Ol­ga – oder die Ge­heim­nis­se (m)ei­ner Frau

Wla­di­mir Ka­mi­ner fragt sich als Au­tor und lang­jäh­ri­ger Ehe­mann er­staunt: War­um hilft ei­gent­lich nur ei­ne neue Hand­ta­sche ge­gen Er­käl­tun­gen?

tina Woman - - Inhalt -

Ex­klu­si­ver Aus­zug aus dem neu­en Ro­man von Best­sel­ler-Au­tor Wla­di­mir Ka­mi­ner

Mei­ne Frau kann den Win­ter über­haupt nicht lei­den. Schnee ist in ih­ren Au­gen Fa­schis­mus der Na­tur. Ol­ga will die Woh­nung nicht ver­las­sen, wenn es drau­ßen weiß ist. Noch schlim­mer als der Win­ter ist für sie aber der Herbst in Ber­lin. Es reg­net manch­mal wo­chen­lang, und die Kas­ta­ni­en­bäu­me ver­lie­ren ih­re schwarz-rot-gel­be Pracht, die sich in den Pfüt­zen der Stadt schnell in ei­ne farb­lo­se, glit­schi­ge Mas­se ver­wan­delt. An sol­chen Ta­gen fühlt sich mei­ne Frau krank. Sie fängt an zu hus­ten, zu nie­sen und nach­denk­lich aus dem Fens­ter zu schau­en. Lan­ge war ich rat­los, aber schließ­lich ha­be ich her­aus­ge­fun­den, was am bes­ten ge­gen die Herbst­de­pres­sio­nen, ge­gen Hus­ten und Nie­sen hilft. Nicht der Knob­lauch mit Zi­tro­ne, nicht die Hus­ten­bon­bons und nicht Vit­amin C aus der Apo­the­ke. Son­dern ein neu­es Kleid, neue Schu­he und ei­ne neue Hand­ta­sche. Auch ein neu­er Schal kann ei­ne hei­len­de Wir­kung ent­fal­ten.

Kauft mei­ne Frau ei­ne neue Hand­ta­sche, die ihr wirk­lich gut ge­fällt, hat sie meh­re­re Wo­chen da­nach gu­te Lau­ne. Mit drei Hand­ta­schen, ei­nem Paar Schu­he und ei­nem Kleid kom­men wir her­vor­ra­gend durch den gan­zen Win­ter und über­ste­hen die un­güns­ti­ge Jah­res­zeit oh­ne gro­ße ge­sund­heit­li­che Schä­den. Ju­hu!

Ob die Hand­ta­schen tat­säch­lich ge­braucht wer­den, ist da­bei ne­ben­säch­lich. Nur un­ter uns kann ich ver­ra­ten: Sie wer­den na­tür­lich ge­braucht. Um al­le Ta­schen zu tra­gen, die mei­ne Frau sich wäh­rend der vie­len Win­ter be­sorgt hat, müss­te sie zwar mehr Hän­de ha­ben als Ka­li, die in­di­sche Göt­tin der Zer­stö­rung, die ne­ben­bei be­merkt auf vie­len Ab­bil­dun­gen al­ler­lei Waf­fen und Schmuck, aber kei­ne ein­zi­ge Hand­ta­sche mit sich her­um­schleppt. Doch Ol­ga geht es gar nicht um den Nut­zen der Din­ge, wie ich in­zwi­schen weiß. Es geht um Lie­be, um das un­wi­der­steh­li­che Ver­lan­gen, die­se schö­nen Sa­chen zu be­sit­zen. An­de­re kön­nen dar­über läs­tern, doch für mich steht fest: Schö­ne Frau­en und schö­ne Din­ge zie­hen sich an.

Man­che die­ser Din­ge er­schei­nen mei­ner Frau im Traum, man­che traut sie sich gar nicht an­zu­fas­sen, und man­che an­de­re wer­den zu Hei­lig­tü­mern der Fa­mi­lie. Vor vie­len Jah­ren war mei­ne Frau wäh­rend ei­ner Rei­se nach Por­tu­gal al­lein ih­rer in­ne­ren Stim­me fol­gend in ei­nem klei­nen Dorf in den Ber­gen auf ei­nen Markt ge­sto­ßen, auf dem hand­ge­fer­tig­te Tisch­ser­vi­et­ten ver­kauft wur­den. Sie wa­ren schnee­weiß mit ei­nem blau­en Mus­ter und un­glaub­lich schön, aber sehr teu­er. Aber schön. Und doch ver­dammt teu­er. Die Por­tu­gie­sen woll­ten über den Preis nicht ver­han­deln. Die Ser­vi­et­ten sei­en so teu­er, weil sie nur zu be­son­de­ren An­läs­sen ver­wen­det wür­den, er­klär­ten sie uns. Wenn Gäs­te kä­men, die dem Gast­ge­ber wirk­lich wich­tig und teu­er wä­ren, nur dann soll­ten die schnee­wei­ßen Tü­cher aus dem Schrank ge­holt und ne­ben die Tel­ler ge­legt wer­den. Die­se Ser­vi­et­ten müss­ten so teu­er sein, da­mit die Gäs­te wüss­ten, wie hoch sie vom Gast­ge­ber ge­schätzt wür­den, er­klär­ten die Por­tu­gie­sen stolz.

Mei­ne Frau konn­te sich nicht ent­schei­den. Die Ser­vi­et­ten hat­ten sie hyp­no­ti­siert. Sie konn­te ih­re Au­gen nicht von die­sen Wun­dern der Hand­ar­beits­kunst ab­wen­den, so wun­der­schön wa­ren sie. Aber teu­er. Aber auch wun­der­schön! Die Son­ne ging lang­sam un­ter, ich hat­te Durst, Hun­ger, kei­ne Ge­duld mehr und sag­te:

„Kauf bit­te end­lich die­se ver­fluch­ten Ser­vi­et­ten! Sol­len un­se­re Sil­ves­ter­gäs­te ih­re Freu­de da­mit ha­ben.“

Ei­gent­lich brau­chen wir kei­ne über­teu­er­ten Ser­vi­et­ten. Wir fei­ern zu Hau­se kei­ne be­son­de­ren An­läs­se, au­ßer Sil­ves­ter­par­tys. Je­des Jahr am 31.12. kom­men vie­le Gäs­te zu uns ins Haus, wo dann aus­rei­chend ge­kocht, ge­trun­ken und ge­tanzt, ge­schrien und ge­strit­ten wird. Oft zieht sich die Par­ty in die Län­ge, und am nächs­ten und über­nächs­ten Tag sind wir mit der Säu­be­rung und Re­no­vie­rung der Woh­nung be­schäf­tigt. Wir su­chen nach ver­lo­ren

Ol­ga kauf­te die Ser­vi­et­ten und mach­te da­mit ei­ne por­tu­gie­si­sche Groß­fa­mi­lie wohl­ha­bend

ge­gan­ge­nen Ge­gen­stän­den und von Gäs­ten lie­gen ge­las­se­nen Sa­chen. Im Ja­nu­ar fin­den wir je­des Jahr noch Ta­ge nach der Par­ty un­be­nutz­te Sil­ves­ter­knal­ler, ver­ges­se­ne Schu­he, Ja­cken und Han­dys. Manch­mal fin­den wir so­gar lie­gen ge­blie­be­ne Gäs­te. Alex­an­der Iva­no­witsch zum Bei­spiel, der in­zwi­schen bei uns den Spitz­na­men „Kopf­sa­lat“hat, weil er gern mit dem Kopf in der Sa­lat­schüs­sel ein­schläft. Oder der Mu­si­ker Di­mi­tri, der uns mit sei­ner Darstel­lung von Vä­ter­chen Frost un­ter­hält, aber im­mer nach Mit­ter­nacht ver­sucht, mit dem Sack vol­ler Ge­schen­ke ab­zu­hau­en, und in ei­ner Ecke im Trep­pen­haus sit­zen bleibt. Oder un­se­re hy­per­ak­ti­ve Freun­din Kat­ja, die der Mei­nung ist, kei­ne an­stän­di­ge Par­ty kön­ne oh­ne Bauch­tanz auf dem Tisch aus­kom­men.

„Kauf die Ser­vi­et­ten“, sag­te ich al­so zu mei­ner Frau. „Un­se­re Gäs­te wer­den sich si­cher freu­en.“

Ol­ga zog so­fort das Porte­mon­naie aus der Ta­sche und mach­te ei­ne por­tu­gie­si­sche Groß­fa­mi­lie wohl­ha­bend, die auf ei­nen Schlag 22 Ser­vi­et­ten los­wur­de. Jetzt konn­ten sie sich ein neu­es Haus bau­en.

Ol­ga brach­te die Ser­vi­et­ten nach Deutsch­land und leg­te sie über­ein­an­der in den Schrank. Am 31. De­zem­ber hol­te sie die Ser­vi­et­ten her­aus, leg­te sie ne­ben­ein­an­der auf das Bett und schau­te sie lan­ge an. Sie wa­ren jung­fräu­lich weiß mit blau­em Mus­ter. Nicht aus­zu­den­ken, wie sie aus­se­hen wür­den, wenn die Par­ty vor­bei wä­re. Wenn Vä­ter­chen Di­mi­tri sich da­mit die Na­se ge­putzt, die hy­per­ak­ti­ve Kat­ja ei­ne Rot­wein­fla­sche dar­über­ge­kippt und Alex­an­der Iva­no­witsch sich den Sa­lat da­mit aus den Haa­ren ge­rub­belt hät­te. Un­se­re Gäs­te sind uns selbst­ver­ständ­lich wich­tig, lieb und teu­er, aber sie be­neh­men sich manch­mal wie Schwei­ne. Da­für ist Sil­ves­ter ja auch ge­dacht. Al­so ver­steck­te mei­ne Frau die Ser­vi­et­ten wie­der im Schrank. Die Gäs­te be­ka­men Pa­pier­ser­vi­et­ten und wuss­ten nicht ein­mal, was ih­nen ent­gan­gen war.

Am 3. Ja­nu­ar, als der letz­te Knal­ler ver­braucht war und der letz­te Gast die Woh­nung ver­las­sen hat­te, hol­te Ol­ga die wun­der­schö­nen Ser­vi­et­ten aus dem Schrank und be­trach­te­te sie. Wenn Ser­vi­et­ten spre­chen könn­ten, hät­ten sie si­cher „Dan­ke, Ol­ga!“zu mei­ner Frau ge­sagt. „Dan­ke, dass du uns vor der Zer­stö­rung be­wahrt hast.“

„Nichts zu dan­ken, Ser­vi­ett­chen“, er­wi­der­te Ol­ga und ver­steck­te ih­ren Schatz er­neut im Schrank – bis zum nächs­ten 31. De­zem­ber.

Seit fünf Jah­ren wie­der­holt sich die­ses Ri­tu­al. Im­mer am 31. De­zem­ber holt Ol­ga die por­tu­gie­si­schen Tü­cher aus dem Schrank, schaut sie lie­be­voll an und legt sie – sorg­fäl­tig glatt ge­stri­chen – wie­der in den Schrank zu­rück. Un­se­re Woh­nung, un­se­re Gäs­te, wir selbst se­hen je­des Jahr äl­ter aus, vom vie­len Fei­ern an­ge­kratzt. Nur die Ser­vi­et­ten im Schrank mei­ner Frau blei­ben ge­nau­so jung­fräu­lich, wie sie da­mals in den Ber­gen wa­ren.

Und sie blie­ben nicht al­lein. Vor drei Jah­ren kauf­te Ol­ga in Grie­chen­land auf der In­sel San­to­rin ei­nen hand­be­mal­ten Aschen­be­cher.

„Ich ha­be schon im­mer von ei­nem solch lus­ti­gen Aschen­be­cher ge­träumt“, freu­te sie sich. Er war tat­säch­lich lus­tig ver­ziert, hat­te ei­nen Schnurr­bart und ein Au­ge, das dem Rau­cher auf­mun­ternd zu­zwin­ker­te. Die Grie­chen ma­len oft Au­gen auf Schmuck und Ge­schirr. Sie sind aber­gläu­bi­sche Men­schen, die den­ken, das ge­mal­te Au­ge kön­ne sie vor dem bö­sen frem­den Blick schüt­zen. Der lus­ti­ge Aschen­be­cher soll­te das häss­li­che Glas auf dem Bal­kon er­set­zen, das seit ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit vol­ler al­ten Kip­pen dort auf dem Tisch stand.

Schon seit drei Jah­ren steht der neue lus­ti­ge Aschen­be­cher nun ne­ben dem al­ten und zwin­kert den Rau­chern mit sei­nem Au­ge zu.

Ol­ga traut sich näm­lich nicht, in dem schö­nen Ding ei­ne Zi­ga­ret­te aus­zu­drü­cken. Und al­le rau­chen­den Gäs­te be­nut­zen aus So­li­da­ri­tät mit ihr wei­ter­hin das häss­li­che Glas.

Ein Jahr nach dem Ein­zug des grie­chi­schen Aschen­be­chers auf den Bal­kon be­ka­men die por­tu­gie­si­schen Ser­vi­et­ten im Schrank Ge­sell­schaft. Mei­ne Frau hat­te in Frank­reich sei­de­ne Bett­wä­sche mit Rü­schen ge­kauft, un­glaub­lich glatt und schwarz. Es war eben­falls ein Lie­bes­kauf. Kaum hat­te Ol­ga sie im Schau­fens­ter er­späht, konn­te sie nicht mehr oh­ne die­se Bett­wä­sche wei­ter­le­ben. Die Bett­wä­sche sieht tat­säch­lich kö­nig­lich aus, sie hat nur ei­nen Nach­teil: Man kann da­rin nicht schla­fen. Sie rutscht von al­lein vom Bett, manch­mal auch zu­sam­men mit den schla­fen­den Men­schen.

Ich he­ge den Ver­dacht, mei­ne Frau hat sie gar nicht für den ei­ge­nen Ge­brauch ge­kauft. Die fran­zö­si­sche Bett­wä­sche hat ei­ne ganz an­de­re Auf­ga­be: Sie soll die Ser­vi­et­ten im Schrank un­ter­hal­ten, da­mit sie sich nicht lang­wei­len. Sie ha­ben ein­an­der si­cher viel zu er­zäh­len. Und manch­mal, bil­de ich mir ein, kommt in un­se­rer Ab­we­sen­heit noch der grie­chi­sche Aschen­be­cher auf ei­nen Be­such vor­bei. Die­se Din­ge füh­ren ein glück­li­ches, er­füll­tes Le­ben. An ih­rem Bei­spiel kann man gut er­ken­nen, wor­auf es im Le­ben an­kommt: je­man­den zu ha­ben, der ei­nen liebt.

W„Ichas ma­chen Sie be­ruf­lich?“, wird Ol­ga oft ge­fragt.

bin als Haus­frau tä­tig“, ant­wor­tet sie und ern­tet ver­ständ­nis­lo­se Bli­cke. Laut deut­schem Be­rufs­ver­zeich­nis ge­hört „Haus­frau“nicht zu den an­er­kann­ten Be­ru­fen. Haus­frau­en ha­ben, so­weit ich weiß, kei­ne Ge­werk­schaft, die ih­re In­ter­es­sen ver­tritt, sie ha­ben kei­ne ge­re­gel­ten Ar­beits­zei­ten und kön­nen sich nicht krank­schrei­ben las­sen. Ih­re Ar­beit ver­läuft im Stil­len. Ob­wohl mei­ne Frau als Mu­se und Hü­te­rin tag­täg­lich al­le Hän­de voll zu tun hat – Kin­der müs­sen be­kocht und er­zo­gen, Müt­ter ru­hig­ge­stellt, Kat­zen ge­strei­chelt wer­den –, macht sie es mit ei­ner sol­chen Leich­tig­keit, dass für Au­ßen­ste­hen­de tat­säch­lich der Ein­druck ent­ste­hen könn­te, sie wür­de nichts tun. Al­les ge­schieht wie von al­lein …

Nur sel­ten be­kommt Ol­ga Lust, sich li­te­ra­risch, gar wis­sen­schaft­lich zu be­tä­ti­gen. Dann schreibt sie. Ein­mal hat­te sie die Idee, das We­sen der rus­si­schen Frau in ei­nem Buch zu er­klä­ren. Sie woll­te die­ses Phä­no­men nicht als Kli­schee, als na­tio­na­le Be­son­der­heit prä­sen­tie­ren, son­dern als Cha­rak­ter­ei­gen­schaft. Laut Ol­gas Theo­rie kann näm­lich je­de Frau, ganz egal, wo und wann sie auf die Welt ge­kom­men ist, ei­ne rus­si­sche Frau wer­den. Sie ver­glich in ih­rem Werk die rus­si­sche Frau mit ei­ner Li­bel­le, die un­se­re Welt schö­ner und er­träg­li­cher macht, doch sie tut es lei­se, oh­ne zu sum­men und zu brum­men. Da­bei gibt sich die­se Li­bel­le un­glaub­lich viel Mü­he, um leicht­sin­nig und schick aus­zu­se­hen. In ih­rem Buch schrieb Ol­ga ein Ka­pi­tel na­mens „Das äu­ße­re Er­schei­nungs­bild als Spie­gel der See­le“. Da­rin heißt es:

„Ei­ne rus­si­sche Frau fühlt sich stän­dig be­ob­ach­tet, oh­ne Ma­ke-up und oh­ne Schmuck geht sie nicht aus dem Haus. So­gar die Ehe­män­ner der rus­si­schen Frau­en wis­sen nach 30 Jah­ren Ehe oft nicht, wie ih­re Frau­en oh­ne Ma­ke-up und Schmuck aus­se­hen. Wenn ei­ne sol­che Frau im Meer ba­den will, darf sie nicht ein­fach ins Was­ser sprin­gen, son­dern muss sehr vor­sich­tig und lang­sam hin­ein­ge­hen. Im Was­ser kann man die rus­si­schen Frau­en leicht am hoch her­aus­ra­gen­den Kopf er­ken­nen so­wie an ei­nem gro­ßen Col­lier am Hals, das je­de an­de­re Frau längst in die Tie­fe ge­zo­gen hät­te.“

Ich muss­te sehr dar­über la­chen. Denn Ol­ga trägt selbst kei­ne schwe­ren Ket­ten am Hals, auch mit ih­rem Make­up und ih­ren sons­ti­gen Vor­lie­ben für Schmuck ist sie sehr de­zent. Aber sie schätzt Ohr­rin­ge. Ih­re Lieb­lings­stü­cke, zwei ver­gol­de­te Li­bel­len, be­kam sie als Kind von ih­rer Mut­ter ge­schenkt. In der So­wjet­uni­on wa­ren sie von ho­hem Wert. Da­mals war je­des Schmuck­stück ei­ne sel­te­ne, be­gehr­te Kost­bar­keit. Wenn ir­gend­et­was aus Gold in ei­nem Ju­we­lier­ge­schäft auf­tauch­te, bil­de­te sich vor der Tür des La­dens so­fort ei­ne lan­ge Schlan­ge.

Auf Sa­cha­lin (Ol­gas Ge­burts­in­sel) ver­dien­ten Geo­lo­gen und Bohrin­ge­nieu­re mit ih­rer Schlecht­wet­ter­zu­la­ge mehr Geld als auf dem Fest­land, hat­ten aber we­gen der man­gel­haf­ten Ver­sor­gung noch we­ni­ger Mög­lich­kei­ten, es aus­zu­ge­ben. Das mach­te sie zu den be­gehr­tes­ten und groß­zü­gigs­ten Tou­ris­ten in Russ­land. Wenn sie in den Ur­laub fuh­ren oder dienst­lich un­ter­wegs wa­ren, lie­ßen sie über­all auf dem Fest­land die Pup­pen tan­zen. Im Nor­mal­fall fuh­ren Fa­mi­li­en zu­sam­men in die Fe­ri­en, denn die Sa­cha­li­ner Frau­en sa­hen es nicht gern, wenn ih­re Ehe­män­ner mit den Ta­schen voll Geld al­lein auf dem Fest­land ver­kehr­ten. Wie leicht konn­ten sie ei­nem hin­ter­häl­ti­gen Fest­land­weib zum Op­fer fal­len. Auf der In­sel hat­ten die Frau­en ih­re

Rus­sin­nen tra­gen stets Ma­ke-up und Schmuck. Auch beim Ba­den

Wenn ein Mann zwei Ta­ge spä­ter als ge­plant von ei­ner Di­enst­rei­se nach Hau­se kommt, hängt der Haus­se­gen schief. Sehr, sehr schief!

Män­ner gut un­ter Kon­trol­le, al­le kann­ten sich, und sämt­li­che krum­men We­ge, die ein Fa­mi­li­en­ober­haupt an sei­ner Haus­tür vor­bei­füh­ren konn­ten, en­de­ten in der Tai­ga. Dort konn­ten sie am Wo­che­n­en­de ja­gen oder sau­fen ge­hen. Auf dem Fest­land da­ge­gen wim­mel­te es nur so von Dis­ko­the­ken, Re­stau­rants und an­de­ren Ver­füh­rungs­or­ten. Es kam im­mer wie­der vor, dass Ehe­män­ner für drei Ta­ge auf Di­enst­rei­se gin­gen und erst nach ei­nem Mo­nat zu­rück­ka­men, mü­de, nach­denk­lich, vom Fest­land aus­ge­saugt – und mit lee­ren Ta­schen.

Ein­mal kam der Mann der Schwes­ter von Ol­gas Mut­ter von ei­ner Di­enst­rei­se mit zwei­tä­gi­ger Ver­spä­tung zu­rück. Ein Skan­dal. Sie woll­te ihm erst gar nicht die Tür auf­ma­chen.

„Schau, Rais­sa“, sag­te er durch die Tür, „was ich dir mit­ge­bracht ha­be.“

Er hol­te ein Paar Ohr­rin­ge, wie sie nie­mand auf der In­sel hat­te, aus der Ta­sche. Es wa­ren zwei ver­gol­de­te Li­bel­len mit ver­schie­den­far­bi­gen Au­gen: Das ei­ne war aus Alex­an­drit und das an­de­re aus La­su­rit. Die Ohr­rin­ge wa­ren wun­der­schön. Doch die Frau hat­te Cha­rak­ter.

„Geh zum Teu­fel mit dei­nem Gold“, mein­te sie und schmiss ihm die Ohr­rin­ge ins Ge­sicht. Sie strit­ten die hal­be Nacht. Die Wän­de wa­ren aus Pap­pe, das gan­ze Haus hör­te mit. Ver­lo­ren und ver­stimmt ging der Mann am frü­hen Mor­gen zu den Nach­barn, ei­ne rau­chen.

„Tat­ja­na“, sag­te er zur Mut­ter von Ol­ga, „ich möch­te dir die­se ver­damm­ten Ohr­rin­ge schen­ken. Nimm sie bit­te von gan­zem Her­zen, sonst schmei­ße ich sie in den Müll.“

„Du hast die Tür ver­wech­selt“, sag­te Tat­ja­na. „Du woll­test sie be­stimmt dei­ner Frau schen­ken.“

„Das woll­te ich sehr wohl, aber sie will sie nicht ha­ben. Nimm al­so die ver­damm­ten Ohr­rin­ge, sonst flie­gen sie aus dem Fens­ter“, wü­te­te der ver­dros­se­ne Ehe­mann.

Das Gold weg­zu­schmei­ßen kam nicht in­fra­ge. Ol­gas Mut­ter nahm die Ohr­rin­ge und woll­te sie spä­ter, wenn sich die Wel­len bei ih­ren Nach­barn ge­glät­tet hät­ten, ih­rer Schwes­ter ge­ben. Die woll­te aber die Ohr­rin­ge nicht se­hen. Sie er­in­ner­ten sie an den Aus­fall ih­res Man­nes. Es war ei­ne Patt­si­tua­ti­on. Bei­de Schwes­tern konn­ten mit den wun­der­schö­nen Li­bel­len nichts an­fan­gen. Rais­sa nicht, weil sie ih­rem Mann zei­gen woll­te, dass Lie­be nicht zu kau­fen war. Tat­ja­na auch nicht, weil die Ohr­rin­ge nicht für sie be­stimmt wa­ren. Bei ei­ner in­ter­nen Schwes­tern­ver­samm­lung be­schlos­sen sie, die Ohr­rin­ge Ol­ga zu schen­ken. Sie war ge­ra­de zehn Jah­re alt ge­wor­den, genau das rich­ti­ge Al­ter, um sich für Schmuck zu in­ter­es­sie­ren. Die Li­bel­len be­ein­druck­ten sie sehr. Es gab nur ein Pro­blem: Die Zehn­jäh­ri­ge hat­te kei­ne Lö­cher in den Oh­ren.

Die plan­wirt­schaft­lich or­ga­ni­sier­te So­wjet­uni­on be­an­spruch­te, al­le Be­dürf­nis­se ih­rer Bür­ger zu kon­trol­lie­ren und zu ken­nen, doch fürs Ohr­loch­s­te­chen war kei­ne Be­hör­de zu­stän­dig. Die Bür­ger wa­ren in die­ser Sa­che auf sich selbst an­ge­wie­sen. Auf Sa­cha­lin mach­te man das in der Bi­b­lio­thek. Ei­ne al­te, halb blin­de In­sel­bi­blio­the­ka­rin hat­te den Ruf, meis­ter­haft Ohr­lö­cher ste­chen zu kön­nen. Tat­ja­na ging al­so mit ih­rer Toch­ter in die Bi­b­lio­thek. Die Bi­b­lio­the­ka­rin hol­te ei­ne lan­ge Na­del und quäl­te das Kind ei­ne hal­be St­un­de lang. Sie stach zu tief oder da­ne­ben, es tat tie­risch weh. Ein­mal stach die Bi­b­lio­the­ka­rin dem Kind so­gar in den Hals.

Ol­ga hat ei­nen grü­nen Dau­men, sie ver­liebt sich so­gar in Un­kraut

Aber das Kind blieb still, denn Li­bel­len brum­men nicht.

„Was ist los mit dir?“, frag­te Tat­ja­na die Bi­b­lio­the­ka­rin.

„Mei­ne Bril­le ist ges­tern ka­putt­ge­gan­gen, ich se­he nichts, ich ha­be ganz schlech­te Au­gen“, klag­te die Bi­b­lio­the­ka­rin.

Ei­ne neue Bril­le zu be­schaf­fen war auf der In­sel noch schwie­ri­ger, als Schmuck zu kau­fen. Die Sa­che schien aus­sichts­los, Ol­ga war den Trä­nen na­he, doch Li­bel­len brum­men nicht. Ge­mein­sam, mit sechs Hän­den, schaff­ten sie es, ein Loch zu ste­chen. Mit ei­ner Li­bel­le am lin­ken Ohr ging Ol­ga am nächs­ten Mor­gen stolz in die Schu­le. Die zwei­te Li­bel­le wur­de in ei­ne Bro­sche um­ge­wan­delt und an der Blu­se ge­tra­gen.

Mit der Zeit wur­den die­se Li­bel­len zu ei­nem gleich­be­rech­tig­ten Teil mei­ner Frau. Auch spä­ter, als sie sich längst bei­de Oh­ren hat­te durch­ste­chen las­sen, trug sie oft nur ei­ne Li­bel­le – zur Er­in­ne­rung an die blin­de Bi­b­lio­the­ka­rin, an die ver­schnei­te In­sel und die ei­ge­ne, schnell ver­flo­ge­ne Kind­heit.

Zum Stu­di­um ging sie mit der Li­bel­le nach St. Pe­ters­burg. In schlech­ten Zei­ten, wenn sie über­haupt kein Geld hat­te, brach­te Ol­ga die Li­bel­le ins Pfand­haus, kauf­te sie aber nach ei­ner Wei­le im­mer wie­der frei. Sie trug die Li­bel­le auch in Deutsch­land, als wir uns ken­nen­lern­ten. Als sich un­se­re Toch­ter in der Pu­ber­tät mit pro­fes­sio­nel­ler Hil­fe schnell und schmerz­frei Ohr­lö­cher ste­chen ließ, be­kam sie von ih­rer Mut­ter die Li­bel­len zum Ge­burts­tag ge­schenkt. Mei­ne Toch­ter hat den wis­sen­schaft­li­chen Auf­satz ih­rer Mut­ter über rus­si­sche Frau­en sehr auf­merk­sam stu­diert und gab auf je­der Par­ty da­mit an, ei­ne ech­te rus­si­sche Frau zu sein. Je­de Kri­tik konn­te sie mit dem Ar­gu­ment ab­weh­ren, rus­si­sche Frau­en mach­ten das eben so.

Mei­ne Toch­ter stu­diert mitt­ler­wei­le Eu­ro­päi­sche Eth­no­lo­gie und be­treibt da­zu Feld­for­schung in den ent­le­gens­ten Ecken Eu­ro­pas. In Ru­mä­ni­en freun­de­te sie sich mit Ro­ma­kin­dern an, in Al­ba­ni­en wur­de sie von hung­ri­gen wil­den Hun­den ver­folgt, in Bos­ni­en aß sie ei­nen ge­räu­cher­ten Schafs­kopf mit Glas­au­gen, und mit ei­nem klei­nen Boot ru­der­te sie um Mon­te­ne­gro her­um. Rus­si­sche Frau­en ma­chen das so. Sie sind welt­of­fen und angst­frei. Sie flie­gen um die Welt, ha­ben ei­ne gro­ße Last zu tra­gen und brum­men nicht.

Mei­ne Frau hat ih­re ei­ge­ne Vor­lie­be für Schmuck in­zwi­schen wei­ter­ent­wi­ckelt. Ob Ohr­rin­ge oder Bro­schen, sie mag al­les mit Flü­geln: En­gel, Schmet­ter­lin­ge, Flug­zeu­ge. Ihr Buch über rus­si­sche Frau­en woll­te kein deut­scher Ver­lag dru­cken. „Zu ernst“, sag­ten die Ver­le­ger.

Ol­ga hat ei­nen grü­nen Dau­men, wie die Deut­schen sa­gen. Das heißt, al­les, was sie be­gießt, wächst und ge­deiht. Die Pflan­zen wis­sen von ih­rem Dau­men und ver­su­chen da­her, in ih­re Nä­he zu kom­men. Es ist schon mehr­mals vor­ge­kom­men, dass mei­ne Frau die Ker­ne ei­ner ge­ra­de aus der Kauf­hal­le ge­brach­ten exo­ti­schen Frucht in die Er­de steck­te und we­nig spä­ter an die­ser Stel­le ei­ne zar­te Pflan­ze spross. Es war nicht die exo­ti­sche Pflan­ze, die wir er­war­tet hat­ten, aber im­mer­hin ein neu­es grü­nes Le­ben.

Die Na­tur hat ei­nen aus­ge­präg­ten Sinn für Hu­mor, auch in un­se­rem Bran­den­bur­ger Gar­ten spielt sie mit Ol­ga ein lus­ti­ges Ver­wirr­spiel. Pflanzt mei­ne Frau gel­be Blüm­chen, kom­men ro­te her­aus. Küm­mert sie sich um ei­ne zar­te Ro­se, zieht ne­ben die­ser als un­ge­be­te­ner Gast ein Ste­ch­ap­fel ein. Zieht sie den Ste­ch­ap­fel her­aus und sät dort ei­nen „Blu­men­tep­pich“von Lidl für 3,99 Eu­ro, fin­den sich mit­ten im Blu­men­tep­pich plötz­lich Brenn­nes­seln – kos­ten­los. Oft ver­liebt sich mei­ne Frau in das Un­kraut und lässt Pflan­zen ste­hen, de­ren Na­men sie nicht ein­mal kennt, ob­wohl sie mehr Pflan­zen als Men­schen beim Na­men nen­nen kann. Die Bee­te mei­ner Frau sind ei­ne wil­de Mi­schung aus Na­tur und Kul­tur, aus der or­dent­li­chen Welt, wie sie in un­se­rer Vor­stel­lung sein soll, und der un­or­dent­li­chen, wie sie ist.

Es ist ei­ne schö­ne Sa­che, ei­nen grü­nen Dau­men zu ha­ben, Pflan­zen zu lie­ben und um sie zu kämp­fen. Man­che Pflan­ze­ner­obe­run­gen mei­ner Frau hat­ten al­ler­dings Fol­gen, so­gar po­li­ti­sche …

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