Der Herbst at­met Ewig­keit

Trossinger Zeitung - - Gottesdienste / Vitrine -

Ok­to­ber– Die ers­ten bun­ten Blät­ter fal­len von den Bäu­men. Zu­rück blei­ben kah­le Äs­te, ih­rer Blät­ter­pracht be­raubt. Die Bäu­me im Herbst er­in­nern mich an die Ver­gäng­lich­keit. Auch wir sind ver­gäng­lich. Ewi­ges Le­ben, das gibt es nicht auf die­ser Welt. Wie es wohl wä­re ewig zu le­ben im Hier und Jetzt? Ich kann mir das nur schwer vor­stel­len.

„Al­les fließt“so hat es der grie­chi­sche Phi­lo­soph He­ra­klit aus­ge­drückt. Die Zeit steht nicht still. Sie ist stän­dig im Wan­del. Auch wir Men­schen blei­ben nicht für im­mer und ewig die, die wir ein­mal wa­ren mit 5 Jah­ren, mit 15, 25, 35 und so fort. Im Nor­mal­fall ent­wi­ckeln wir uns wei­ter. Wir wach­sen und rei­fen. Bis es dann ei­nes Tages so­weit ist. Bis wir Ab­schied neh­men müs­sen von die­ser Welt. Im ge­seg­ne­ten Fall dann, wenn wir un­ser Le­ben ver­söhnt ab­schlie­ßen kön­nen. Ver­söhnt mit dem Tod.

Mich er­schreckt es, wenn ich hö­re, dass Ster­ben und Tod im­mer mehr zu ei­nem Ta­bu­the­ma werden. Wenn das Ab­schied­neh­men von ei­nem Men­schen zu ei­nem In­ter­mez­zo wird, das als stö­rend emp­fun­den wird. Si­cher, der Tod hat et­was Ver­stö­ren­des. Er un­ter­bricht den All­tag, bricht zu­wei­len über­ra­schend über uns her­ein. Er lässt manch­mal ein wü­ten­des, hilf­lo­ses, ohn­mäch­ti­ges Ge­fühl zu­rück. Der Tod ver­stört. Weil uns der Tod im­mer wie­der an die ei­ge­ne Ver­gäng­lich­keit er­in­nert. Er ist un­aus­weich­lich. Kei­ner kommt an ei­ner Be­geg­nung mit ihm vor­bei. Wie wol­len wir ihm be­geg­nen? In wel­cher Form zeigt er sich uns? Fra­gen, die sich Men­schen seit al­ters stel­len. Viel­leicht sind wir die ein­zi­gen Le­be­we­sen, die sich ganz be­wusst die­se Fra­ge stel­len kön­nen. Wenn wir sie zu­las­sen.

Car­pe diem und me­men­to mo­ri – Nut­ze den Tag, ge­den­ke der Sterb­lich­keit. Das sind für mich kei­ne ge­gen­sätz­li­chen Aus­sa­gen. Sie er­gän­zen sich. Der Tod be­rührt uns ganz exis­ten­zi­ell. Da­ne­ben steht das Le­ben. Das Le­ben mit sei­ner un­ge­wis­sen Dau­er. Das Le­ben mit all sei­nen Mög­lich­kei­ten und Un­mög­lich­kei­ten, sei­nen Chan­cen und Gren­zen. Nicht schwarz, nicht weiß, bunt in sei­ner Fül­le so wie die Blät­ter im Herbst. Ir­gend­wann ist ih­re Zeit ge­kom­men. Sie ver­ge­hen. Im Früh­jahr be­ginnt der Kreis­lauf des Le­bens für den Baum er­neut. Auch wenn im Win­ter nichts da­von zu se­hen ist. Trotz­dem wis­sen wir es. Die Bäu­me werden nicht für im­mer kahl blei­ben. Die Zeit steht noch aus, in der neu­es Le­ben auf­wächst. Aber der Aus­blick auf die­ses neue Le­ben, der ist schon im Hier und Jetzt ge­gen­wär­tig spür­bar als Atem der Ewig­keit.

Dar­an er­in­nern mich die Bäu­me im Herbst. Es steht noch et­was aus, was in die­sem Mo­ment noch nicht sicht­bar ist. Noch nicht sicht­bar, doch schon im Glau­ben spür­bar. Pfar­re­rin Ni­co­le Kais­ner, Tutt­lin­gen.

FO­TO: PRI­VAT

Pfar­re­rin Ni­co­le Kais­ner.

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