Die leich­tig­keit der neu­en Far­ben

Gree­ne­ry – so heißt der Hit des Jah­res. Aber wer be­stimmt ei­gent­lich, was un­ser Le­ben bun­ter ma­chen soll? Und schwappt der Hy­pe ums grel­le Grün auch in un­se­re Wohn­zim­mer? Wir ha­ben da mal nach­ge­hakt

tina Woman - - Inhalt - Text: Clau­dia Res­höft Fo­tos: Kirs­ten Bu­cher

Ei­ne Ex­per­tin ver­rät, was in die­ser Sai­son un­ser Le­ben bun­ter macht

Je­des Jahr be­stim­men neue Far­ben, wie bunt un­ser Le­ben wird. Mal ist es ein vi­brie­ren­des Or­chi­de­enLi­la, dann ein sat­tes, tie­fes Rot, bald dar­auf sind es durch­schei­nen­de Ro­sé- und Blau-Tö­ne. In 2017 könn­te es Gree­ne­ry sein – zu­min­dest, wenn es nach dem Pan­to­ne Co­lor In­sti­tu­te geht. Der Ton sei ein Sym­bol für die „auf­kei­men­de Hoff­nung, die Sehn­sucht nach Le­ben in ei­nem schwie­ri­gen so­zia­len und po­li­ti­schen Um­feld“und auch für das „wach­sen­de Ver­lan­gen nach Ver­jün­gung, Wie­der­ver­ei­ni­gung mit der Na­tur und en­ge­rem Mit­ein­an­der“heißt es in der of­fi­zi­el­len Ju­ryBe­grün­dung.

Aber wie kom­men die über­haupt zu sol­chen Pro­gno­sen?

Das Pan­to­ne-Far­bin­sti­tut gilt bei den in­ter­na­tio­na­len Tex­til- und Gra­fik­de­si­gnern als im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ton­an­ge­bend. Seit dem Jahr 2000 kürt das gleich­na­mi­ge US-ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men mit Sitz in New Jersey ei­ne Far­be des Jah­res. Und die, so Pan­to­ne, drückt den herr­schen­den Zeit­geist aus. Um dem auf die Spur zu kom­men, re­cher­chie­ren Kor­re­spon­den­ten auf dem gan­zen Glo­bus nach In­spi­ra­tio­nen und den Ein­fluss von Far­ben in al­len mög­li­chen Le­bens­be­rei­chen. Ein Ex­per­ten­team zieht dar­aus sei­ne Schlüs­se. So dürf­te bei der Ent­schei­dung für das grell leuch­ten­de Grün als Haupt­far­be wohl auch der boo­men­de Markt von ge­sun­dem Ge­mü­se wie Sa­lat und sau­re Äp­fel oder auch Mat­cha-Tees ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben.

Nun al­so ein kräf­ti­ges Grün. Man mag ja ei­ne Mar­sa­la-Blu­se mal eben ge­gen ei­nen Gree­ne­ry-Blou­son tau­schen kön­nen. Aber mal ehr­lich, muss ich den – zu­ge­ge­ben et­was mü­den – Sto­ne-Ton an mei­nen Wän­den jetzt gleich mit der ak­tu­el­len State­ment-Far­be über­strei­chen? „Fri­sches Grün war schon vor zehn Jah­ren aktuell. Die­se Vor­lie­be hat sich aus ei­ner er­neu­ten Zu­wen­dung zu Na­tur und Nach­hal­tig­keit er­ge­ben“, ana­ly­siert Dr. Hil­de­gard Kalt­he­ge­ner. „Aber das jet­zi­ge Gree­ne­ry ist deut­lich do­mi­nan­ter. Es wird si­cher wei­ter­hin in der Mo­de Im­pul­se set­zen und in der Ein­rich­tung als Ak­zent zum Ein­satz kom­men, bei­spiels­wei­se als Ac­ces­soire wie Kis­sen oder Tisch­de­cken und auch als Wand­far­be.“

Die Farb­ex­per­tin ist selbst De­si­gne­rin

und ar­bei­tet für un­ter­schied­lichs­te Bran­chen und Ar­chi­tek­ten. In ih­rem Farb­stu­dio in Lorsch an der Berg­stra­ße er­schafft sie Farb- und Stil­wel­ten nicht nur für Nord­eu­ro­pa, son­dern auch für den ara­bi­schen und

asia­ti­schen Markt. Sie be­sucht in­ter­na­tio­na­le Mes­sen, ver­folgt Trends und weiß, dass die Stim­mungs­la­ge sich nicht ein­fach auf ei­nen all­ge­mei­nen Nen­ner brin­gen, ge­schwei­ge denn auf ei­ne Far­be re­du­zie­ren lässt. Farb­vor­lie­ben sei­en auch durch Kul­tur, Ar­chi­tek­tur und Tra­di­ti­on ge­prägt, so Kalt­he­ge­ner. Auch die Licht­ver­hält­nis­se spie­len ei­ne Rol­le, und die sind am Mit­tel­meer nun mal an­ders als et­wa in Skan­di­na­vi­en.

„Das Le­bens­ge­fühl im deutsch­spra­chi­gen Raum,

al­so in Deutsch­land, der Schweiz und Ös­ter­reich, wird der­zeit durch die un­si­che­re po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che La­ge be­ein­flusst. Da sind Far­ben ge­fragt, die für bo­den­stän­di­ge Ver­läss­lich­keit ste­hen“, meint Kalt­he­ge­ner, die in der Wohn­welt ei­ne Be­we­gung hin zu dunk­len Am­bi­en­te­far­ben wie küh­lem Blau, fast düs­te­rem Grün und Grau in Nuan­cen von Schie­fer über Gra­fit und As­phalt bis hin zu Be­ton er­kannt hat. Da­zu ge­sel­len sich Kon­tras­te, die für Ge­müt­lich­keit und Zuf­rie­den­heit ste­hen – ei­ne Ten­denz, die aktuell von ei­nem dä­ni­schen Glücks­for­scher als „Hyg­ge“be­nannt und ver­brei­tet wird. Die Men­schen ver­bin­den da­mit Leich­tig­keit: et­wa ro­man­tisch-luf­tig an­mu­ten­de Tö­ne von der war­men Sei­te des Far­ben­krei­ses, al­so et­wa Ro­sen­quarz, Was­ser­me­lo­ne und Fla­min­go oder Gold­tö­ne von schim­mern­dem Gelb bis lich­tem Sand. Aber wie kom­bi­niert man die am bes­ten? „Ein stim­mi­ges Am­bi­en­te braucht im­mer ei­ne Ba­lan­ce zwi­schen bunt und un­bunt, warm und kalt, neu­tra­len Nuan­cen und leuch­ten­den Kon­tras­ten“, meint die Ex­per­tin. Die idea­le Er­gän­zung da­zu ist ein Stück Na­tur: „Holz bleibt“, ist Hil­de­gard Kalt­he­ge­ner si­cher. „Denn das The­ma Nach­hal­tig­keit und die Sehn­sucht nach ei­ner in­tak­ten Um­welt wer­den uns und das Bild von ei­nem Wohl­fühlort maß­geb­lich mit­be­stim­men. Vor al­lem hel­le Höl­zer wie ge­kälk­te Ei­che und blon­de Bir­ke pas­sen per­fekt zu den neu­en dunk­len Raum­far­ben.“

Und wo wir schon über Farb­ge­stal­tung re­den – wie sieht es denn mit den per­sön­li­chen Vor­lie­ben un­se­rer Ex­per­tin aus?

Hil­de­gard Kalt­he­ge­ner hat sich in ei­nen eher exo­ti­schen Trend ver­guckt. Auf der in­ter­na­tio­na­len Ein­rich­tungs­mes­se IMM in Köln und auf der Heim­tex­til­mes­se in Frank­furt re­cher­chiert sie je­des Jahr sehr sorg­fäl­tig. Dort ent­deck­te sie kürz­lich auch ei­ne Ta­pe­te mit gol­de­nen Or­na­men­ten. „In die ha­be ich mich wirk­lich ver­liebt und gleich zwei Rol­len be­stellt.“Die hän­gen nun an ih­rer Ess­zim­mer­wand, an der bis da­hin stren­ge schwarz-wei­ße Block­strei­fen do­mi­nier­ten. Und weil sie, wie sie selbst sagt, nichts las­sen kann, wie es ist, son­dern „im­mer auf der Su­che nach dem Be­son­de­ren ist – nach ei­ner Lö­sung, die ei­ne Woh­nung un­ver­wech­sel­bar macht“, hat sie ein­zel­ne

„Ich bin auf der Su­che nach Lö­sun­gen, die ei­ne Wohn­um­ge­bung ein­zig­ar­tig und un­ver­wech­sel­bar ma­chen“

Ele­men­te aus­ge­stanzt und als frei schwe­ben­de Krei­se auf und ne­ben die Bah­nen ge­klebt, „um die ver­schie­de­nen Wand­flä­chen zu ei­ner Har­mo­nie zu ver­bin­den“, wie sie sagt.

Und wie lau­tet ihr Tipp,

wenn un­ser­eins ein et­was mu­ti­ge­res Ex­pe­ri­ment wa­gen will? „Dann soll­te man erst ein­mal über­le­gen, wel­che Farb­nu­an­ce auch län­ger­fris­tig zum Am­bi­en­te und dem in­di­vi­du­el­len Wohn­stil passt. Am bes­ten fängt man mit klei­nen Flä­chen an – mit ei­nem fla­mingo­far­be­nen Kis­sen oder ei­ner pi­ni­en­na­del­grün ab­ge­setz­ten Wand. Da merkt man sehr schnell, ob man sich da­mit wohl­fühlt“, rät Hil­de­gard Kalt­he­ge­ner. Und das gilt be­stimmt auch für Gree­ne­ry.

Farb­ex­per­tin Dr. Hil­de­gard Kalt­he­ge­ner ist als De­si­gne­rin und Do­zen­tin tä­tig. Pri­vat setzt sie auf die Ver­bin­dung von ge­rad­li­ni­ger Geo­me­trie mit ei­nem Hauch Exo­tik

Satt und in­ten­siv: Vor al­lem bei Ac­ces­soires darf es gern mal ein Pi­ni­en­na­del­grün sein – im Mix mit Me­tall wie Chrom oder Kup­fer

Die Far­be Fla­min­go ver­eint Ro­sa und Oran­ge. Sie ver­bin­det sich be­son­ders har­mo­nisch mit Na­tur­tö­nen

Grau in al­len Nuan­cen – von Be­ton über Gra­fit bis As­phalt – ist ein har­mo­ni­scher Be­glei­ter zu kräf­ti­gen Far­ben

Ein Hauch ro­man­ti­scher Poe­sie durch­weht die­sen Raum in den ak­tu­el­len Al­t­ro­sa-Tö­nen

Lie­ber warm oder eher kühl? Bei der Wahl für ein stim­mi­ges Am­bi­en­te geht es um feins­te Nuan­cen

Pflan­zen, Lei­nen, Holz: Die Na­tur in ih­rer gan­zen Viel­falt ist und bleibt ein be­stim­men­des The­ma

Hür­riy­et Bu­lan bin­det in ih­rer Bou­tique Bo­ta­nic Art opu­len­te Sträu­ße, die so­gar Pu­ris­ten und Män­ner ent­zü­cken Fri­sches Grün von hell bis dun­kel ver­lau­fend – das bringt Leich­tig­keit auf den Tisch. Und er­in­nert dar­an, dass wir uns ein biss­chen ge­sün­der er­näh­ren dür­fen

Die Kom­bi­na­ti­on von Ro­sen­quarz mit Be­ton­grau er­det sei­ne Be­woh­ner. Tür­ki­se Ak­zen­te brin­gen Le­ben­dig­keit

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