Part­ner­schaft Wie krie­ge ich ihn zum Män­ner-Arzt?

Micha­el Roth (55) und sein Bru­der wer­ben für Vor­sor­ge. Weil fast je­der Mann ge­ret­tet wer­den kann, wenn sein Pro­sta­ta­krebs früh ent­deckt wird

tina - - Front Page - Text: Andre­as Juhn­ke Fo­tos: Ka­trin Den­ke­witz

Wenn Hel­den stür­zen und fal­len, kön­nen sie grö­ßer wer­den, wenn sie wie­der auf­ste­hen. Die Zwil­lin­ge Micha­el und Uli Roth (55) wa­ren Handball-Hel­den. Deut­sche Meis­ter, spä­ter Sil­ber­me­dail­len-Ge­win­ner bei den Olym­pi­schen Spie­len in Los An­ge­les 1984. Die bei­den Hü­nen wa­ren ei­ne un­wi­der­steh­li­che Macht auf dem Spiel­feld – und Vor­bil­der für ei­ne Ge­ne­ra­ti­on von Spie­lern.

Die Laus­bu­ben aus Leu­ters­hau­sen an der Berg­stra­ße gin­gen ih­ren Weg, auch wenn in ih­rer Schul­zeit we­nig dar­auf hin­deu­te­te. Uli wur­de nach sei­ner Spie­ler-Kar­rie­re Ma­na­ger der deut­schen Band Pur. Micha­el ar­bei­tet als Handball-Trai­ner. Mit dem MT Melsun­gen ist er im obe­ren Drit­tel der Bun­des­li­ga zu fin­den. Kei­ner hät­te sich ge­wun­dert, wenn sie 2007 nur ein paar Mo­na­te Aus­zeit ge­nom­men hät­ten, um da­nach wie­der auf­zu­tau­chen. Als wä­re nichts ge­sche­hen.

Aber es war et­was ge­sche­hen. Bei­de be­ka­men vor zehn Jah­ren gleich­zei­tig Pro­sta­ta­krebs. Bei Micha­el, dem fünf Mi­nu­ten Äl­te­ren, wur­de der Krebs et­was frü­her ent­deckt, bei Uli et­was spä­ter. Die Hel­den wa­ren plötz­lich in der Hand des To­des. Sie la­gen kurz nach­ein­an­der im sel­ben Ham­bur­ger Kran­ken­haus. Als die bei­den wie­der auf­stan­den, wa­ren sie nicht mehr die­sel­ben.

Ein Bild von ei­nem Mann

sitzt uns in ei­nem Kas­se­ler Ca­fé ge­gen­über. Micha­el Roth ist 1,94 m groß, läs­sig, gut trai­niert, die freund­li­che Stim­me mit wei­cher ba­di­scher Fär­bung. Ne­ben ihm Ju­lia Hoff­mann (36), die für ei­nen Han­no­ve­ra­ner Kon­zert­ver­an­stal­ter ar­bei­tet, bild­hübsch und sei­ne Lie­be auf den ers­ten Blick, als sie sich vor vier Jah­ren in New York tra­fen.

Wir müs­sen über In­kon­ti­nenz, Im­po­tenz und an­de­re Ab­brü­che der Männ­lich­keit spre­chen. Aber vor al­lem über die töd­li­che Un­be­sorgt­heit der Män­ner, die nicht zum Arzt ge­hen. Und trotz die­ser schwe­ren The­men kommt nicht ei­ne Se­kun­de Pein­lich­keit auf. Weil Micha­el und sein Bru­der Uli, der an die­sem Tag ein 70 000-Zu­hö­rer-Kon­zert von Pur vor­be­rei­ten muss, ei­ne Mis­si­on ha­ben. Und als ech­te Ker­le sa­gen kön­nen: „Wir wol­len für Früh­er­ken­nung wer­ben. Wenn man von die­sem Krebs früh­zei­tig ­er­fährt, ist er gut heil­bar. Sonst wird es kom­pli­ziert“, wie Micha­el er­klärt.

Ihr Krebs wur­de recht­zei­tig ent­deckt. Weil ihr Va­ter Pro­sta­ta­krebs be­kom­men hat­te, gin­gen sie zur Früh­er­ken­nungs-Un­ter­su­chung. Und Micha­el hör­te von ­sei­nem Arzt den ge­fürch­te­ten Satz: „Sie ­ha­ben Krebs.“„Es war ein Schock“, er­zählt er. „Du hörst gar nicht mehr rich­tig zu. Dir ge­hen al­le Fak­to­ren durch den Kopf, Che­mo­the­ra­pie, Le­bens­ein­schrän­kun­gen, Tod. Und vor al­lem: Wie lan­ge geht es noch?“

Auf dem Weg in den OP er­fährt er, dass Uli die­sel­be Dia­gno­se be­kom­men hat. Zeit­ver­setzt durch­lau­fen sie die­sel­be Pro­ze­dur: Ent­fer­nung der Pro­sta­ta. Ban­ges War­ten auf die Fol­gen. Er­leich­te­rung, als sie fest­stel­len, dass sie recht­zei­tig ope­riert wer­den konn­ten. Kein Krebs mehr. Kei­ne In­kon­ti­nenz. Kei­ne Im­po­tenz. Auch wenn sie kei­nen ­Sa­men­er­guss mehr ha­ben kön­nen. „Un­ser Lie­bes­le­ben ist sehr er­füllt“, sagt Ju­lia. „Man merkt, dass man sich nach die­ser Er­fah­rung grund­sätz­lich ver­än­dert“, er­zählt Micha­el. „Wir sind ru­hi­ger ge­wor­den, le­ben nicht mehr auf der Über­hol­spur.“

Sie ha­ben zu­sam­men ein Buch über ih­re Er­fah­run­gen ge­schrie­ben (Uli und Micha­el Roth: „Un­ser Le­ben, un­se­re Krank­heit“, ZS Ver­lag). Und wer­ben auf al­len Ka­nä­len für die Vor­sor­ge, der­zeit in ei­ner ak­tu­el­len Kam­pa­gne der Deut­schen Ge­sell­schaft für Uro­lo­gie (s. nächs­te Sei­te). „Seit ich An­fang 20 bin“, er­zählt Ju­lia, „ma­che ich selbst­ver­ständ­lich Vor­sor­ge-Un­ter­su­chun­gen.“„Das müs­sen wir für Män­ner auch er­rei­chen“, wünscht sich Micha­el. „Die Un­ter­su­chun­gen beim Uro­lo­gen sind wirk­lich nicht schlimm. So vie­le To­te hät­ten ge­ret­tet wer­den kön­nen, wenn ihr Krebs recht­zei­tig ent­deckt wor­den wä­re.“

So wie bei den Brü­dern Roth. Sie wa­ren ei­ne Grö­ße im deut­schen Handball. Aber sie wur­den noch grö­ßer, als sie sich ent­schie­den zu re­den. Und Le­ben zu ret­ten.

Män­ner, geht zur Vor­sor­ge. Dann hat je­der ei­ne Chan­ce Micha­el Roth

Glück in Kas­sel: Auch oh­ne Pro­sta­ta ha­ben Ju­lia Hoff­mann und Micha­el Roth ein er­füll­tes Lie­bes­le­ben

Ein ech­ter Kerl re­det auch über das Un­ten­rum, wenn es nö­tig ist. Micha­el Roth tut das. Und konn­te schon vie­le zur Vor­sor­ge mo­ti­vie­ren

Micha­el und Uli Roth spiel­ten Spit­zen-Handball. Micha­el ist heu­te Trai­ner beim Bun­des­li­gis­ten MT Melsun­gen

Zwei Schwes­tern, zwei Laus­bu­ben: Fa­mi­lie Roth lebt bis heu­te in Leu­ters­hau­sen an der Berg­stra­ße (BW)

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