Pro­zess um Ter­ror-Kind

Cel­le: 16-Jäh­ri­ge stach auf Po­li­zis­ten ein

tz - - REPORT -

Sa­fia S. be­tritt den Saal mit de­zen­tem bei­gen Kopf­tuch, sie trägt ei­nen mo­di­schen Strick­pull­over und ei­ne nicht min­der zeit­ge­mä­ße schwar­ze Bril­le. Die Schü­le­rin wirkt zu­rück­hal­tend, ihr Blick ist leicht ge­senkt. Nur ein­mal er­greift die 16-Jäh­ri­ge ges­tern vor dem Ober­lan­des­ge­richt Cel­le kurz das Wort. Als der Vor­sit­zen­de Rich­ter Frank Ro­se­now sie fragt, ob sie ge­duzt oder ge­siezt wer­den wol­le, ant­wor­tet sie: „Sa­fia und Du reicht auch.“

Mehr wird die Öf­fent­lich­keit von Sa­fia S. we­der hö­ren noch se­hen. Gleich da­nach schließt das Ge­richt al­le Zu­hö­rer ka­te­go­risch aus. Die Schutz­be­stim­mun­gen des Ju­gend­ge­richts­ge­set­zes bei jun­gen An­ge­klag­ten sind ein­deu­tig. „Es gilt, die An­ge­klag­ten vor wei­te­rer Bloß­stel­lung und da­mit ver­bun­de­ner Stig­ma­ti­sie­rung zu schüt­zen“, sagt Ro­se­now.

En­de Fe­bru­ar stach Sa­fia S. im Haupt­bahn­hof von Han­no­ver ei­nen Bun­des­po­li­zis­ten bei ei­ner Kon­trol­le ein Ge­mü­se­mes­ser in den Hals und ver­letz­te ihn le­bens­ge­fähr­lich. Nach Über­zeu­gung der Bun­des­an­walt­schaft, die die An­kla­ge ver­tritt, war es ei­ne ge­ziel­te Ter­ror­at­ta­cke, ver­übt im Auf­trag der Dschi­ha­dis­ten­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS).

„Ich ge­he da­von aus, dass die Tat ra­di­kal-is­la­mis­tisch mo­ti­viert war“, sagt Ober­staats­an­walt Si­mon Hen­richs. Bei dem Ver­fah­ren muss sich zu­dem ein 20-jäh­ri­ger Be­kann­ter von S. ver­ant­wor­ten, der ih­re Plä­ne ge­kannt ha­ben soll ( tz be­rich­te­te).

Nach Darstel­lung der Bun­des­an­walt­schaft hat­te sich die deutsch-ma­rok­ka­ni­sche Ju­gend­li­che spä­tes­tens rund drei Mo­na­te vor dem An­griff mit der Ideo­lo­gie des IS iden­ti­fi­ziert und war auf ei­ge­ne Faust in die Tür­kei ge­reist, um von dort wei­ter in IS-Ge­bie­te in Sy­ri­en zu ge­lan­gen. Zwar fing ih­re Mut­ter sie ab und brach­te sie En­de Ja­nu­ar zu­rück nach Han­no­ver. Doch schon in der Tür­kei soll Sa­fia von ISMit­glie­dern zu ei­nem An­schlag an­ge­sta­chelt wor­den sein.

An­grif­fe wie die von Sa­fia S. – oh­ne viel Auf­wand ver­übt von Ein­zel­tä­tern mit zu Waf­fen um­funk­tio­nier­ten All­tags­ge­gen­stän­den – sind ein Alp­traum für die Si­cher­heits­be­hör­den. Als „ein­sa­me Wöl­fe“wer­den sie bis­wei­len be­zeich­net. Sich un­auf­fäl­lig ra­di­ka­li­sie­ren­de Ju­gend­li­che gel­ten als be­son­de­res Pro­blem. Auch der 17-Jäh­ri­ge, der im Ju­li in ei­nem Zug in Würz­burg vier Men­schen mit ei­ner Axt ver­letz­te und sich zum IS be­kann­te, passt in die­ses Ras­ter

Aber war es im Fall von Sa­fia S. wirk­lich so? Für ih­ren Ver­tei­di­ger ist längst nicht aus­ge­macht, dass es sich bei ihr um ei­ne zu al­lem ent­schlos­se­ne jun­ge Is­la­mis­tin han­delt.

Der Be­weis für ei­ne IS-Fern­steue­rung sei für ihn eben­falls nicht er­bracht, be­tont An­walt Mut­lu Günal. Er ver­weist auf ei­nen Ent­schul­di­gungs­brief, den Sa­fia S. an den von ihr ver­letz­ten Be­am­ten ge­schrie­ben ha­be. Es sei „re­la­tiv un­ty­pisch, dass sich ver­meint­li­che At­ten­tä­ter dann spä­ter bei ih­ren Op­fern ent­schul­di­gen“.

Die Bun­des­an­walt­schaft wie­der­um ist sich si­cher. Am Tag vor dem An­griff hat­te Sa­fia S. laut An­kla­ge ih­re Vor­ge­hens­wei­se per In­ter­net-Mes­sen­ger mit ih­ren IS-Kon­takt­leu­ten be­spro­chen und ih­nen ein selbst­ge­mach­tes Be­ken­ner­vi­deo ge­schickt. Dies und die Tat­sa­che, dass die un­schein­ba­re Ju­gend­li­che ei­gent­lich für ei­ne „Mär­ty­rer­ope­ra­ti­on“vor­ge­se­hen ge­we­sen sei, kön­ne be­deu­ten, dass sie wo­mög­lich gar Schlim­me­res plan­te und ster­ben woll­te. Das Ur­teil. soll En­de Ja­nu­ar ver­kün­det wer­den.

F: dpa

An­ge­hö­ri­ge von Sa­fia ka­men ver­schlei­ert zum Pro­zess

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