt, dass die Bun­des­re­gie­rung sich für ihn ein­setzt, hät­te er bloß nicht so lan­ge ver­säumt, sich bei den Be­hör­den zu mel­den. Tja, Pech: Das konn­te er nicht, weil er ja im La­ger ein­saß. „Das wä­re et­wa so, als wür­de un­se­re Cow­boyRe­pu­blik das Asyl­be­geh­ren deut­scher Par­la­men­ta­ri­er ab­leh­nen“, so Jack, „weil Holz­dorf dann au­ßer­halb des Gel­tungs­be­reichs des Grund­ge­set­zes liegt.“

Hop Sing tischt uns ei­ne sei­fi­ge Pas­te zum Des­sert auf. Wir löf­feln nach­denk­lich. Bill sagt: „Ich kann mir gar nicht vor­stel­len, dass es so weit ge­kom­men wä­re. Schließ­lich wäh­len gu­te De­mo­kra­ten nur Par­tei­en, von de­nen sie glau­ben, ver­ant­wor­ten zu kön­nen, dass die auch re­gie­ren.“Das klingt so kom­pli­ziert, dass es wahr sein muss. Über­haupt, hakt Jack ein, wür­den Volks­ver­tre­ter vom Volk ge­ne­rell un­ter­schätzt. Die meis­ten von ih­nen hät­ten hor­ren­de Ar­beits­ta­ge von 10, 12 oder 16 St­un­den und setz­ten sich lei­den­schaft­lich ein für das Land und die Leu­te.

Man wünsch­te sich nur, dass all die Ar­gu­men­te im Par­la­ment auch mal je­man­den über­zeu­gen. Wenn et­wa ein Schwar­zer zu ei­nem Ro­ten nach des­sen Re­de sa­gen könn­te: „Stimmt ei­gent­lich, da hast du völ­lig recht. Wir zie­hen den An­trag zu­rück.“Als Bill die­sen Ein­wand vor­trägt, nickt Jack en­er­gisch und sagt: „So wie in un­se­rem Saloon, dem Par­la­ment der Cow­boy-Re­pu­blik Holz­dorf.“

Wie all das ge­kom­men wä­re, kön­nen wir uns in un­se­rer Stamm­tisch-Weis­heit nicht aus­ma­len. Trotz­dem se­hen wir den Schank­raum der „Ro­ten La­ter­ne“jetzt in an­de­rem Licht. Hop Sing bringt Bush­fireWhis­key; mit „Prost!“sto­ßen wir an.

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