Kurz­ge­schich­te: Ren­dez­vous mit Tom

Ju­hu! Im In­ter­net hat No­ra ei­nen tol­len Mann ­ken­nen­ge­lernt. Lei­der er­käl­tet er sich kurz vor dem ers­ten Da­te, was ja an sich nicht so schlimm wä­re. Doch dann kommt es knüp­pel­dick …

tina - - News - Von Andrea Eich­horn

Als No­ra das be­lieb­te grie­chi­sche Lo­kal be­tritt, wird sie von sanf­ten Sir­ta­ki­klän­gen emp­fan­gen. An ei­nem der hin­te­ren Ti­sche ent­deckt sie ih­re bes­te Freun­din Ines, die ihr schon fröh­lich zu­winkt und „Hu­hu!“durch den La­den ruft.

„Ich ha­be dich be­reits ge­se­hen“, formt No­ra wort­los mit den Lip­pen und muss la­chen. Ines schafft es ir­gend­wie im­mer, sie auf­zu­hei­tern. Auf dem Weg zu ih­rer Freun­din läuft No­ra am Ne­ben­tisch vor­bei, der durch ei­ne klei­ne Wand von ih­rem ei­ge­nen ge­trennt ist. Im Au­gen­win­kel er­kennt sie zwei Män­ner um die 50, die sich of­fen­sicht­lich gut ge­launt mit­ein­an­der un­ter­hal­ten. Sie selbst al­ler­dings hat viel­mehr das Be­dürf­nis, Ines gleich ihr Herz aus­zu­schüt­ten.

„Mensch“, sagt ih­re Freun­din nach ei­ner stür­mi­schen Umar­mung, „du siehst ein­fach klas­se aus! Zu scha­de, dass dein Mis­ter ­Un­be­kannt heu­te doch kei­ne Zeit hat.“

„Er ist plötz­lich krank ge­wor­den“, stellt No­ra rich­tig und lässt sich auf den Stuhl ­fal­len. „Das ist ein Rie­sen­un­ter­schied.“­Zag­haft zupft sie an ih­ren frisch ge­färb­ten blon­den Strähn­chen her­um, ver­sucht, Ines’ skep­ti­schen Blick zu igno­rie­ren. Herr­je, heu­te ist sie ex­tra noch beim Fri­seur ge­we­sen – und bei der Ma­ni­kü­re. Tja, und jetzt schei­nen ih­re blut­ro­ten Fin­ger­nä­gel sie ge­ra­de­zu aus­zu­la­chen. „Du bist ver­setzt wor­den!“, höh­nen sie. Has­tig ver­steckt sie ih­re Hän­de un­term Tisch, setzt ein et­was star­res Lä­cheln auf. „Lieb, dass du dir so spon­tan Zeit für mich ge­nom­men hast.“

Ines zwin­kert ihr zu. „Im­mer gern, wenn es zu un­se­rem Grie­chen geht.“

„Dan­ke“, seufzt No­ra und fügt dann lei­se hin­zu: „Ich war näm­lich ziem­lich ge­knickt, als Tom mir so kurz­fris­tig ab­ge­sagt hat. Ich hat­te mich schon so ge­freut.“ „Ha­be ich am Te­le­fon ge­merkt“, sagt ih­re Freun­din und nippt an ih­rem Weiß­wein. „Aber jetzt wer­den wir zwei uns ei­nen schö­nen Abend ma­chen, und dei­nen Tom triffst du ein an­de­res Mal.“

„Si­cher!“No­ra lä­chelt ver­le­gen. „Am Te­le­fon hat er sich to­tal ver­schnupft an­ge­hört. Aber auch ziem­lich se­xy.“

„Oh, oh, ist da viel­leicht je­mand be­reits vor dem ers­ten Da­te ver­knallt?“

„Na ja, sei­ne E-Mails wa­ren ein­fach toll. Wit­zig, ein­fühl­sam und echt in­tel­li­gent.“Und mit ver­träum­tem Blick fügt No­ra hin­zu: „Wir sind ein­fach auf ei­ner Wel­len­län­ge.“Als sie auf­guckt, er­hascht sie er­neut ei­nen skep­ti­schen Blick. „Denkst du, er woll­te sich gar nicht mit mir tref­fen?“, fragt sie ent­rüs­tet. Sie ist doch mit ih­ren 47 Jah­ren nun wirk­lich nicht zu na­iv, um krum­me Aus­re­den zu durch­schau­en! Und Tom kann schließ­lich nichts da­für, wenn er mit Fie­ber im Bett liegt. Mit ei­nem Mal be­merkt sie, wie Ines ih­re Pa­pier­ser­vi­et­te ner­vös kne­tet. ­„ No­ra“, fängt sie in be­schwich­ti­gen­dem Ton an, „ich möch­te dei­nem Tom gar nichts un­ter­stel­len. Aber dir muss, den­ke ich, klar sein, dass sich im In­ter­net auch je­de Men­ge Idio­ten tum­meln, die es nicht ernst mei­nen.“

„Si­cher“, gibt No­ra ein we­nig ge­nervt ­zu­rück. „Aber nicht mein Tom.“

Zum Glück bringt der Kell­ner jetzt ih­ren Wein und das Es­sen. Schein­bar kon­zen­triert ver­tieft No­ra sich in ih­re Sou­flaki mit Za­zi­ki, doch da­bei flat­tern die Ge­dan­ken in ih­rem Kopf her­um wie auf­ge­reg­te Tau­ben. Ja, sie weiß, Ines hat mit In­ter­net­be­kannt­schaf­ten kein gro­ßes Glück ge­habt. Ih­ren Pe­ter hat sie dann auch ganz alt­mo­disch in ei­ner Bar ken­nen­ge­lernt. Schön, dass die bei­den zu­sam­men rund­um glück­lich sind. Aber bei ihr ist es eben an­ders. Lan­ge hat sie sich nach ih­rer Schei­dung mit Hän­den und Fü­ßen da­ge­gen ge­wehrt, im In­ter­net nach dem Rich­ti­gen zu su­chen – aber ir­gend­wann ist sie ein­fach neu­gie­rig ge­we­sen. Und das ist auch gut so, denn Tom, mit dem sie be­reits zwei­mal te­le­fo­niert hat, ist ein­fach um­wer­fend. Und gut aus­se­hen tut er auf den Fo­tos auch! „Du bist mir ja ei­ner!“, sagt da ei­ner der Män­ner am Ne­ben­tisch, so laut, dass man sei­ne Wor­te ver­mut­lich auch noch in Grie­chen­land hö­ren könn­te.

No­ra ver­dreht die Au­gen. Kön­nen sich die bei­den Clowns hin­ter der Trenn­wand nicht et­was lei­ser un­ter­hal­ten? Ent­nervt sto­chert sie mit der Ga­bel im Es­sen. Doch schon in der nächs­ten Se­kun­de kann sie nicht an­ders, als mit of­fe­nem Mund zu lau­schen. Ines mit ih­ren weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen geht es of­fen­bar nicht an­ders.

„Du hast die­ser Frau al­so er­zählt, dass du krank bist, weil du dich nicht mit ihr tref­fen woll­test!“, meint die­ser Typ nun, sei­ne Stim­me trieft ge­ra­de­zu vor Be­wun­de­rung.

„Ganz ru­hig blei­ben“, flüs­tert Ines und legt da­bei ih­re Hand auf die ih­rer Freun­din.

Die macht nur „Pssst!“, sie möch­te jetzt auf gar kei­nen Fall auch nur ein Wort ver­säu­men.

„Si­cher“, sagt der an­de­re Mann jetzt auch recht ar­ro­gant. „Ist doch bes­ser so, als wenn ich die Ar­me di­rekt vor den Kopf ge­sto­ßen

Tom soll ein Lüg­ner sein? Nein, das will No­ra nicht glau­ben!

hät­te. Die ist mit ih­rer pum­me­li­gen Hum­mel­tail­le doch eh schon ge­schla­gen ge­nug.“

Fas­sungs­los schaut No­ra an sich her­ab. Okay, sie ist nicht mehr ganz so schlank wie als jun­ges Mäd­chen, aber als pum­me­lig wür­de sie sich wirk­lich nicht ein­schät­zen.

„Der war gut!“, reißt sie die Stim­me des an­de­ren Man­nes aus der kri­ti­schen Selbst­be­trach­tung. „Hum­mel- statt We­spen­tail­le!“, grölt er.

„Sie hät­te mir eben die­ses Fo­to nicht schi­cken sol­len!“, kommt es zu­rück.

No­ra ver­schluckt sich fast am Wein, von dem sie eben ei­nen kräf­ti­gen Schluck ge­nom­men hat. Ent­setzt muss sie an das Fo­to den­ken, das sie ges­tern per E-Mail an Tom ge­sen­det hat. Es ist vor ein paar Wo­chen beim Wan­dern auf­ge­nom­men wor­den, an ei­nem wun­der­schö­nen Herbst­tag mit blau­em Him­mel. Sie fin­det sich dar­auf ei­gent­lich recht an­spre­chend, wie sie so auf der Alm ne­ben ­ei­ner sche­cki­gen Kuh steht. Gut, sie hat ­ih­ren Pul­li um die Tail­le ge­bun­den, wirkt da­mit ver­mut­lich nicht ger­ten­schlank. ­Da­für lacht sie som­mer­spros­sig und fröh­lich in die Ka­me­ra und sieht um ei­ni­ges jün­ger aus, als sie tat­säch­lich ist. Das hat Ines ihr doch auch be­stä­tigt. Oder hat sie et­wa ge­schwin­delt?

Die­se schaut sie nun be­sorgt an. „Wir ­ge­hen so­fort wo­an­ders­hin, ja?“

„Nein, be­stimmt nicht“, sagt No­ra und spürt selbst, dass sie drein­schaut wie der She­riff im Wes­tern, der ei­ne gan­ze Kle­in­stadt rä­chen möch­te. Jetzt ver­kün­det der Typ am Ne­ben­tisch, den No­ra nun ein­deu­tig als Tom iden­ti­fi­ziert hat: „Dem­nächst wer­de ich mich zehn Jah­re jün­ger ma­chen, dann mel­den sich kna­cki­ge­re Frau­en.“

„Das kannst du dir lo­cker leis­ten“, sagt der an­de­re. „Wer­de ich mir mer­ken.“„Jetzt reicht es“, zischt No­ra. Ih­re Wut hat jetzt ih­ren Sie­de­punkt er­reicht. Da kann Ines noch so sehr an ih­rem Är­mel zer­ren, sie lässt sich ganz be­stimmt nicht auf­hal­ten. „Gu­ten Abend, die Her­ren!“, sagt sie gleich ­dar­auf in spöt­ti­schem Ton, als sie vor dem Tisch der bei­den steht.

Die Män­ner gu­cken sie völ­lig ver­wirrt an. „Soll­ten wir uns ken­nen?“, fragt der ver­meint­li­che Tom, der sie tat­säch­lich nicht mal er­kennt.

Okay, ehr­lich ge­sagt hat sie ihn sich auch an­ders vor­ge­stellt. Bah! Der Mann vor ihr sieht un­ge­pflegt aus. Und klei­ner, als er in sei­nen E-Mails ge­schrie­ben hat. Di­cker als auf den Fo­tos sieht er auch noch aus. Au­ßer den dunk­len Haa­ren und Au­gen stimmt da wirk­lich rein gar nichts. Und ver­schnupft klingt er auch nicht, der Heuch­ler! „Ich bin No­ra“, sagt sie mit schnei­den­der Stim­me. „Die mit der Hum­mel­tail­le. Die, die du heu­te Abend kurz­fris­tig ver­setzt hast. Du bist doch echt …“

„… ein ar­mes Würst­chen!“, er­gänzt Ines, die sich ne­ben sie ge­stellt hat, mit ver­ächt­li­cher Mie­ne und wü­ten­dem Blick. Dann zerrt sie No­ra von den Män­nern weg. „Das ist ge­nug der Vor­stel­lung!“Sie hat be­reits die Män­tel und Hand­ta­schen im Arm, drängt ih­re Freun­din zur Aus­gangs­tür. „Ich ha­be be­reits be­zahlt. Jetzt ge­hen wir zu dir und öff­nen ei­ne Fla­sche Sekt.“

„Gu­te Idee“, nu­schelt No­ra, de­ren Hals sich auf ein­mal ganz eng an­fühlt.

Ines schaut sie lie­be­voll an. „Die­ser Depp hat doch kei­ne ein­zi­ge Trä­ne ver­dient!“

Tat­säch­lich schafft No­ra es, trä­nen­los bis nach Hau­se zu kom­men.

„Ein­fach ab­ha­ken“, trös­tet Ines sie auf der Trep­pe in den zwei­ten Stock. „Es gibt auch vie­le tol­le Män­ner in der Stadt!“

„Aber wo sind sie nur?“, flüs­tert No­ra und kramt nach ih­rem Schlüs­sel.

„He, was ist denn das?“, quiekt Ines. Vor No­ras Woh­nungs­tür liegt ein wun­der­schö­ner Strauß aus oran­ge­far­be­nen Ro­sen und Son­nen­blu­men in Pa­pier ver­packt. „Da ist ja so­gar ein Kärt­chen da­bei“, mur­melt No­ra über­rascht und lä­chelt.

„Lie­be No­ra! Es tut mir so leid, dass ich aus­ge­rech­net heu­te krank ge­wor­den bin. Hof­fent­lich se­hen wir uns bald. Ich kann es kaum er­war­ten, dich end­lich li­ve und in Far­be zu se­hen. Dein Tom.“Ge­rührt zeigt sie ih­rer Freun­din die Kar­te.

„Dann war das ja vor­hin gar nicht Tom!“

„Nein, ganz und gar nicht“, flüs­tert No­ra glück­lich. Wie gut, dass sie sich doch nicht in Tom ge­täuscht hat. Von der dum­men ­Ver­wechs­lung wird sie ihm ir­gend­wann ­er­zäh­len. Aber nicht beim ers­ten Da­te!

Hum­mel­tail­le! Al­so, das ist doch wirk­lich die Hö­he!

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.