Der Tag nach dem Ter­ror­ur­teil

tz - - KULTUR & TV - STE­FA­NIE THYS­SEN

Darf man 164 Men­schen tö­ten, um 70 000 zu ret­ten? Um die­se Fra­ge dreh­te sich am Mon­tag­abend das ARD-Ge­richts­dra­ma Ter­ror – Ihr Ur­teil. Die Fern­seh­zu­schau­er, die im Rah­men ei­nes gro­ßen TV-Ex­pe­ri­ments zur Ab­stim­mung über die­se Fra­ge auf­ge­ru­fen wa­ren, ent­schie­den ein­deu­tig: 86,9 Pro­zent plä­dier­ten für den Frei­spruch des Pi­lo­ten. 13,1 Pro­zent hiel­ten ihn für schul­dig (iden­tisch bzw. ähn­lich ging das Vo­ting in Ös­ter­reich und der Schweiz aus). Auch am Tag nach der Aus­strah­lung ko­chen die Emo­tio­nen hoch – zu­mal es tech­ni­sche Pro­ble­me bei der Ab­stim­mung gab. Die tz fasst das Wich­tigs­te zu­sam­men. ■ Wie vie­le Leu­te ha­ben „Ter­ror – Ihr Ur­teil“ein­ge­schal­tet?

6,88 Mil­lio­nen Zu­schau­er, das ent­spricht ei­nem Markt­an­teil von 20,2 Pro­zent. Die So­ci­al-Me­dia-Re­dak­ti­on der ARD er­reich­ten Tau­sen­de von Kom­men­ta­ren und Nach­rich­ten zum Film. Bei Twit­ter stand #Ter­rorIhrUr­teil den ge­sam­ten Abend ganz oben in den Twit­terT­rends.

Wie vie­le Zu­schau­er ha­ben ab­ge­stimmt – und wie kam es zu den tech­ni­schen Aus­fäl­len?

Laut ARD ha­ben über 600 000 Zu­schau­er te­le­fo­nisch und on­line ih­re Stim­me ab­ge­ge­ben. Ei­ni­ge ver­such­ten es ver­geb­lich – die Tech­nik war über­las­tet. Pein­lich! Man ha­be mit ex­ter­nen Di­enst­leis­tern zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, die die „mo­derns­te In­fra­struk­tur“zur Ver­fü­gung ge­stellt hät­ten, er­klär­te Chris­ti­ne Strobl ges­tern. Sie hat als Ge­schäfts­füh­re­rin der ARDFilm­toch­ter De­ge­to Ter­ror mit­pro­du­ziert. Strobl: „Of­fen­bar stößt selbst mo­derns­te Tech­nik bei ei­ner so gro­ßen Be­tei­li­gung an ih­re Gren­zen.“Na­tür­lich hät­te man sich ge­wünscht, dass je­der Zu­schau­er an die­sem Abend durch­ge­kom­men wä­re, so Strobl. Aber: „Das än­dert nichts an der Va­li­di­tät des Er­geb­nis­ses.“■ Wie lief die Dis­kus­si­on bei „Hart aber fair“?

Tur­bu­lent. Lei­den­schaft­lich. Kon­tro­vers. Es war ei­ne gu­te Idee, die eins­ti­gen Kon­tra­hen­ten, den Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Franz Jo­sef Jung und den Li­be­ra­len Ger­hart Baum, an ei­nen Tisch zu set­zen. Zwi­schen den Her­ren ging es heiß her. Ab­wech­selnd wur­de fas­sungs­los der Kopf ge­schüt­telt. Der Zu­schau­er konn­te ent­schei­den, wel­cher Po­si­ti­on er sich nä­her fühlt. Ein ab­so­lu­ter Ge­winn für die Run­de war die Theo­lo­gin und künf­ti­ge Re­gio­nal­bi­schö­fin von Han­no­ver, Pe­tra Bahr. Sie wur­de nicht mü­de zu be­to­nen, dass die Zu­schau­er in ers­ter Li­nie über das En­de ei­nes Films ab­ge­stimmt – und kein „ech­tes“Ur­teil ge­spro­chen ha­ben. Das war wich­tig, weil der Rest der Run­de das stre­cken­wei­se schein­bar ver­ges­sen hat­te.

Kri­tik an der Be­set­zung des Films

Die Be­set­zung des Films wur­de in den So­zia­len Netz­wer­ken hef­tig dis­ku­tiert – vor al­lem in Be­zug auf die Fi­gur Lars Koch. Der an­ge­klag­te Bun­des­wehr­pi­lot wur­de von Florian Da­vid Fitz ge­spielt. Aus­ge­rech­net – mein­ten vie­le. Fitz ist ei­ner der be­lieb­tes­ten Schau­spie­ler der ak­tu­el­len Fil­mund Fern­seh­sze­ne. Ein durch und durch po­si­ti­ves Ge­sicht. Zu po­si­tiv für die zen­tra­le Rol­le der Ge­schich­te?

Ja, meint der Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Dietrich Le­der (Kunst­hoch­schu­le für Me­di­en, Köln). Das gan­ze Fern­se­h­ex­pe­ri­ment ha­be deut­lich in Rich­tung Frei­spruch ten­diert, sag­te er im Deutsch­land­funk. „Fitz ist der Smart-Jun­ge des deut- schen Ki­nos, das ist der, dem al­le Her­zen zu­flie­gen“, so Le­der. Wenn et­wa Lars Ei­din­ger, der Kochs Ver­tei­di­ger gab, den Sol­da­ten ge­spielt hät­te, wä­re die Ab­stim­mung si­cher nicht mit rund 87 Pro­zent aus­ge­gan­gen, son­dern viel­leicht mit 65, glaubt der Wis­sen­schaft­ler. Vie­le Twit­te­rer gin­gen in die­sel­be Rich­tung: „Was, wenn Mar­tin Sem­mel­rog­ge den Pi­lo­ten ge­spielt hät­te?“frag­te ei­ner. Oder gar Til Schweiger?

Re­gis­seur Lars Krau­me hat­te schon im Vor­feld der Aus­strah­lung be­tont: „Wir ha­ben uns um gro­ße Neu­tra­li­tät be­müht. Wir ha­ben da- rauf ge­ach­tet, kei­ne Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men. Die Ka­me­ra be­han­delt al­le Fi­gu­ren gleich, be­ob­ach­tet sie nur in ih­ren Hal­tun­gen, oh­ne sie zu be­wer­ten. Und es gibt zum Bei­spiel auch kei­ne Mu­sik, die den Zu­schau­er un­ter­be­wusst ma­ni­pu­liert“, so der Fil­me­ma­cher.

Pro­du­zent Oliver Ber­ben (Moo­vie) hat­te im Vor­feld mit Fer­di­nand von Schi­rach, auf des­sen Thea­ter­stück der Film zu­rück­geht, dar­über ge­spro­chen, dass je nach­dem, wie sym­pa­thisch oder un­sym­pa­thisch man den Pi­lo­ten be­setzt, das Ur­teil dem­ent­spre­chend an­ders aus­fal­len kann. Schi­rachs Ant­wort sei ge­we­sen: „Das ist vor je­dem Ge­richt und bei je­dem Ver­fah­ren auch so. Die Äu­ßer­lich­kei­ten oder die Ge­ge­ben­hei­ten be­ein­flus­sen die Men­schen.“Wich­tig sei es, sich trotz die­ser Be­ein­flus­sung auf die Fak­ten zu kon­zen­trie­ren und da­nach sein Ur­teil zu fäl­len, so Schi­rach, der Ju­rist ist. ■ Wo kann man das al­ter­na­ti­ve En­de des Films an­schau­en?

Die ARD hat­te zwei Ver­sio­nen des Fil­men­des ge­dreht. Die Frei­spruch-Va­ri­an­te wur­de am Mon­tag nach der Zu­schau­er-Ab­stim­mung aus­ge­strahlt. Die „Schul­di­gVer­si­on“steht auf der ARDHome­page be­reit. Auf der Sei­te von Hart aber fair ( har­ta­ber­fair.de) fin­det sich au­ßer­dem noch das Ur­teil zum Luft­si­cher­heits­ge­setz aus dem Jahr 2006 zum Nach­le­sen.

Der Au­tor und Ju­rist Fer­di­nand von Schi­rach

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