Ge­bro­che­ner Traum­prinz

Deut­sches Thea­ter: Nuss­kna­cker

tz - - KULTUR + TV - SU­SAN­NE WEISS

D er Nuss­kna­cker ist ka­putt. Statt Bei­nen hat er Holz­ste­cker, statt Fü­ßen PET-Fla­schen. Aber der Ober­kör­per ist in Schuss. Er be­gut­ach­tet sei­ne Ar­me und nickt selbst­ver­liebt. In sei­nem größ­ten Hit singt er: Don’t go cracking my nuts.

Das ist Fre­drik Rydmans Nuss­kna

cker. Er hat Pjotr Tschai­kow­skys Bal­lett mit Street­dance und ak­tu­el­ler The­ma­tik ver­se­hen. Nut

cra­cker Re­loa­ded ist ein mo­der­nes Tanz­thea­ter, wit­zig und trau­rig zu­gleich– und mit dem ge­bro­che­nen Traum­prin­zen, der sich für den per­fek­ten Ty­pen hält, aber gleich­zei­tig de­pri­miert ist, weil sein Un­ter­kör­per aus Ab­fall be­steht, auch skur­ril. Im Ja­nu­ar kom­men die Tän­zer ins Deut­sche Thea­ter nach Mün­chen.

Cla­ra be­kommt im Ori­gi­nal von ih­rem Pa­te­n­on­kel Dros­sel­mey­er ei­nen Nuss­kna­cker zu Weih­nach­ten. Im Traum kämpft sie mit ihm und ei­ner Ar­mee von Spiel­zeug­sol­da­ten ge­gen den Mäu­se­kö­nig. Das mär­chen­haf­te Grund­ge­rüst der al­ten Ge­schich­te ist ge­blie­ben, in der Neu­auf­la­ge von Rydman hat Cla­ra aber ih­re El­tern ver­lo­ren und lebt auf ei­ner Müll­hal­de.

Dros­sel­mey­er ist ein Organ­händ­ler und sucht ein Herz für ei­ne kran­ke Frau, die Cla­ras Blut­grup­pe hat. Um ihr Ver­trau­en zu ge­win­nen, kommt Dros­sel­mey­er mit ei­nem Sack vol­ler Spiel­zeug – dar­un­ter Darth Va­der und Su­per­ma­rio – und dem Nuss­kna­cker, dem die Bei­ne feh­len, aber für Cla­ra trotz­dem das Schöns­te ist, was sie je ge­se­hen hat. Sie bas­telt ihm Fü­ße und ein Tu­tu aus Ab­fall.

In Rydmans Cho­reo­gra­fie wird Bal­lett im­mer wie­der von Break­dance ab­ge­löst. „Die Idee zum Nuss­kna­cker ist in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren

ge­wach­sen“, sagt der Cho­reo­graf, der in Deutsch­land mit Swan­la­ke Re­loa­ded

be­kannt ge­wor­den ist. „Ich woll­te et­was er­schaf­fen, was wir durch die Au­gen ei­nes Kin­des se­hen, da in ih­rer Welt al­les mög­lich ist. Es ist eben ein Mär­chen.“

Bei so vie­len Ide­en ist es für die Tän­zer bei den Pro­ben nicht im­mer leicht, den Ge­dan­ken des Cho­reo­gra­fen zu fol­gen. „Fre­drik er­war­tet sehr viel“, sagt El­len Lind­blad (25), die als Cla­ra auf der Büh­ne steht. Trotz­dem oder ge­ra­de des­halb ma­che es aber viel Spaß.

Den Spaß trans­por­tie­ren die Tän­zer so ge­konnt, dass der Zu­schau­er fast ver­gisst, wel­che Ge­sell­schafts­kri­tik hin­ter Rydmans Nuss­kna­cker steckt: Organ­han­del, Idea­le der west­li­chen Welt, Sel­fieKul­tur, Ar­mut. Er ha­be im Ra­dio von Bett­lern ge­hört, er­zählt Rydman, die sich über ei­nen Ted­dy­bä­ren freu­ten, den sie nach Hau­se zur Toch­ter schi­cken. „Der Re­por­ter ist zu die­sem Mäd­chen ge­fah­ren, das auf ei­ner Müll­hal­de in Ru­mä­ni­en lebt. Das hat mich sehr be­rührt.“

Nut­cra­cker■ Re­loa­ded ist von 17. bis 22. Ja­nu­ar im Deut­schen Thea­ter zu se­hen. Der Kar­ten­vor­ver­kauf hat be­gon­nen.

Fo­to: Ohls­son

Bei­ne aus Holz, ein Tu­tu aus Müll: der Nuss­kna­cker im Break­dance-For­mat

Fo­to: Heim­berg

El­len Lind­blad (Cla­ra) ar­bei­tet ger­ne mit dem Cho­reo­gra­fen Fre­drik Rydman

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