Kurz­ge­schich­te: „Sü­ßer als Brom­beer­mar­me­la­de“

Wie soll man da krea­tiv sein: Ver­liebt in den Chef und kei­ner darf es wis­sen! Und dann muss Ni­na den tol­len Kerl auch noch ret­ten! Da­bei soll­te sich ihr Le­ben im Mo­ment nur um sü­ßen Frucht­auf­strich dre­hen …

tina - - Willkommen In Ihrer - Von Andrea Eich­horn

Okay, okay, sie muss sich bloß ein we­nig kon­zen­trie­ren, dann fällt ihr be­stimmt ein gi­gan­tisch tol­ler und sinn­li­cher Satz für die Mar­me­la­de ein. „Sü­ße Lei­den­schaft“, rauscht es Ni­na durch den Kopf, gleich dar­auf ver­zieht die Wer­be­tex­te­rin den Mund.

Die Wen­dung hat sie be­reits letztes Jahr als Wer­be­spruch für Diät­pra­li­nen ver­wen­det. Kam su­per an, aber eben nicht im­mer liegt in der Wie­der­ho­lung die Kraft. Mist! Ver­zwei­felt rauft sich Ni­na die lan­gen blon­den Haa­re. Wie soll man denn auch nach­den­ken, wenn man an­dau­ernd an ei­nen Mann den­ken muss, mit ei­nem Lä­cheln, das ei­nem di­rekt in die See­le scheint. „Geht’s noch pein­li­cher?“, kreischt ei­ne Stim­me in ih­rem Hin­ter­kopf auf.

„Reicht es nicht oh­ne­hin, dass du seit Wo­chen heim­lich in dei­nen Chef ver­knallt bist?“Frus­triert stöhnt sie auf. Klar, sie kennt den Mann seit Jah­ren, in­klu­si­ve sei­ner Ver­lob­ten. Bes­ser ge­sagt, sei­ner Ex-Ver­lob­ten, seit die Frau An­tons Freund Ralf ein we­nig zu sehr lieb ge­won­nen hat. Ni­na und ih­re Ar­beits­kol­le­gin Sil­ke hat­ten vor ei­nem hal­ben Jahr gleich ein we­nig be­sorgt die Köp­fe ge­schüt­telt, als von An­ton die­se Mel­dung ge­kom­men war: „Bin ich froh, dass sich Ca­ro und Ralf so gut ver­ste­hen. Wo ich doch bis über bei­de Oh­ren in Ar­beit ste­cke.“Die zwei Frau­en hat­ten sich so­fort alar­mier­te Bli­cke zu­ge­wor­fen. War denn dem gut­gläu­bi­gen An­ton der Ernst der La­ge nicht be­wusst? Und dann kam es auch gleich Knall auf Fall. Die­se Ca­ro hat­te sich doch zu sehr mit Ralf „an­ge­freun­det“– und An­ton blie­ben bloß zwei ver­ges­se­ne Um­zugs­kar­tons mit al­ten Hand­tü­chern.

Wie­der seufzt Ni­na auf, dies­mal so laut, dass Sil­ke sie über ih­ren Com­pu­ter­bild­schirm fra­gend an­guckt. „Läuft’s nicht so rich­tig mit der Brom­beer­mar­me­la­de?“

„Hm“, brummt Ni­na. „Mir fal­len nur ­lang­wei­li­ge Sa­chen ein.“

Sil­ke kaut nach­denk­lich an ei­nem Blei­stift. „Du bist doch im Grun­de ge­ni­al. In letz­ter Zeit ein­fach ein we­nig durch den Wind. Was ist ei­gent­lich los mit dir?“

Für ei­nen Mo­ment kommt Ni­na ins Wan­ken. Es wür­de echt ­gut­tun, ihr Herz zu ­er­leich­tern. Doch so­fort fällt ihr ein, dass Sil­ke zwar ei­ne su­per­net­te ­Ar­beits­kol­le­gin, je­doch ­lie­bes­mä­ßig völ­lig an­ders ge­strickt ist als sie selbst. Sil­ke ge­nießt ih­re kur­zen Af­fä­ren, ­al­lein der Ge­dan­ke, län­ger­fris­tig ge­mein­sam beim Früh­stück zu sit­zen, ver­ur­sacht Aus­schlag bei ihr. Und da soll Ni­na ihr von ih­ren über­wäl­ti­gen­den Ge­füh­len er­zäh­len? Sie hat ja so­gar schon über­legt zu kün­di­gen. Und mit An­ton kann sie schon gar nicht dar­über spre­chen, der Ärms­te wür­de aus al­len Wol­ken fal­len. Wo sie bei­de doch seit über zehn Jah­ren ein­fach nur ein ver­flixt gu­tes Ar­beits­team sind. Au­ßer­dem hängt er si­cher noch an sei­ner treu­lo­sen Ex. „Al­les in Ord­nung“, sagt sie schließ­lich, weil Sil­ke sie im­mer noch fra­gend an­schaut. „Nur leich­te Kopf­schmer­zen.“„Dann müs­sen wir in der Mit­tags­pau­se raus aus un­se­rem Bü­ro.“Sil­ke hält bei­de Dau­men hoch.

„Glaub mir, ein klei­ner Schau­fens­ter­bum­mel wirkt wah­re Wun­der!“

Ob­wohl sich Ni­na lie­ber ins letz­te Loch ver­kro­chen hät­te, lässt sie sich von ih­rer Kol­le­gin die Ein­kaufs­stra­ße ent­lang­zie­hen. „Die­se Blu­se ist der Hit!“, quiekt Sil­ke ein­mal be­geis­tert auf, ent­lockt Ni­na da­mit ­je­doch nur ein mü­des Ach­sel­zu­cken.

Doch gleich dar­auf ge­rät ihr Puls ins Schleu­dern. An­ton steht auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te und winkt ihr. Hach, ist der Mann um­wer­fend! Mit ei­nem fest­ge­fro­re­nen Grin­sen, be­stimmt ex­tra­doof, winkt sie zu­rück. Auch Sil­ke grüßt An­ton kurz, dann raunt sie Ni­na ins Ohr. „Echt toll, nicht wahr?“

„Wie meinst du das?“, stam­melt die­se, ih­re Keh­le fühlt sich auf ein­mal ganz eng an.

„Na, er ge­fällt mir. Aber ob es sich da­für lohnt? Nach ein paar Wo­chen hängt er mir oh­ne­hin zum Hals her­aus.“

Sie stößt Ni­na, der eben das Blut in den Adern ge­friert, la­chend ei­nen El­len­bo­gen in die Sei­te. „Aber wer nichts wagt, der ­ge­winnt auch nichts.“

„Si­cher“, mur­melt Ni­na, in­zwi­schen ganz blass im Ge­sicht ge­wor­den.

Sil­ke möch­te An­ton ver­füh­ren, ein kur­zer Flirt, nicht mehr. Da­bei ver­gisst sie al­ler­dings, dass der Mann ein ge­bro­che­nes Herz hat, mit dem man im Mo­ment echt nicht

In den Chef ver­liebt sein? Pein­li­cher geht es nicht

spie­len soll­te. Em­pört holt Ni­na Luft, um ih­rer Kol­le­gin die Mei­nung zu sa­gen, doch die ist be­reits in der Bou­tique ver­schwun­den, um gleich dar­auf mit ei­ner Tü­te in der Hand wie­der raus­zu­kom­men. Was drin steckt, in­ter­es­siert Ni­na im Mo­ment herz­lich we­nig.

Statt­des­sen muss sie den Rest des Nach­mit­tags im­mer wie­der an ­Sil­kes Plä­ne den­ken. Sie hat sich nun doch da­ge­gen ent­schie­den, di­rekt mit ihr zu re­den. Beim The­ma Lie­be kom­men sie bei­de oh­ne­hin von ver­schie­de­nen Pla­ne­ten.

„Al­les okay bei dir?“, lässt An­tons Stim­me sie plötz­lich hoch­fah­ren.

Der Mann steht di­rekt vor ihr und grinst sie an. „Sil­ke ist schon vor ei­ner St­un­de ge­gan­gen. Und ich fin­de es zwar toll, wenn sich mei­ne Mit­ar­bei­te­rin in die Ar­beit rein­kniet. Aber die tolls­te Brom­beer­mar­me­la­de ist es nicht wert, des­we­gen vor Er­schöp­fung zu­sam­men­zu­bre­chen!“

Er guckt so süß drein, dass sie un­will­kür­lich lä­cheln muss, auch wenn ihr zum ­Heu­len zu­mu­te ist. Und sie fasst – be­stürzt über ih­ren ei­ge­nen Mut – ei­nen Ent­schluss. „Was sagst du zu ei­ner Wein­schor­le im ­See­ca­fé?“, hört sie sich sa­gen. „Ich möch­te gern et­was mit dir be­spre­chen. Et­was ­Per­sön­li­ches.“

Dum­mer­wei­se ant­wor­tet An­ton tat­säch­lich: „Sehr gern. Mir geht’s seit ei­ni­ger Zeit ganz ähn­lich.“Das ver­steht sie zwar jetzt nicht, aber gut. Wich­tig ist nur, dass sie ­An­ton war­nen muss vor Frau­en wie Sil­ke.

Ei­ne leich­te Abend­bri­se weht ihr ei­ne ­Lo­cke ins Ge­sicht, die sie sich mit ei­ner hek­ti­schen Be­we­gung wie­der hin­ters Ohr streift. An­ton sitzt ihr an ei­nem Tisch di­rekt am Steg ge­gen­über, schaut ihr be­reits seit ei­ner Wei­le in die Au­gen. Kein Wun­der, dass sie wahn­sin­nig ner­vös ist und kein Wort raus­bringt. Statt­des­sen guckt sie im­mer wie­der schein­bar völ­lig fas­zi­niert auf ei­nen En­te­rich im Was­ser, der – rein gar nichts tut. End­lich schafft sie es, zum ­Re­den an­zu­set­zen. Doch An­ton kommt ihr zu­vor. „Wenn ich jetzt nicht völ­lig auf dem fal­schen Damp­fer bin, geht es uns ­bei­den wohl ähn­lich“, sagt er und nimmt ih­re Hand.

Pri­ckel­alarm am gan­zen Kör­per! Ver­zückt und ent­setzt zu­gleich lauscht sie sei­nen wei­te­ren Wor­ten, die ih­ren Plan völ­lig ­ver­än­dern: „Ich muss seit ei­ni­ger Zeit ­an­dau­ernd an dich den­ken. Und wenn ich dich se­he, ver­kno­tet sich mein Ma­gen. Aber an­ge­nehm. Sehr an­ge­nehm.“Lei­se sagt er: „Was sagst du da­zu?“„Mir geht’s ge­nau­so“, for­men ih­re Lip­pen ganz von al­lein.

Und dann ge­schieht das wohl Wun­der­volls­te in ih­rem Le­ben: An­ton beugt sich über den Tisch, hebt sanft ihr Kinn hoch – und setzt ei­nen fe­der­leich­ten Kuss auf ­ih­ren Mund. Sie hat das Ge­fühl, als ob sie schwe­ben wür­de. Auch am nächs­ten Tag ist sie noch fas­sungs­los vor Glück. An­ton ist schon lan­ge heim­lich in sie ver­liebt! Sei­ne Ex-Ver­lob­te hat sein Herz ver­las­sen! Adieu und tschüss! Se­lig vor sich hin lä­chelnd ­be­tritt Ni­na das Bü­ro, stößt fast mit Sil­ke zu­sam­men. Ups, die gibt’s ja auch noch! Ob sie dem Vamp über­haupt von ih­rer Lie­be er­zäh­len soll? Im Mo­ment hat Sil­ke je­doch oh­ne­hin mit sich selbst zu tun. Über­mü­tig dreht sie sich um ih­re ei­ge­ne Ach­se. „Ist er nicht wun­der­voll? Ich den­ke, mit dem ha­be ich doch sehr, sehr lan­ge Freu­de!“

„Wen meinst du?“, fragt Ni­na reich­lich ver­wirrt. „Na, mei­nen neu­en Jump­su­it ­na­tür­lich!“Breit grin­send zupft sie an dem glän­zen­den oliv­grü­nen Stoff, jetzt be­merkt Ni­na erst, dass ih­re Ar­beits­kol­le­gin ein ­neu­es Teil trägt. „Ges­tern ha­be ich dir doch vor der Bou­tique von mei­nen Be­den­ken ­er­zählt. Viel­leicht tra­ge ich das gu­te Stück nur kurz, und der Preis war schon ein ­we­nig hap­pig.“Sie nickt der an­de­ren zu. „Aber jetzt weiß ich, un­se­re Lie­be hält für im­mer!“„Du hast das Klei­dungs­stück ge­meint?“, kriegt Ni­na gera­de so her­aus. „Was denn sonst?“„Ach, nichts!“, ruft sie und kann nicht an­ders, als die Ar­beits­kol­le­gin ­la­chend zu um­ar­men.

Und tau­send Ide­en für die Brom­beer­mar­me­la­de hüp­fen ihr auf ein­mal durch den Kopf. Sie muss nur an die gest­ri­gen Küs­se von An­ton den­ken …

Als An­ton ih­re Hand nimmt, pri­ckelt es an Ni­nas ­ gan­zem Kör­per

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