Letz­te Ru­he in der frei­en Na­tur

Vie­le Men­schen wol­len nicht mehr klas­sisch auf dem Fried­hof, son­dern in ei­nem Fried­wald be­gra­ben wer­den. ti­na be­glei­te­te ei­ne Förs­te­rin

tina - - News - Bri­git­te Som­mer Text und Fo­tos:

Glück­lich im Grü­nen. Nichts auf Er­den hat mir je so viel Freu­de be­rei­tet wie die Na­tur mit ih­ren Far­ben, Klän­gen, Düf­ten, mit ­ih­rem Frie­den und ih­ren Stim­mun­gen.“Die­ser Spruch ist an ei­nem Baum be­fes­tigt. Er steht in­mit­ten ei­nes Wald­ge­biets im hes­si­schen Tau­nus­stein, ragt weit über die ihn um­ge­ben­den Bu­chen auf. Sei­ne Äs­te sind tief an­ge­setzt. Letz­te Strah­len der No­vem­ber­son­ne tan­zen auf dem Herbst­laub und er­zeu­gen ei­ne hei­te­re At­mo­sphä­re, ein fas­zi­nie­ren­des Licht­spiel.

Über dem Spruch steht: „Fa­mi­li­en­baum der Fa­mi­lie M.“Im Nach­bar­baum hängt ein Vo­gel­häus­chen, dar­über, in den weit aus­la­den­den Äs­ten, fin­den sich gur­ren­de Rin­gel­tau­ben zu­sam­men. Nicht weit ent­fernt von die­sem Platz schiebt sich ein Reh durchs Di­ckicht, stän­dig mit wa­chen Au­gen und hoch­ge­stell­ten Oh­ren, im­mer auf der Hut vor Fress­fein­den oder Jä­gern, die es hier aber ei­gent­lich nicht zu fürch­ten braucht.

„Es gibt sehr vie­le Rehe hier“,

sagt Fried­Wald-Förs­te­rin Ale­xa Dö­rin­ger. „Sie schei­nen zu mer­ken, dass sie hier nicht in Ge­fahr sind, denn sie sind im­mer we­ni­ger scheu.“Kei­ne Fra­ge, die­ser Wald lebt, da­bei ist es auch ein Ort für die To­ten. Im Um­kreis von zwei Me­tern um den Baum der Fa­mi­lie M. lie­gen die Ur­nen der El­tern. Die Kin­der wis­sen schon jetzt, dass auch sie nach ih­rem Tod hier lie­gen wer­den. Al­le zu­sam­men ha­ben sie sich schon zu Leb­zei­ten die­sen Baum aus­ge­sucht. Zu­sam­men mit ei­nem Mit­ar­bei­ter des Fried­Walds sind sie durch den Wald ge­gan­gen und ha­ben

ge­nau die­sen Baum aus­ge­wählt, weil er ­ih­nen be­son­ders gut ge­fal­len hat.

Ver­schie­den­far­bi­ge Bän­der um die Bäu­me zei­gen, wel­che Bäu­me noch frei sind und für wen sie aus­ge­sucht wor­den sind. Es gibt Ge­mein­schafts-, Ein­zel- und Fa­mi­li­en­bäu­me. Bei ei­ner Ze­re­mo­nie wer­den die Ur­nen der Ver­stor­be­nen in rund 70 Zen­ti­me­tern Tie­fe in den Bo­den ge­las­sen. Sie sind bio­lo­gisch ab­bau­bar.

„In spä­tes­tens fünf Jah­ren ist der Mensch wie­der kom­plett in die Na­tur über­ge­gan­gen“, sagt Ale­xa Dö­rin­ger, die selbst auch ei­nen Baum zu­sam­men mit ih­ren El­tern ge­kauft hat. „Es ist ein klei­ner Baum, dem wir hof­fent­lich noch lan­ge beim Wach­sen zu­se­hen kön­nen. Den­noch ist es ein tröst­li­cher Ge­dan­ke, hier mit­ten im Grü­nen lie­gen zu dür­fen, ganz lan­ge Zeit un­ge­stört.“

Sie ist als Quer­ein­stei­ge­rin zu ­ih­rem Job ge­kom­men.

Zu­sam­men mit La­b­ra­dor­hün­din Mar­la kon­trol­liert sie re­gel­mä­ßig die We­ge, aber auch klei­ne For­st­ar­bei­ten ge­hö­ren zu ih­ren Auf­ga­ben. Wald­ar­bei­ter ha­ben ei­ne Wald­lich­tung ge­ro­det. Im Früh­jahr soll hier ei­ne Wald­wie­se mit wei­te­ren Baum­ar­ten wie Ahorn und ­Ei­chen an­ge­legt wer­den. „Zu je­der Jah­res­zeit be­kommt der Wald ein an­de­res Ge­sicht“, sagt die Förs­te­rin. „Me­lan­cho­lisch, wie jetzt im Mor­gen­ne­bel, wie ein Zau­ber­mär­chen­wald bei Schnee im Win­ter und vol­ler Le­ben, Licht und Son­ne im Früh­jahr und Som­mer. Und im Herbst schließt sich der Kreis wie­der.“

Ale­xa Dö­rin­ger be­glei­tet die Fa­mi­li­en wäh­rend der Be­stat­tun­gen, legt zum Bei­spiel ei­nen Kranz aus Laub oder Tan­nen­zwei­gen. „Ich bin oft sehr be­rührt, be­son­ders bei dem Tod von Kin­dern bin ich be­trof­fen, und mir kom­men auch manch­mal die Trä­nen. Trotz­dem bin ich glück­lich mit mei­nem Be­ruf hier in­mit­ten von Grün. Man lernt, das Le­ben zu schät­zen und zu ach­ten. Ich ver­brin­ge die Zeit mit mei­ner elf­jäh­ri­gen Toch­ter und mei­ner Fa­mi­lie jetzt be­son­ders in­ten­siv und ha­be ge­lernt, mich über Klei­nig­kei­ten zu freu­en. Das ­gro­ße Glück ist flüch­tig und liegt oft in klei­nen Din­gen. Ich bin mir be­wusst: Es könn­te je­der Tag der letz­te sein. Und wenn es ein­mal so weit sein soll­te, weiß ich, dass ich hier gut auf­ge­ho­ben sein wer­de und mei­ne Toch­ter auch kei­ne Ar­beit da­mit ha­ben wird, das Gr­ab zu pfle­gen. Ich hof­fe nur, dass un­ser klei­ner Baum dann schon sehr statt­lich sein wird.“

Be­hut­sam lässt Ale­xa Dö­rin­ger die bio­lo­gisch ab­bau­ba­re Ur­ne her­un­ter

Mit klei­nen Pla­ket­ten sind die Bäu­me im Fried­wald mar­kiert

Im Herbst sind die Bäu­me im Fried­Wald bunt ge­färbt

Hün­din Mar­la be­glei­tet die Förs­te­rin bei der Ar­beit

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.