Oh­ne punkt und Kom­ma

Satz­zei­chen wa­ren ges­tern. Groß- und Klein­schrei­bung auch. Da­für ha­ben wir ja jetzt die Emo­jis …

tina Woman - - Inhalt -

Ko­lum­nis­tin Jo­han­na Sven­son über die­se Sa­che mit den Emo­jis

Wir sind ja ein Land der Dich­ter und Den­ker, sagt man. Goe­the, Schil­ler und vie­le be­deut­sa­me Per­sön­lich­kei­ten mehr ha­ben mit un­zäh­li­gen Bü­chern, Brie­fen oder En­zy­klo­pä­di­en die Fein­hei­ten un­se­rer Spra­che welt­be­rühmt ge­macht. In die­ser schö­nen Tra­di­ti­on schrei­ben wir Deut­schen im­mer noch wie ver­rückt. Heu­te na­tür­lich nicht mehr hand­schrift­lich, und zum Glück müs­sen wir auch nicht mehr war­ten, dass ei­ne Post­kut­sche die Nach­richt an den Adres­sa­ten über­bringt. Nein, mitt­ler­wei­le ge­nügt ein klei­ner Fin­ger­druck, um all die Posts, Tweets und WhatsApps in Se­kun­den­schnel­le un­ters Volk zu brin­gen. Das ist prak­tisch, ganz klar, und ver­kürzt zu­dem die War­te­zeit auf ei­ne Ant­wort un­ge­mein.

Doch manch­mal wünsch­te man sich,

der Ver­fas­ser hät­te sich beim Ver­fas­sen et­was mehr Zeit ge­las­sen. Zeit, um ei­nen Punkt zu ma­chen. Oder ein Fra­ge­zei­chen, ei­nen Ge­dan­ken­strich, viel­leicht so­gar das gu­te al­te Se­mi­ko­lon. Denn im­mer­hin, so ha­ben wir es wohl al­le mal in der Schu­le ge­lernt, sind Satz­zei­chen durch­aus ei­ne Hil­fe beim Le­sen und er­leich­tern das Ver­ständ­nis. Die SMS „Hei­ra­te Max nicht war­ten“lässt den Emp­fän­ger ziem­lich rat­los zu­rück. Soll man nun Max bes­ser nicht hei­ra­ten? Oder soll man nicht war­ten? Und die Nach­richt „Komm wir es­sen Opa“ könn­te durch kor­rek­te Kom­ma­ta­Set­zung so­gar Le­ben ret­ten …

Auch die Or­tho­gra­fie scheint im di­gi­ta­len Zeit­al­ter im­mer mehr an Be­deu­tung zu ver­lie­ren. Wie im Eng­li­schen wird auf ein­mal klein­ge­schrie­ben, was ei­gent­lich groß ge­hört – und gern auch um­ge­kehrt. Da­bei ist es durch­aus von Be­deu­tung, ob mir mei­ne Freun­din mit­teilt: „Vor dem Fens­ter sah ich den ge­lieb­ten Ra­sen“, oder ob sie meint: „Vor dem Fens­ter sah ich den Ge­lieb­ten ra­sen.“

So wie die äu­ße­re Form

durch Weg­las­sen oder Igno­ranz ge­lit­ten hat, ist das In­halt­li­che nun dank ei­ner neu­mo­di­schen Er­schei­nung är­mer ge­wor­den. Schöpf­te man vor nicht all­zu lan­ger Zeit noch aus sei­nem reich­hal­ti­gen Wort­schatz und spiel­te mit zar­ter Iro­nie, war man sich si­cher, dass der An­ge­schrie­be­ne be­griff, was zwi­schen den Zei­len stand. Mitt­ler­wei­le ver­lässt man sich nicht mehr auf sein sprach­li­ches Kön­nen, man greift – egal ob Kurz­nach­richt oder aus­führ­li­che Mail – lie­ber gleich zur Emo­ji-Keu­le. Schreibt man et­was mit ei­nem Au­gen­zwin­kern, sen­det man vor­sichts­hal­ber zehn la­chen­de Mond­ge­sich­ter mit. Will man sei­nen Un­mut äu­ßern, trägt das Emo­ji Zor­nes­fal­ten auf der Stirn. Wahl­wei­se ver­gießt es Trä­nen oder ver­schickt Küss­chen – die gan­ze, gro­ße Ge­fühl­spa­let­te deckt der gel­be Plop­per ab, als sei­en wir nicht mehr in der La­ge, un­se­re Emo­tio­nen mit Wor­ten aus­zu­drü­cken. Vie­le WhatsApps se­hen des­halb auch aus, als hät­te ein Klein­kind sie ver­schickt und nicht ein ver­nunft­be­gab­ter Er­wach­se­ner.

Man könn­te glatt auf die Din­ger

ver­zich­ten. Und dar­auf ver­trau­en, dass der an­de­re ver­steht, was man meint. Hat doch frü­her auch ge­klappt. Die Zeit, die man da­durch spart – und es dau­ert ja ein we­nig, bis man sich für ei­nes der über 800 Emo­jis ent­schie­den hat –, kann man dar­auf ver­wen­den, das Ge­schrie­be­ne noch ein­mal zu kor­ri­gie­ren. Al­lein schon aus Höf­lich­keit dem Emp­fän­ger ge­gen­über. Und be­kommt man selbst ei­ne Nach­richt oh­ne Punkt und Kom­ma, darf man gern ant­wor­ten: „Ich wünsch­te, du wä­rest Dich­ter!“Ja, und schrei­ben Sie den Dich­ter ru­hig klein.

Jo­han­na Sven­son (44) liebt die deut­sche Spra­che und fin­det: Recht­schrei­bung kann se­xy sein

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