Die tat­kräf­ti­gen Nach­barn von Vo­er­de

Weil sich die Bahn wei­ger­te, leg­ten 20 Fa­mi­li­en zu­sam­men und be­sorg­ten 30 000 Ku­bik­me­ter Er­de

tina - - Willkommen In Ihrer - Text: Chris­ti­na Wü­se­ke Fo­tos: Do­mi­nik As­bach

An die­ser Stel­le feh­len noch drei Me­ter Hö­he“, sagt El­len Kapp, dann geht ih­re Stim­me im Ge­tö­se un­ter. Ein lan­ger Gü­ter­zug don­nert über die Glei­se. Sie hält kurz in­ne. „In den nächs­ten Wo­chen sol­len auch hier sie­ben Me­ter er­reicht wer­den.“600 Me­ter lang, sie­ben Me­ter hoch, 17 Me­ter breit. Ein ech­tes Boll­werk ge­gen den Lärm. Nicht et­wa von der Bahn ge­baut und fi­nan­ziert, son­dern von An­lie­gern. Sie woh­nen in ­ei­ner klei­nen Sied­lung im be­schau­li­chen Vo­er­de am Nie­der­rhein. Gut 200 Zü­ge ­fah­ren je­den Tag an ih­ren Häu­sern vor­bei, der Lärm sei ein­fach un­er­träg­lich, sa­gen ­al­le. Und es wird noch schlim­mer: In Kür­ze sol­len 100 zu­sätz­li­che Zü­ge vor­bei­rattern. Denn die Bahn plant ein wei­te­res Gleis, baut al­ler­dings nur auf der West­sei­te der Stre­cke ei­nen Lärm­schutz. El­len Kapp und die Nach­bar­schaft ge­hen leer aus. Ob­wohl bei un­ab­hän­gi­gen Mes­sun­gen Laut­stär­ken von teil­wei­se 100 De­zi­bel fest­ge­stellt wur­den, das geht fast an die Schmerz­gren­ze. Die Ge­sund­heit lei­det schon ab 80 De­zi­bel.

Rund 25 Haus­hal­te lie­gen im be­trof­fe­nen Be­reich,

zu we­nig, wenn es nach der Bahn geht. Tat­säch­lich darf das Ver­kehrs­un­ter­neh­men in sol­chen Fäl­len ab­wä­gen, ist zum Bau nicht ver­pflich­tet. „Nicht wirt­schaft­lich, heißt es bei der Bahn“, sagt El­len Kapps Mann Hen­ning und schüt­telt den Kopf. Dann lacht er. „Die Idee, dass wir in Ei­gen­re­gie ei­nen Lärm­schutz-Wall bau­en, ist an der The­ke ent­stan­den.“Das war 2012. Ju­ris­tisch ge­gen die Bahn vor­zu­ge­hen war kei­ne Op­ti­on. „Ein Rechts­streit hät­te un­ser Bud­get ge­sprengt.“Al­so mach­ten das Ehe­paar Kapp und wei­te­re Nach­barn mo­bil, ver­teil­ten In­fo­zet­tel, or­ga­ni­sier­ten Tref­fen. 20 Haus­hal­te be­tei­li­gen sich an dem Wall-Pro­jekt, vier da­von stel­len da­für so­gar ih­re Grund­stü­cke zur Ver­fü­gung. Die Kapps ge­ben ein Drit­tel ih­rer ge­sam­ten Grund­stücks­flä­che auf. Vor vier Jah­ren er­folg­te der ers­te Spa­ten­stich.

Al­le Fa­mi­li­en ha­ben ei­nen vier­stel­li­gen Be­trag ge­zahlt, in drei Jah­res­ra­ten ge­staf­felt – da­mit es sich je­der leis­ten kann. Ein Lärm­schutz-Wall in die­ser Grö­ßen­ord­nung und von Pri­vat­leu­ten ge­baut, das ist in Deutsch­land ein­zig­ar­tig. „Wir ha­ben ei­ne tol­le Nach­bar­schaft“, sagt Chris­ta Grü­ter, die mit an­de­ren An­woh­nern den Fort­schritt der Erd­ar­bei­ten be­gut­ach­tet. „Wir fei­ern nicht nur gern zu­sam­men, wir sind auch in schwe­ren Zei­ten für­ein­an­der da. In un­se­rer länd­li­chen Ge­gend ist das selbst­ver­ständ­lich.“Die Nach­barn ni­cken zu­stim­mend. Und Gün­ter Grü­ter be­merkt: „Es ist ja nicht nur der oh­ren­be­täu­ben­de Lärm, auch der Wert un­se­rer Grund­stü­cke und Im­mo­bi­li­en sinkt.“

Die Nach­barn sind sich ei­nig:

Oh­ne Wall geht es nicht. Ins­ge­samt 30 000 Ku­bik­me­ter Er­de wur­den – und wer­den noch – auf­ge­schüt­tet. Hen­ning Kapp er­klärt: „Un­ser Glück ist, dass wir mit ei­nem an­säs­si­gen Bau­un­ter­neh­mer ko­ope­rie­ren. Die Er­de stellt er uns kos­ten­los zur Ver­fü­gung.“Sie stammt von an­de­ren Bau­stel­len. „Die Un­te­re Land­schafts­be­hör­de nimmt re­gel­mä- ßig Pro­ben, um zu schau­en, ob die Qua­li­tät der Er­de stimmt.“En­de des Jah­res soll der Wall fer­tig sein – end­lich. „Es wa­ren nicht im­mer die pas­sen­den Bö­den ver­füg­bar. Das war aber von vorn­her­ein klar“, er­klärt Hen­ning Kapp. Sei­ne Frau El­len lacht. „Dass es wäh­rend der Bau­zeit zu kei­ner­lei Rei­be­rei­en ge­kom­men ist, spricht wohl für sich.“Mit den Nach­barn, die sich fi­nan­zi­ell nicht be­tei­ligt ha­ben, üb­ri­gens auch nicht. „Zwi­schen uns ist al­les in Ord­nung.“

Bald wol­len die Nach­barn den Wall be­grü­nen – mit 3000 Pflan­zen. Gün­ter Grü­ter hat auch schon ei­nen Plan für den nächs­ten Som­mer: „Ich streue Blu­men­sa­men aus, dann wird der Wall schön bunt.“

Der Wall dämpft den Lärm um zehn De­zi­bel. Klingt we­nig, ist für das men­sch­li­che Ge­hör aber so, als wür­de er sich hal­bie­ren. Auch wenn der Wall noch nicht ganz fer­tig ist, sind die Nach­barn zu­frie­den. „Wir kön­nen wie­der bes­ser schla­fen.“

Ob ihr Pro­jekt Vor­bild­cha­rak­ter hat? ­„Si­cher­lich nicht. Es darf nicht sein, dass die Ver­ur­sa­cher, al­so die Bahn, nicht für den Wall auf­kom­men. Dass wir uns selbst küm­mern und auch die Kos­ten tra­gen müs­sen, ist wirk­lich trau­rig“, sagt El­len Kapp. „Was aber durch­aus vor­bild­lich ist, ist der Zu­sam­men­halt. Hier zeigt sich, was sich mit gu­ter Nach­bar­schaft be­wir­ken lässt. Und das Bes­te: Wir al­le sind noch en­ger ­zu­sam­men­ge­wach­sen.“

In Vo­er­de pa­cken Jung und Alt zu­sam­men an. Wenn die Bau­ar­bei­ten ab­ge­schlos­sen sind, soll es ein gro­ßes Fest ge­ben

Im Mi­nu­ten­takt ver­keh­ren Per­so­nen- und vor al­lem Gü­ter­zü­ge. Der Wall min­dert den Lärm

So geht gu­te Nach­bar­schaft: Al­le pa­cken mit an, da­mit der Wall bald fer­tig ist (Fo­to un­ten). Zwi­schen­durch gibt es ei­ne klei­ne Stär­kung (Fo­to links)

El­len (61), Rent­ne­rin, und Hen­ning Kapp (58), Lei­ter des Vo­er­der Ord­nungs­amts, ha­ben den St­ein ins Rol­len ge­bracht

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